Jahrhundertprojekt in der Warteschleife – Am Freiburger Stadttunnel wird immer noch nur geplant Bauen & Wohnen | 02.09.2026 | Holger Schindler
Ab ins Dunkle: Der Schützenalleetunnel soll direkt mit dem Stadttunnel verbunden werden.
Seit mehr als vier Jahrzehnten beschäftigt der Stadttunnel Freiburg. Das 1,8 Kilometer lange Bauwerk soll die B31 unter die Erde bringen und die Dreisam vom Durchgangsverkehr entlasten. Doch aus einst 325 Millionen Euro Baukosten sind nach Informationen der Redaktion schon mehr als 480 Millionen geworden – und wann gebaut werden kann, ist weiter völlig offen.
Über den Stadttunnel wird seit Jahrzehnten diskutiert – doch die Realisierung scheint immer wieder in die Ferne zu rücken. Dabei hat das Vorhaben einen prominenten Platz in der Verkehrsplanung des Bundes: Seit 2016 gehört es zum sogenannten vordringlichen Bedarf. Vorgesehen sind zwei jeweils 1,8 Kilometer lange Tunnelröhren mit je zwei Fahrstreifen. Sie sollen vom Schützenalleetunnel bis zur Kronenbrücke führen und einen Großteil des Verkehrs unter die Erde verlagern. Die heutige Bundesstraße würde zudem Teil der Autobahn A860.
Das Verkehrsaufkommen auf der B31 ist erheblich. Eine Verkehrsuntersuchung kommt auf rund 57.400 Fahrzeuge täglich. Bis 2040 könnten es nochmals rund 5800 mehr werden, schätzen Experten. Kommt der Tunnel, könnten allerdings bis zu 80 Prozent des heutigen Verkehrs auf der B31 unter die Erde verlagert werden, beim Schwerlastverkehr sogar bis zu 90 Prozent.
Doch bis die ersten Autos im Boden verschwinden, dürfte noch viel Zeit vergehen. Bauherrin ist die bundeseigene Autobahn GmbH. Sie hat die Vorplanung abgeschlossen und arbeitet derzeit nach eigenen Angaben an der Entwurfsplanung. Dabei geht es nicht nur um die beiden Röhren, sondern auch um deren Anschlüsse an das städtische Straßennetz. Das soll Ende 2026 fertig sein.
Danach muss das Bundesverkehrsministerium die Planung prüfen und freigeben. Anschließend wird das Planfeststellungsverfahren vorbereitet und durchgeführt. Wann tatsächlich Bagger anrollen könnten, vermag niemand zu sagen. „Aus städtischer Sicht kann dies noch nicht eingeschätzt werden“, sagt Stadtsprecherin Martina Schickle.
Die Kosten für den Stadttunnel sind auch noch unklar. Als der Bund das Projekt 2016 in den Bundesverkehrswegeplan aufnahm, wurden etwa 325 Millionen Euro veranschlagt. Diese Zahl ist längst überholt. In einem der Redaktion vorliegenden Schreiben von Florian Toncar, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, an den Vorsitzenden des Deutschen Haushaltsausschusses Helge Braun, aus August 2023 stehen 481,7 Millionen Euro. Von weiteren Kostensteigerungen ist wohl auszugehen, doch eine aktuelle Kostenberechnung der Autobahn GmbH liegt öffentlich bislang nicht vor.
Dass Freiburg trotz der langen Zeitschiene am Tunnel festhält, liegt nicht nur am Verkehr: Mit dem Projekt verbindet die Stadt die Chance, das Gesicht der Innenstadt grundlegend zu verändern. Wenn der Durchgangsverkehr unter die Erde verschwindet, könnte die heutige B31 an der Oberfläche auf je eine Fahrspur pro Richtung reduziert werden. Studien zeigen neue Grün- und Aufenthaltsflächen entlang der Dreisam, bessere Verbindungen zwischen Innenstadt und Wiehre, Raum für Fußgänger, Radfahrer und Gastronomie. In früheren Entwürfen war von rund 3000 Quadratmetern zusätzlicher Grünfläche und etwa 280 Bäumen die Rede.
Genau daran entzündet sich allerdings seit Jahren der politische Streit. Befürworter sehen den Tunnel als einmalige städtebauliche Chance und Antwort auf die hohe Verkehrsbelastung. Gegner halten das Großprojekt für klimapolitisch überholt und warnen davor, zusätzlichen Verkehr anzuziehen. Baubürgermeister Martin Haag geht weiter davon aus, dass der Tunnel kommt, „auch wenn ich vor ein paar Jahren schon mal deutlich optimistischer war“. Das Projekt sei zu wichtig, um es aufzugeben.
Freiburg hat die Vorplanung schon mit fünf Millionen Euro vorfinanziert. Auch um in den vordringlichen Bedarf zu kommen. Nach Abschluss der Planung soll dieses Geld zurückfließen. Haag hofft, dann noch Bürgermeister zu sein. Bei der Einweihung des Stadttunnels sei das weniger sicher.
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