Bauer, Berge, Bestenliste: Ein Tag auf dem Hof eines Biolandwirts STADTGEPLAUDER | 01.09.2020 | Liliane Herzberg

Schindelmatthof; Bioland; Kühe

Der Schindelmatthof im Münstertal auf über 1100 Metern ist sein Lebensmittelpunkt: ­Thomas­ Riesterer ist dort aufgewachsen,­ nach einem Brand ausgezogen, die Welt zu erkunden, und 2015 schließlich zurückgekehrt, um den Betrieb zu übernehmen. Mit verändertem Konzept, viel Elan und einer Philosophie, mit der er es 2019 unter die drei besten Bio-Landwirte im deutschsprachigen Raum schaffte. chilli-Volontärin Liliane Herzberg hat ihn besucht.

Es ist sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt. Der Familienvater weiß, es wird ein langer Tag. Aber er freut sich drauf. Ein letztes Mal umdrehen, aufstehen, anziehen, frühstücken, dann startet die erste Tour zu seinen 85 Tieren. Noch ist es kühl, Vögel zwitschern, die Kühe muhen, Schwarzwald und Rheinebene liegen direkt vor der Haustüre. Manchmal wird der Landwirt und Metzger auf seiner morgendlichen Runde von seinem zweieinhalbjährigen Sohnemann Valentin begleitet. „Das geht aber nicht immer, denn dann dauert die Tour durchaus mal anderthalb Stunden, statt einer halben.“ Und die Zeit müsse er erst mal haben. „Aber es ist toll, und Valentin versteht das langsam alles.“

Dann beginnt das eigentliche Tagewerk. Die Fliegen sind längst erwacht und umkreisen die Kühe. Für Riesterer sind jeden Tag neue Aufgaben zu erledigen: „Zum Beispiel die Ernte, gerade muss ich Heu mähen, manchmal die Tiere auf eine andere Weide umziehen. Oft sind auch die Zäune kaputt, entweder wegen Wild oder wegen den Wanderern.“

Muskat gegen Durchfall

Die Tage sind voll. Und unstrukturiert: „Meistens ist mein Plan von sieben Uhr um halb acht Uhr schon wieder kaputt.“ Das Leben in den Bergen ist spontaner, rauer – das kennt auch Valentin Riesterer. Die Brennnesseln tun weh, wenn er reinläuft, „aua“.

Der Schindelmatthof umfasst rund 65 Hektar Land und ist ein Biolandbetrieb. Vor fünf Jahren übernahm der heute 41-Jährige gemeinsam mit seiner Frau den Hof, nachdem der 1996 abgebrannt war und sich die familiären Wege getrennt hatten. Das Paar baute sich anstelle des ehemaligen Michviehbetriebs einen Betrieb mit ökologischer Viehzucht auf. „Wir sind ein reiner Dauergrünlandbetrieb ohne Ackerbau. Der Pflanzenbestand ist aufgrund unserer Höhenlage sehr kräuterreich und daher energieärmer als weiter unten. Durch die natürliche Ernährung mit Gras und die Zeit, die ich ihnen zum Wachsen gebe, zeichnet sich das Fleisch durch seine besondere Qualität aus“, schwärmt Riesterer. Erst ab zwei Jahren entwickle sich das gute Aroma vollständig.

Schindelmatthof; Bioland; Thomas Riesterer

Jedes Tier hat einen eigenen Namen: Biolandwirt-Ehepaar Riesterer setzt auf eine enge Bildung zu den Rindern und orientiert sich bei der Haltung am Tierwohl.

Mutterkühe werden auf dem Bioland-Betrieb durchaus 15 bis 20 Jahre alt, ein Weiderind etwa zwei Jahre. Den zweiten Sommer verbringen die Tiere noch in der Herde draußen, ehe sie geschlachtet werden. Ein Teil der Philosophie ist außerdem die natürliche Behandlung. So gebe sie etwa Muskat gegen Durchfall, anstatt gleich starke Medizin zu verabreichen, erklärt Anke Riesterer.

Der Weg schließlich zum Metzger in Bad Krozingen bedeute für die Tiere keinen Stress: „Sie sind das Fahren im Anhänger gewohnt“, betont der Landwirt. Er fahre immer selbst und die Rinder seien meist zu zweit im Anhänger. Anschließend hole er das Fleisch in Hälften oder Vierteln im mobilen Reiferaum wieder ab und bearbeite es auf dem Hof im Zerlegeraum. „Nur so kann ich die Transparenz für meine Kunden aufrechterhalten.“ Wer sich ein ganz genaues Bild machen möchte, kann den Urlaub in der Ferienwohnung des Paares auf dem Hof verbringen.

Um 12 Uhr gibt es Mittagessen. „Das ist die einzige Konstante an meinem Tag“, erzählt der Landwirt schulterzuckend, während sein Sohn mit der Fliegenklatsche durchs Wohnzimmer rast und die Verfolgung seiner Beute aufnimmt. Die erst im Mai geborene Mina schlummert ungerührt auf dem Arm ihrer Mutter, offenbar ist sie den Energieschub des Bruders längst gewöhnt.

Schindelmatthof; Thomas Riesterer; Bioland

Thomas Riesterer mit seiner Frau Anke und seinen Rindern.

Nach dem Mittagessen geht es wieder raus an die Arbeit. Stolz zeigt der Landwirt seinen Stall, der jetzt im Sommer Lagerraum für riesige Mengen Heu ist. Wer reinkommt, muss nicht selten sofort niesen. Überall hängt der feine Staub des Heus in der Luft. Eine Etage weiter unten ist der „Kälberschlupf“ zu sehen. Im Winterhalbjahr, etwa von Anfang November bis Mai, wenn die Tiere standortbedingt im großen Laufstall leben, können sich die Kleinen dorthin zurückziehen.

Aber noch sind sie draußen und toben gemeinsam rum. „Ich bin jeden Tag für eine halbe Stunde bei den Herden und merke: Je länger der Sommer dauert, desto mehr folgen die Tiere ihrem Instinkt“, erzählt der Landwirt. Das wird deutlich, als Valentin Riesterer an ihrer Weide vorbeisaust. Plötzlich herrscht Unruhe unter den Mutterkühen. „Die sind sehr aufmerksam und schützen ihre Kleinen gut.“ Die Herdenstruktur sei spannend, es gebe so etwas wie einen Kindergarten: „Die Kälber sind meist gemeinsam unterwegs, und abends um sieben Uhr werden alle von ihren Müttern geduscht.“

Kuh Amelie ist gestern ausgebüxt und auch heute wieder frech. Sie ärgert die anderen mit Stupsern. „Alle unsere Tiere haben einen Namen, Anke denkt sie sich aus und ich muss sie mir dann merken“, sagt Riesterer und lacht. Die Tiere werden erst geschlachtet, wenn sie vollständig verkauft sind. Das System läuft über Vorbestellungen, jeden Samstag im Winterhalbjahr können die Kunden ihre Bestellungen auf dem Schindelmatthof abholen.

19 Uhr ist Duschzeit

Ein eingerahmtes Dokument im Zerlegeraum lässt wissen: Thomas Riesterer ist erfolgreich in dem, was er tut. Dort steht: Deutschlands Biolandwirt des Jahres 2019. Im Oktober 2019 wurde er als Finalist in der Kategorie „Biolandwirt“ unter 40 anderen Bewerbenden ausgewählt und bekam den CeresAward in Berlin verliehen. Er teilt sich das zweite Treppchen mit einer Landwirtin aus Deutschland. „Entscheidend sind nicht höchste Leistungen auf dem Feld oder im Stall, sondern beste wirtschaftliche Ergebnisse bei gleichzeitiger Berücksichtigung bäuerlicher Unternehmertugenden“, erklärt Antonia Große aus der Marketingabteilung der Deutscher Landwirtschaftverlag GmbH, die den CeresAward ins Leben gerufen hat. Dazu gehören Mut, Ideenreichtum sowie Verantwortungsbewusstsein für Familie, Betrieb, Tier, Natur und Gesellschaft. Und: Gleich daneben hängt noch ein zweites eingerahmtes Dokument: „Dieses Jahr haben wir noch die Auszeichnung ‚Organic Farm of the Year 2020‘ mit dem Munich & South Germany Prestige Award verliehen bekommen“, erzählt Anke Riesterer stolz.

Schindelmatthof; Thomas Riesterer; Bioland

Keck und wild und frei: Die Tiere auf dem Schindelmatthof.

„Ich würde sagen, auch wenn uns unser Leben hier oben oft bis an die Belastungsgrenze fordert, überwiegen für uns die schönen Momente.“ Seine Frau stimmt ihm zu: „Ich bin hier so daheim, wie noch nirgends zuvor in meinem Leben. “

Inzwischen ist es 18 Uhr, Zeit für das Abendessen und anschließend Bettzeit für die Kleinen. „Danach gehe ich wieder raus bis etwa halb zehn Uhr abends, da mache ich im Sommer Feierabend“, erzählt Riesterer. Nach einer Lagebesprechung mit seiner Frau geht sie ins Bett, er schaut noch eine Stunde fern. Ein langer Tag nimmt sein Ende. Es ist still, Kühe, Katzen, Fliegen – alle schlafen. Ruhig ist es dort oben im Münstertal. Ehe am nächsten Morgen um sechs Uhr früh der Wecker wieder klingelt.

 

Fotos: © jr