»Das ist ein Kleines gesellschaftliches Wunder« – chilli-Interview mit dem Freiburger Intendanten Felix Rothenhäusler Kultur | 22.06.2026 | Lars Bargmann
Felix Rothenhäusler startet mit seiner Crew im September in seine zweite Saison als Intendant des Freiburger Theaters. Ein Gespräch mit chilli-Chefredakteur Lars Bargmann über Gegenwelten, Widersprüche und das besondere Freiburger Publikum.
chilli: Herr Rothenhäusler, ist das Freiburger Theater nun quietschpink oder seriös?
Rothenhäusler: Herrlich, diese Einstiegsfrage. Für uns zählt der Versuch, uns den Kategorien und Zuschreibungen zu entziehen und zu sagen, unser Theater ist ein so lebendiger und vielfältiger Ort und versucht immer, diese Gegensätze auszuhebeln. Ich finde das auch gesamtgesellschaftlich gerade extrem wichtig, rauszukommen aus diesen Zuschreibungen und dem Versuch, immer alles irgendwie kategorisieren und sagen zu müssen, das sind jetzt die Quietschpinken oder das sind die Seriösen. Ich glaube, Hochkultur und das Populäre, Nachhaltigkeit und Glamour schließen sich nicht aus. Sie können nebeneinander bestehen und genau das versuchen wir in unserem Programm sichtbar zu machen.
chilli: Die Wahlerfolge der Rechtsextremen in Europa zeigen, dass die Menschen offenbar lieber Lautsprechern mit sehr simplen Botschaften Vertrauen schenken als Menschen, die um komplexe Lösungen von komplexen Problemen ringen. Kann ein Theater in dieses Trauerspiel hineinwirken?
Rothenhäusler: Rechte jubeln Ängste hoch und bieten dann einfache Wahrheiten an. Wir als Theater versuchen, hoffnungsfrohe Szenarien zu entwerfen und Gegenwelten anzubieten. Wir laden die Menschen ernsthaft ein, diese Komplexität nicht zu reduzieren, sondern sich dieser auszusetzen und die bestehenden Ängste genau darüber abzubauen. Also eben gerade nicht nach den einfachen Antworten zu suchen, keine Angst zu haben vor der Komplexität, der Widersprüchlichkeit der Welt, sondern ein Urvertrauen darin zu finden, dass Zukunft immer gestaltbar ist, dass wir nicht ausgeliefert sind, dass alles in einem Veränderungsprozess ist.
chilli: Wir erleben ein alltägliches Drama der Weltpolitik mit Kriegen in Europa und Nahost, Folter an Aktivisten, dem Aufbrechen transatlantischer Beziehungen, Handelskriegen, Rezessionen, Chinas globalen Aktivitäten, dem Kampf um den Weltraum. Wie beeinflusst das einen Intendanten?
Rothenhäusler: Persönlich geht mir das nah und ich habe die Tendenz, davon sehr verletzt und getroffen zu sein. Das Gute für mich in der Arbeit als Intendant ist, dass ich eine Verantwortung für ein sehr großes Haus mit über 400 ganz unterschiedlichen Menschen habe, die mit ihren ganzen Unterschiedlichkeiten hier zusammenkommen können. Es ist ein unfassbares, überhaupt nicht selbstverständliches Gut, dass wir Kunst machen können, dass so viele unterschiedliche Professionen, Handwerke, Expertisen an einem Ort zusammenkommen. Das ist ein kleines gesellschaftliches Wunder und auch eine wahnsinnige Belebung für eine Stadt. Das fasziniert mich extrem und dafür kann ich unglaublich viel Energie mobilisieren, diesen Ort für diese Menschen, die Kunst offen zu halten und nicht von der Krise, Dystopie oder Zukunftsangst infiltrieren zu lassen.
chilli: „Infiltriert“ wird das Publikum auch von den sogenannten sozialen Medien, einer unfassbar entblödeten Pseudonachrichtenwelt, Streaming-Supermärkten. Wie will das Theater in diesen 20er-Jahren seine Relevanz bewahren?
Rothenhäusler: Ich glaube, ganz einfach durch seine Existenz. Die sozialen Medien führen viele in eine gesellschaftliche Isolierung, alles partikularisiert sich immer mehr. Es gibt immer kleinere Gruppierungen, mit denen sich Menschen identifizieren. Und dann wird nur noch gelesen, geschaut, zugelassen, was in diese Bubble reinpasst und einen bestätigt. Alles andere wird ausgeblendet. Umso wichtiger ist das Theater als einer der wenigen Orte, an denen überhaupt noch das Potenzial ist, dass Menschen, die sich sonst im Alltag vielleicht gar nicht begegnen würden, zumindest nebeneinandersitzen und einem Ereignis gemeinsam beiwohnen. Und am besten miteinander ins Gespräch kommen.
chilli: Ins Gespräch kommen will das Theater auch mit seinem Publikum. Man könnte wohl sagen, dass die Theater sich vom eher Monologischen hin zum appellierenden Dialogischen entwickelt haben …
Rothenhäusler: Was mir am Theater besonders Spaß macht ist tatsächlich, mit den Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, vor allem, wenn was nicht gefällt. Nicht nur über unsere Nachgespräche, etwa das Format „Zu Tisch“, das wir zu allen Produktionen anbieten. Es ist wundervoll, dass unser Publikum Dinge kritisiert, hinterfragt, Vorstellungen liebt und völlig begeistert sein kann. Das Wichtigste ist, dass wir als Gesellschaft im Austausch und Gespräch bleiben. Schlimm wäre, wenn unser Publikum nach einer Enttäuschung einfach wegbliebe, das Schlimmste wäre Gleichgültigkeit.
chilli: Wie bewerten Sie die Reaktion des Freiburger Publikums bis hierher?
Rothenhäusler: Wir haben einen wahnsinnigen Zuschauerzuspruch, sehr viele Produktionen waren permanent ausverkauft, und das ist bei einem Intendanzwechsel nicht selbstverständlich. Wir haben aber auch Produktionen, die nicht permanent voll sind. Unsere Kursrichtung mit den vier Leitthemen (Verhältnis Mensch Natur, Kommunikation und Miteinander, Queerness, Erinnerungspolitik, Anm. d. Red.) behalten wir in der neuen Spielzeit bei, die Bilanz bis jetzt ist für uns erst mal eine sehr positive.
chilli: Sie haben schon an Theatern in München, Zürich, Stuttgart, Saarbrücken, Göttingen, Heidelberg, Düsseldorf, Bremen gearbeitet. Was macht das Theater Freiburg aus?
Rothenhäusler: Freiburg hat ein sehr begeisterungsfähiges und kritisches Publikum, das ist in vielen Städten deutlich schwieriger. Ich finde es schon auffällig, dass die Freiburger*innen dieses Theater so lieben. Wir haben einen der größten Theaterfreundeskreise bundesweit. Mir war und ist total wichtig, in der ersten Spielzeit eine flammend herzliche, leidenschaftliche Einladung auszusprechen und das auch so zu meinen und nicht nur irgendwo hinzuschreiben.
chilli: Diesen Trend, sich zur Stadtgesellschaft hin zu öffnen, gibt es vielerorts …
Rothenhäusler: Ja, aber mit dieser Vehemenz sehe ich das anderswo kaum. Wir machen sehr viele Projekte in unserem Haus, haben viele Veranstaltungen im Foyer, die Getränkeumsätze zeigen steil nach oben, wir haben den Open Monday, Ausstellungen, den Symphonic Mob und unseren partizipativen Bereich Mitmachen!
chilli: … bei der Presskonferenz zur neuen Spielzeit haben Sie gesagt, „kommen Sie alle ins Theater, sonst kommen wir zu Ihnen“. Ernsthaft?
Rothenhäusler: (lacht) Das war vielleicht ein bisschen polemisch herausgehoben. Aber wir machen ja längst nicht nur unsere Stadtteilkonzerte wie neulich in Haslach, wo ich es extrem berührend fand, wie die Menschen da an einem besonderen Ort gemeinsam etwas Besonderes erleben. In der nächsten Spielzeit setzen wir das ein bisschen stärker fort, indem wir tatsächlich mit der Produktion Orlando auch in die Wohnzimmer kommen können. Sie müssen sich dafür bei uns nur anmelden. Ähnlich wie bei Anruf Chor! – unserem Format, wo der Kinder- und Jugendchor in Einrichtungen kommen kann und in die Stadt geht.
chilli: Die Zahl der Vorstellungen im eigenen Haus ist stark gestiegen, wie geht das mit einem unveränderten Budget?
Rothenhäusler: Durch viele Kooperationen, Ko-Produktionen und wir übernehmen auch mal Produktionen. Wir gehen also anders mit unseren Ressourcen um. Aber vor allem haben wir ein starkes Ensemble mit einer sehr hohen künstlerischen Qualität. Wir haben mit André de Ridder einen Generalmusikdirektor, der bald als Chefdirigent an die English National Opera in London wechselt. Lila Chrisp hat gerade einen der bedeutendsten Gesangswettbewerbe weltweit gewonnen. Wir haben Neuzugänge, die international extrem renommiert sind. Freiburg spielt da in einer extrem hohen Liga. Urs Peter Halter oder Nadine Geyersbach sind zu uns gekommen, Schauspieler, die vor 20 Jahren schon in Freiburg waren und an großen Häusern gespielt haben. Ich bin tatsächlich total stolz darauf und freue mich, dass das an so einem großen Betrieb, so einem Mehrspartenhaus möglich ist, so eine künstlerische Qualität geben zu können.
chilli: Herr Rothenhäusler, vielen Dank für dieses Gespräch.
Nominiert
Das Theater Freiburg ist mit seinem Konzept Mitmachen! in der Kategorie „Urbaner Raum“ für den ZukunftsGut-Preis 2026 nominiert. Beim bundesweiten, insgesamt mit 80.000 Euro dotierten Kulturvermittlungspreis wurden 16 von 228 Bewerbungen für die Endrunde ausgewählt. Der Preis wird an Institutionen verliehen, die kulturelle Bildung und Teilhabe als zentrale strategische Aufgabe verstehen und innovative Wege der Öffnung, Beteiligung und Vernetzung entwickeln.
Foto: © Britt Schilling









