Eine Intervention zur Identitätsfrage – Das Aktionstheater Pan.Optikum erkundet den Zusammenhalt im eigenen Quartier Kultur | 28.05.2026 | Erika Weisser

Fragmente: An der Wörter­wand vor der Zollhalle formen die Passanten Sätze und Fragen zum Leben im Quartier am Güterbahnhof Fragmente: An der Wörter­wand vor der Zollhalle formen die Passanten Sätze und Fragen zum Leben im Quartier am Güterbahnhof

Auf der langen, leuchtend orangeroten Bank vor einer Ladenzeile im Quartier Brühl-Güterbahnhof haben viele Leute Platz. Allerdings muss man sie erst einmal in die Waagerechte bringen: Bodenhaftung hat sie nur an einem Ende, das andere ragt in die Luft: Die Bank ist auf einen grasgrün gestrichenen Standpfosten montiert, der höher ist als ihre Beine lang.

Das schräge Möbel ist Teil des neuen Projekts des Aktionstheaters Pan.Optikum, dessen internationales Ensemble seit Jahren – nicht nur in Freiburg – mit spektakulären Auftritten im öffentlichen Raum von sich reden macht. „Who cares?“ ist das auf Mitwirkung angelegte Vorhaben benannt. „Im Zentrum steht die Frage, wie Fürsorge, Aufmerksamkeit und gemeinsame Verantwortung in einem neu entstehenden Stadtteil erfahrbar werden können“, sagt Leonie Fritsch.

Sie ist bei Pan.Optikum hauptsächlich für Dramaturgie zuständig – und hat mit ihren Kollegen die Entstehung eines Stadtteils hautnah miterlebt: Seit 13 Jahren hat das Aktionskunst-Kollektiv seine Produktionsstätte in der Lokhalle auf dem Güterbahnhofsareal. Und während dieser Zeit hat sich das Gelände komplett verändert: Zoll- und Lagerhallen, Geleise und Kleinbetriebe sind Büro- und Wohnhäusern gewichen, Infrastruktur entstand, viele Menschen zogen her.

Von denen, so Fritsch, wisse man aber nicht viel. Alles wirke „irgendwie steril“, ohne sichtbare gemein- oder nachbarschaftliche Aufenthalts- und Begegnungsräume. Deshalb wollen sie jetzt hinausgehen in ihr Quartier. Wollen mit den Menschen in Kontakt kommen, ausbalancieren, was fehlt und was es braucht, damit sich auch in einer sich wandelnden Gesellschaft ein Gemeinwesen entwickeln kann. Deshalb die Bank-Wippe.

Bis zum 18. Juni befinden sich im Stadtteil noch weitere Elemente aus der Pan.Optikum-Werkstatt: An der Lokhalle steht ein Klang-Hexagon, in dem sich sechs Menschen gleichzeitig zurücklehnen und einer Sound-Collage lauschen können. Und an einer riesigen „Wörterwand“ auf dem Zollhof-Platz können 24 einseitig beschriftete Schilder so gedreht werden, dass sich etwa Fragen wie „WIRKLICH IMMER ALLEIN?“ ergeben. Fragen, die man sich womöglich im Privaten stellt. Die nun aber mit anderen Bewohnern verhandelt werden können.

Die über einen am jeweiligen Element befindlichen QR-Code in den virtuellen Raum von Pan.Optikum übertragenen Fotos und Statements werden ab 11. Juli in einer interaktiven Ausstellung in der Lokhalle präsentiert – begleitet von mehreren Performances. Hier werden Laien und Profis zusammengebracht – zu einem Austausch, der über den Zeitraum des vom Land Baden-Württemberg mit 40.000 Euro geförderten Projekts hinaus weitergeführt werden soll.

Fotos: © Aktionstheater Pan.Optikum