Heimspiel: 50 Fische, eine Seele Satire | 14.07.2026 | Lars Bargmann

Neonfisch

Das Aquarium auf dem Mundenhof zieht jedes Jahr Tausende Besucher an. Der Freiburger Aquarienverein feierte zuletzt aufsehenerregende Zuchterfolge mit Kauderni-Barschen, Piranhas und den Clownfischen, die sich seit „Findet Nemo“ vor leuchtenden Kinderaugen kaum retten können. Uns fasziniert hat aber ein Neonfisch, der beim Besuch mit dem Enkel vor der Glasscheibe kurz auf ein Gespräch stehen geblieben ist.

„Hallo, ich bin Glowbert von Salmen, habe aber nur ganz kurz Zeit. Wie es sich hier lebt? Es ist ein harter Job. Die Leute unterschätzen das Synchronschwimmen massiv. Alle glotzen immer nur rüber zu den Clownfischen. ‚Oh, guck mal, Nemo!‘ – ich kann es nicht mehr hören. Diese orangenen Selbstdarsteller machen doch nichts außer in Seeanemonen herumzulümmeln und wichtig auszusehen. Wir Neons, die Biologen nennen uns wie üblich etwas hochgestochen Paracheirodon innesi, sind die wahren Arbeiter der Kulturszene hier.

Wir liefern verlässliche, lückenlose Ästhetik. 50 Fische, eine Seele. Und auch wenn die Gruppe synchron beschließt, vor einer dreijährigen Rotznase an der Glasscheibe zu erschrecken, zucke ich pflichtbewusst mit – das muss von außen betrachtet aussehen wie ein kollektiver epileptischer Anfall.

Auf der anderen Seite kommt das individuelle Moment hier ganz klar mit kurzem Schwänzchen daher. Wenn ich morgens aufwache und denke: ‚Heute schwimme ich mal im Uhrzeigersinn‘, werde ich sofort von der Strömung der restlichen 49 mitgerissen. Letzten Dienstag hatte ich einen Juckreiz an der Kieme und wollte mich an einer Wurzel kratzen. Sofort dachten die anderen, es sei ein Fluchtmanöver wegen eines Raubfisch-Angriffs. Das Ende vom Lied: Der gesamte Schwarm ist dreißig Minuten lang panisch im Kreis gerast. Und außerdem hat hier einfach keiner Privatsphäre. Selbst wenn ich mal intim werden möchte, schauen mir 49 Verwandte direkt dabei zu – und machen synchron dieselbe Bewegung nach. Es ist die Hölle.

Aktuell arbeite ich aber an einem sensationellen Projekt – wir wollen das Freiburger Münster als Formation schwimmen. Das Problem ist die Hierarchie. Ich habe versucht, dem Fisch ganz vorne, nennen wir ihn Günther, zu erklären, dass er für die Turmspitze zuständig ist. Aber Günther hat offenbar das Gehirnvolumen eines Kieselsteins. Sobald eine Fliege auf der Wasseroberfläche landet, vergisst er den gesamten Choreographie-Plan und schwimmt stur nach oben. Wenn Günther versagt, gerät das gesamte Münstergrobkonzept ins Wanken und wir sehen plötzlich aus wie ein verunglücktes Schwarzwälder Kirschtortenstück.

Apropos Kulinarik. Ja, das Essen hier ist gratis, aber die Verteilung ist reine Anarchie. Jedes Mal, wenn diese bunten Flocken von oben herabsinken, bricht eine Art aquatisches Mad-Max-Szenario aus. Und da ich trotz meines glitzernden Outfits das räumliche Sehvermögen einer altersschwachen Seegurke habe, schnappe ich oft nur nach reiner Luft. Ich habe mich quasi die letzten zwei Jahre von Sauerstoffbläschen und reinem badischen Quellwasser ernährt. Aber hey, das hält die Figur schlank. Der blaue Leuchtstreifen muss schließlich knackig sitzen, die Konkurrenz schläft nicht. So, ich muss jetzt aber auch schleunigst weiter …“

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