Einsam im goldenen Käfig – Thierry Klifas Dramödie thematisiert die Fallen, in die Superreiche geraten können 4Film | 19.04.2026 | Erika Weisser
Sie galt wirklich als reichste Frau der Welt: Liliane Bettencourt, die Erbin des Kosmetikkonzerns L’Oréal. Und sie stand 2008 im Zentrum einer Staatsaffäre, in die Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy verwickelt war: Im Zuge eines von ihrer Tochter Françoise angefachten Erbstreits geriet das Unternehmen in Verdacht, illegale Wahlkampfspenden geleistet zu haben.
In Thierry Klifas Spielfilm heißt die Milliardenerbin und Betriebschefin Marianne Farrère, ihre (Stief)Tochter Frédérique Spielman und der Name der Schönheits-Firma wird nicht genannt. Und es ist auch keine politische Affäre, die im Zentrum der Handlung steht. Sondern eine eigentlich ganz private Affäre, die die äußerst extravagante, sehr mächtige und einigermaßen betagte Frau sich leistet: Mit dem Fotografen Pierre-Alain Fantin, den die schöne, doch zutiefst einsame Marianne beim Foto-Shooting für ein Lifestyle-Magazin getroffen hatte. Und dem selbstverliebten, sich charmant gebenden Aufschneider sofort verfallen war

Sein unverschämt-respektloses Auftreten, seine gespielte Verachtung bourgoiser Standesdünkel und des von ihr verkörperten zwar grenzenlosen, doch dezenten Reichtums gefällt ihr. Und es imponiert ihr, dass es ihm offenbar nichts ausmacht, mit einer deutlich älteren Frau in seiner Stammbar durch die Nacht zu tanzen. Wider alle Vernunft und trotz aller Warnungen von Ehemann Guy und Tochter Frédérique lässt sie sich von dem ebenso skrupellosen wie manipulativen Emporkömmling umgarnen, öffnet ihm Haus und Herz, besucht ihn in seinem Atelier, finanziert seine dubiosen künstlerischen Projekte, schenkt ihm anlass- und planlos Summen in astronomischen Höhen.

Mit überheblicher und sehr kreativer Boshaftigkeit nistet er sich allmählich ein in den Familien- und Machtstrukturen. Doch als sie ihn mitsamt seinem Lover Raphaël zum Urlaub mit der ganzen Verwandtschaft im luxuriösen Sommersitz einlädt, kommt es zum Eklat. Pierre-Alain provoziert Guy auf vulgärste Weise und konfrontiert ihn mit der längst vergessen geglaubten Vergangenheit seiner Familie, in der Antisemitismus und NS-Kollaboration eine Rolle spielten. Die Grenzüberschreitung führt zunächst zur Abreise des jüdischen Ehemanns von Frédérique, schließlich müssen aber auch Pierre-Alain und Raphaël ihre Sachen packen.

Marianne hält es ohne ihn jedoch nicht mehr aus. Bald nach der Rückkehr trifft sie ihn wieder, überschreibt ihm etliche Lebensversicherungen und tut alles, um sich seiner Gunst zu vergewissern. Indessen wirft Tochter Frédérique ihr vor, das Vermögen zu verschleudern. Sie beantragt, die Mutter unter Vormundschaft zu stellen und verklagt Pierre-Alain wegen Betrugs und Erbschleicherei. Marianne reagiert mit einer Anzeige wegen Psychoterrors.
Eine doppelbödige Satire über die Macht des Geldes und die innerfamiliären Kriege, die es auszulösen vermag.

Die reichste Frau der Welt
Frankreich, Belgien 2025
Regie: Thierry Klifa
Mit: Isabelle Huppert, Marina Foïs, Laurent Lafitte, Raphaël Personnaz, André Macron, Mathieu Demy u.a.
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 121 Minuten
Start: 23. April 2026









