Freiburg sattelt um – Bündnis fordert Entscheid für mehr Fuß-und Radverkehr f79 – das Jugendmagazin | 08.03.2020 | Benjamin Bucher und Fabio Meyer

Fahrradfahrer auf Straße

Breitere Radwege, sichere Kreuzungen, mehr Fußgängerzonen. Das fordert der Fuß- und Radentscheid Freiburg. Ab März will das Bündnis Unterschriften für einen Bürgerentscheid sammeln. Ziel sind Maßnahmen für eine Verkehrswende und ein umwelt-freundlicheres Freiburg. Die Vorhaben sind realistisch, sagen zwei Aktivisten. Doch Baubürgermeister Martin Haag tritt bei vielen Forderungen auf die Bremse.In Freiburg fahren immer mehr Autos. 2018 rollten 117.198 Blechkisten durch die Stadt. Rund 1580 mehr als im Vorjahr. Denen stehen 503 Kilometer Straße zur Verfügung. Fahrräder fahren hinterher: Ihnen werden nur 230 Kilometer gewährt. Obwohl die Gesamtlänge der Radwege steigt, ist das immer noch zu wenig, finden Ingrid Marienthal (39) und Fabian Kern (34) vom Fuß- und Radentscheid Freiburg.

Das überparteiliche Bündnis hat regionale und nationale Partner. Zum Verband gehören unter anderem der Verkehrsclub Deutschland (VCD), Lasten Velo Freiburg und Greenpeace. Um die Breisgau-Metropole vom „Dogma der allein autogerechten Stadt“ abzulösen, stellen die Aktivisten Forderungen. Zum Beispiel sichere Radwege, ein durchgängiges Radvorrangnetz sowie verkehrsberuhigte Bereiche und mehr Fußgängerzonen. Das soll die Lebensqualität steigern und Mobilität umweltfreundlicher machen.

Die Ideen sind umsetzbar und realistisch, sagt die Grundschullehrerin Marienthal (39). In anderen Ländern seien ähnlich ambitionierte Projekte längst Normalität. Als Beispiel nennt sie Dänemark und die Niederlande. Der nördlichste Beneluxstaat ist Vorreiter. Dort gibt es mehr Fahrräder als Einwohner.

Doch Freiburgs Baubürgermeister Martin Haag geht bei vielen Vorschlägen des Bündnisses auf Distanz. Für den 53-Jährigen sind sie zu pauschal und vergessen dabei andere Ansprüche an den öffentlichen Raum (siehe Interview links).

„Wenn wir mehr Fuß- und Radverkehr wollen, dann müssen Flächen neu verteilt werden“, sagt Kern, Geschäftsführer des VCD Regionalverbands Südbaden. Autos in Freiburg würde 85 Prozent des verfügbaren Platzes gewährt. „Es sind sozusagen die falschen Bedingungen, und trotzdem fahren viele Fahrrad“, meint Kern. Er ist der Auffassung, dass der Autoverkehr für eine Verkehrswende Raum abgeben muss.

Wo würde das Bündnis Freiburg in einem Ranking über Fuß- und Radverkehr platzieren? Eine Bestenliste ist für Kern die falsche Methode: „Auch wenn Freiburg im ADFC-Rad-Rankingindex nicht so schlecht abschneidet, ist man doch hinterher.“ Man müsse sich nur mit Städten wie Utrecht und Kopenhagen vergleichen, in denen wirklich eine Fahrradkultur da sei, betont er.

Außerdem ist Freiburg für Kern hinten dran, was das Erreichen der Klimaziele angeht. Um sechs Prozent müsse sich der Kfz-Verkehr verringern, sagt er mit Verweis auf ein Gutachten der Stadt Freiburg. Daher seien Maßnahmen unausweichlich.

Wenn der Fuß- und Radentscheid erfolgreich ist, sollen Flächen „gerechter verteilt“ werden. Dennoch müssten nicht alle aufs Rad umsteigen: „Wir wissen natürlich, dass es auch viele Menschen gibt, die aufs Auto angewiesen sind, Handwerker und Leute, die nicht so gut angeschlossen sind“, sagt Marienthal. Es ginge darum, die Infrastruktur zu schaffen, dass immer mehr Leute zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein können. Das sei hier teilweise schon umgesetzt worden, sagt Marienthal. „Im Stadtteil Vauban gibt es wirklich ein sehr schlüssiges Verkehrskonzept“, unterstreicht sie.

Der Fuß- und Radentscheid in Freiburg ist bundesweit nichts Neues. In rund 30 Städten gibt oder gab es laut changing-cities.org Initiativen für Radentscheide. Für Marienthal ist klar: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir müssen uns nur trauen, das zu machen, was auch andere schon tun.“

Info: 

Radentscheide in ganz Deutschland

In immer mehr deutschen Städten schließen sich Menschen zu Radentscheiden zusammen, um den Radverkehr zu stärken. Berlin war 2018 Vorreiter mit der „Initiative Volksentscheid Fahrrad“. Das Abgeordnetenhaus hat ein Mobilitätsgesetz beschlossen. Auch in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart oder Darmstadt bilden sich Bündnisse für einen Fahrradentscheid. Mittlerweile sind laut changing-cities.org in rund 30 Städten Radentscheide auf dem Weg. 2020 könnten es noch einmal so viele werden.

In

  • Mit dem Fahrrad zur Arbeit
  • Funktionierendes W-Lan im ÖPNV
  • E-Autos / E-Bikes
  • Günstige Fahrkarten
  • Städtereisen per Zug

Out

  • Überfüllte Busse und Bahnen
  • Statussymbol Führerschein
  • Verspätungen im ÖPNV
  • Allein im Auto unterwegs
  • Teure Taxifahrten

Fahrradsymbol auf Straße


Wie realistisch sind die Forderungen des
Fuß- und Radentscheids? Baubürgermeister Martin Haag ist dem Vorstoß nicht abgeneigt. Dennoch zeigt er sich bei vielen Forderungen skeptisch.

f79 // Wie sehen Sie den Vorstoß zum Fuß- und Radentscheid in Freiburg?

Haag // Dass die Gruppe zum Fuß- und Radentscheid eine politische Debatte darüber anstößt, ob die Stadt in ihrer Förderung des Fuß- und des Fahrradverkehrs ihre Anstrengungen noch weiter verstärken soll, ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings zeigt das, was uns hierzu bisher bekannt ist, keinen realistischen Weg auf, wie dies erreicht werden soll. Standardisierte Zielvorgaben sind schnell niedergeschrieben.

f79 // Was können Sie dem Gutes abgewinnen?

Haag // Wie gesagt, den Anstoß zur politischen Debatte bewerte ich in jedem Fall positiv. Wir brauchen mehr Fuß- und Radverkehr in Freiburg.

f79 // Wo gehen die Forderungen zu weit?

Haag // Sie sind vor allem viel zu dogmatisch. Die Zielvorgaben, wie viel laufende Kilometer von Gehwegen und Radverkehrsanlagen pro Jahr auf ein festgelegtes Mindestmaß verbreitert werden sollen, sind weit jenseits dessen, was selbst mit hohem Mittel- und Personaleinsatz umsetzbar wäre. Und die Forderungen sind viel zu pauschal, weil sie weder unterschiedliche räumliche Verhältnisse noch andere Anforderungen an den öffentlichen Raum berücksichtigen.

f79 // Gab es bereits einen Austausch mit der Gruppe des Entscheids?

Haag // Bisher kennen wir nur die Papiere. Die Verwaltung ist aber jederzeit für eine Kontaktaufnahme bereit. Ein Gespräch ist jetzt geplant.

f79 // Finden Sie, dass die Stadt in den vergangenen Jahren genügend für die Mobilitätswende getan hat?

Haag // Die Stadt Freiburg tut seit vielen Jahren sehr viel, vor allem für den Ausbau des Stadtbahnnetzes und für die Förderung des Fahrradverkehrs. Die aktuelle Untersuchung „Mobilität in Deutschland“ belegt nicht nur, dass die Freiburger und Freiburgerinnen besonders große Anteile ihrer Wege mit Öffentlichen Verkehrsmitteln, Rad und zu Fuß zurücklegen. Wir haben dazu die besten Ergebnisse in ganz Baden-Württemberg. Auch sind die Freiburger und Freiburgerinnen mit den Verkehrsverhältnissen für den Radverkehr in ihrer Stadt besonders zufrieden, so die Studie. Das heißt nicht, dass man nicht auch noch mehr tun kann, als wir das tun. Uns würde hierzu auch noch sehr viel einfallen. Aber wir brauchen dann auch die entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen.

f79 // Wird das Engagement der Stadtverwaltung für Rad- und Fußwege zu wenig gewürdigt?

Haag // Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Wir bekommen viele positive Rückmeldungen aus der Bürgerschaft, und auch die in der erwähnten Untersuchung geäußerte Zufriedenheit ist ja eine Würdigung des städtischen Engagements. Aber natürlich gibt es immer auch Menschen, die eher auf das schauen, was man noch zusätzlich verbessern könnte, und weniger auf das, was schon erreicht wurde.

f79 // Was würden Sie in Freiburg in Sachen Mobilität ändern, wenn das mit einem Fingerschnipsen möglich wäre?

Haag // Andere Rahmenbedingungen vom Bund, Tempo 30 als Stadtgeschwindigkeit, bessere Förderung für den öffentlichen Verkehr sowie Radfahrer und Fußgänger.

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