Erst mal chillen? Den richtigen Beruf finden – die Qual der Wahl Job & Karriere | 07.01.2024 | Stefanie Walter (epd)/BZ

Mann spring über Schlucht

Viele Schulabgänger*innen sind unsicher bei der Berufswahl und wollen es erst mal langsam angehen lassen – wie der Weg aus der Tatenlosigkeit dennoch gelingt.

Eine Ausbildung machen? Studieren? Oder erst reisen? Vielen Jugendlichen fällt es nach der Schule schwer, sich festzulegen. Und dann machen auch noch die Eltern Druck. Experten*innen sagen: Bleib gelassen, es ist keine Lebensentscheidung.

Eigentlich wusste Aaron es schon lange: „Man wird ja schon im Kindergarten gefragt, und für mich stand immer fest, dass ich Tierarzt werden will“, sagt der 20-Jährige. Trotzdem schwankte er am Ende der Schulzeit. Er legte ein „Gap Year“ ein, eine einjährige Auszeit, und machte Praktika auf einem Pferdehof, in einer Kleintierpraxis und im Krankenhaus. Dann war klar: Ja, Tiermedizin.

Chance und Risiko „Gap Year“

Ein Drittel aller, die das Abi in der Tasche haben, planen ein solches „Gap Year“. Bernd Fitzenberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht das Lückenjahr als Ausdruck dafür, wie unsicher sich die Jungen bei der Berufswahl fühlen. „Es kann eine wertvolle Erfahrung sein, aber es verzögert auch den Einstieg in den Arbeitsmarkt“, sagt er.

Dazu kommt: Wer „Work and Travel“ in Australien macht, einen „Au-pair“- Einsatz nach Kanada unternimmt, mit Freiwilligendiensten nach Südafrika aufbricht, seine Sprachkenntnisse in Spanien aufbessert oder ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kita absolviert – der muss bei alledem auch an die Finanzierung denken.

Massenphänomen Orientierungslosigkeit

Dieses Sich-nicht-festlegen-Können betrifft auch Real- und Hauptschüler. Das durchschnittliche Alter der Azubis beim Einstieg in die Ausbildung liege mittlerweile bei 20 Jahren, sagt Fitzenberger. Viele machten erst mal einen weiteren schulischen Abschluss, oft falle der nächste Schritt schwer. Eine Befragung unter Jugendlichen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kam 2022 zum Ergebnis, dass die Mehrheit vom Berufswahlinfoangebot überfordert ist. „Die große Orientierungslosigkeit nach der Schule ist ein Massenphänomen“, schreibt Autorin Ulrike Bartholomäus in ihrem Buch „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?“.

Entscheidungshilfe Perspektivwechsel

Ortsbesuch. Das kleine Team der Evangelischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und Paare im hessischen Herborn trifft sich, viele Jugendliche kommen. Ihnen stünden heutzutage tausend Wahlmöglichkeiten offen, so Pfarrer Jörg Moxter: „Die Freiheit wird als Segen verkauft, sie kann aber auch überfordern.“ In der Schule gebe es viele Kurse und AGs, wenig Zeit für den Einzelnen, häufige Lehrerwechsel. Konflikte aus der Schule würden laut Sozialpädagogin RebeccaMehl in die nächste Lebensphase weitergetragen. Hinzu kommt: Die Berater erleben eine Überbehütung durch die Eltern – und Bequemlichkeit bei den Jugendlichen. Oft wohnten sie während der Ausbildung zu Hause, nicht nur des Geldes wegen. „Es ist aber wichtig, mit Anfang 20 das Leben selbst zu bewältigen“, so die Psychologin Katja Reintges.

Das Team erarbeitet mit den Jugendlichen, wo ihre Ressourcen liegen und wie sie sich stärken lassen. Als praktische Übung diene ein Stuhlwechsel: Man nimmt eine andere Perspektive ein. Oder sie arbeiten mit „inneren Anteilen“: Was steckt noch in mir und will entdeckt werden? Danach könne man überlegen: „Was willst du machen?“

Keine endgültige Entscheidung

Youtuber „Lehrerschmidt“, der Oberschul­rektor Kai Schmidt, rät seinen 1,6 Millionen Followern in einem Video zur Berufswahl: „Entspannen wir uns mal ein bisschen.“ Es sei nicht mehr so, dass man sich für einen Beruf, eine Ausbildung oder ein Studium entscheide und das dann für den Rest seines Lebens mache. Interessen veränderten sich über die Jahre.

Fitzenberger bestätigt: Viele glaubten, mit der Berufswahl eine Lebensentscheidung zu treffen, die sich nicht mehr rückgängig machen lasse. „Von dieser Mentalität müssten wir wegkommen.“ Er wünscht sich eine „höhere Akzeptanz“ für einen Neuanfang nach einem Misserfolg.

Erst einmal raus aus der Tatenlosigkeit sei jedenfalls ein gutes Rezept, sagt Autorin Bartholomäus. „Entscheidend ist, dass Bewegung in das Leben des Heranwachsenden kommt.“ Die meisten fänden ihren Weg: „Die Phase des Chillens, des Nicht-wissens-was-Kommt und des unmotivierten Stocherns in Berufswegen geht vorbei, sobald der Funke überspringt und sie etwas für sich gefunden haben, das passt.“

„Lehrerschmidt“ rät zu vielen Praktika: „Schaue dich um, rede mit Leuten aus dem Bereich, der dich interessiert.“

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