Typisch Ich: Männer in klassischen Frauenberufen Ausbildung & Arbeit | 04.04.2024 | Till Neumann, Emma Insel, Jennifer Patrias, Reinhold Wagner

Junger Lehrer unterrichtet einen Grundschulklasse

Bei ihrer Berufswahl haben sie sich an ihren Stärken, Vorlieben und Interessen orientiert – und sind in einer Frauendomäne gelandet. Ein ­Grundschullehrer, ein Flugbegleiter, ein Florist, ein Medizinischer Fachangestellter und ein ­Erzieher aus der REGIO erzählen von ihren Erfahrungen in einem „typischen Frauen­beruf“, von Vorurteilen, Vorteilen und beglückenden Erfahrungen.

Grundschullehrer

Hans Georg Britz-Mauch

„Man hat einen Bonus“

Zwölf Lehrkräfte unterrichten an der Grundschule in Freiburg-Lehen. Nur einer ist männlich: Hans Georg Britz-Mauch. Der 57-Jährige glaubt zwar nicht, dass Männer und Frauen anders unterrichten. Er sieht in seiner Rolle aber einen kleinen Vorteil.

Zum Lehrerjob kam Hans Georg Britz-Mauch durch Zufall: „Ich wollte das ursprünglich gar nicht machen“, erinnert sich der Freiburger. Ihm schwebte Maschinenbau vor. Doch während des Zivildienstes im Epilepsiezentrum Kork arbeitete er in der Sonderschule mit. „Das fand ich total spannend“, berichtet Britz-Mauch. Die Kinder seien brutal ehrlich gewesen: „Wenn es denen gutgeht, fallen sie dir um den Hals, und wenn nicht, dann kriegst du halt eine ab.“

Mutmaßlich fielen sie ihm überwiegend um den Hals, denn er studierte kurzerhand Lehramt an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Seit 1994 arbeitet er als Lehrer, zuerst an einer Grund- und Hauptschule in Offenburg, seit 2001 in Freiburg. Zehn Jahre blieb er an der Karoline-Kaspar-Schule im Stadtteil Vauban, seit zwölf Jahren ist die Grundschule in ­Lehen sein Arbeitsplatz.

„Ich gehe jeden Tag gerne in die Schule“, erzählt der Mann im schwarzen Kapuzenpullover. „Ich finde es mit den Kindern einfach toll: mit ihnen zusammen etwas zu behandeln, ihnen was beizubringen und zu sehen, was sie für Fortschritte machen.“

Grundschullehrer: Hans Georg Britz-Mauch

Der einzige Mann im Kollegium: Hans Georg Britz-Mauch

Wie an vielen Grundschulen sind Männer im Kollegium Mangelware. Britz-Mauch ist in Lehen der einzige und sieht sich im Vorteil: „Man hat schon so einen Bonus.“ Die Kinder fänden es cool, wenn da auch mal ein Mann ist. Vor allem am Anfang habe man es leichter: „Du musst als Mann schon viel falsch machen, um nicht gemocht zu werden.“

Dass Männer anders unterrichten als Frauen, glaubt er nur bedingt: „Ich würde jetzt nicht sagen, dass es riesige Unterschiede gibt.“

Dass er der Schule hilft, das sieht auch seine Kollegin Anja Steiger-­Merkel so: „Häufig würde ich sagen, betrachtet er die Dinge rational, eher kritisch und weniger emotional.“ Das tue einem rein weiblichen Kollegium gut. Der Mann mache sich zudem bei Meetings bezahlt: „Mit seiner ehrlichen, direkten Art schafft er es oft, dass Konferenzen bei uns etwas kürzer dauern“, sagt Steiger-­Merkel. „Er erinnert uns manchmal daran, beim Thema zu bleiben und nicht abzuschweifen.“ Sie schätzt ihn als entspannten, humorvollen Kollegen, der einen Blick für die Schüler habe. Und betont: „Aber eigentlich sind das seine Wesenszüge als Mensch, Lehrer und Kollege und nicht nur als Mann.“

Eine klassische Rolle füllt Britz-Mauch auch durch sein digitales Know-how aus: Er ist Medien­beauftragter der Schule und für technische Angelegenheiten zuständig. Am wichtigsten ist ihm aber, allen Kindern gerecht zu werden. Bei so vielen unterschiedlichen Grundlagen sei das eine echte Herausforderung.

Sein größter Wunsch für die nächsten Jahre? „Mehr Räume, damit die Schüler und Schülerinnen sich in den Betreuungszeiten auch mal zurückziehen können.“ Als Erstes an die Kinder zu denken, das spricht Bände für einen Pädagogen.

Foto: © tln

 

Flugbegleiter

Alexander Mies

„Alle sind weltoffen und kommunikativ“

Alexander Mies betreut seit 2011 Gäste auf ihren Reisen rund um den Globus – sowohl auf Kurz-, als auch auf Langstreckenflügen. Als Kabinenchef trägt Mies nicht nur Verantwortung für die Gäste, sondern auch für seine Kolleginnen und Kollegen, die ihn unterstützen. „Als Team sorgen wir gemeinsam über den Wolken für das Wohl der Passagiere und vor allem für ihre Sicherheit“, so der 39-Jährige.

Rund sechs Wochen dauert die Grundausbildung für Flugbegleiter am Boden. Fachwissen aus den Bereichen Service, Küche und Speisekunde steht da auf dem Stundenplan ebenso wie sicherheitsrelevante Themen, psychologisches Grundwissen und medizinische Schulungen. Auch technisches Wissen über die Funktionsweise eines Flugzeugs wird vermittelt, und es gibt eine Einführung in die unterschiedlichen Flugzeugtypen der entsprechenden Airline, bei der man arbeitet.

Erst im Anschluss an die Grundausbildung am Boden geht es im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft. Und das in den ersten Wochen in Begleitung eines zugewiesenen Ausbilders oder einer Ausbilderin. Während dieser Zeit werden nur Ziele innerhalb Europas angeflogen. Athen, London, Barcelona, Kopenhagen etwa gehören dazu, und das sind – so verrät Mies – bis heute seine Lieblingsziele für Kurzstreckenflüge. Die Sicherheit an Bord spielt sowohl in der Grundausbildung als auch später im Beruf des Flugbegleiters eine wichtige Rolle. Schließlich sollen alle Fluggäste jederzeit sicher in den Urlaub oder zu Geschäftsterminen fliegen können. „Am Ende sollen sich alle wohlfühlen, die Crew und die Passagiere“, erklärt der 39-Jährige.

Flugbegleiter: Alexander Mies

Alexander Mies erreicht Traumziele weltweit – und ist in seinem Traumberuf unterwegs.

Und das, so bekräftigt Mies, sei bei ihm in seinem Beruf tatsächlich der Fall. Als er sich auf Betreiben von Freunden beworben habe, habe er nicht gewusst, „dass es so toll sein wird. Der Umgang miteinander weltweit ist außergewöhnlich gut, alle sind sehr weltoffen und kommunikativ.“ Als Exot in einem frauendominierten Beruf sieht er sich nicht. Ein gutes Viertel der Kollegen sei männlich. „Wir haben einen absolut gleichberechtigten Umgang miteinander“, erzählt der studierte Tourismus- und Eventmanager. Auch in seiner Funktion als Ausbilder von Flugpersonal – eine Zusatzqualifikation, die er berufsbegleitend erworben hat – sei dies spürbar. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen hätten zuvor einen anderen Beruf erlernt, wobei das Spektrum weit gefächert sei: von Ärzten über Anwälte, Lehrer und Psychologen bis hin zu einer männlichen Hebamme. Gleichberechtigung sei selbstverständlich, da alle eines verbindet: „Wenn wir ins Flugzeug steigen, haben wir immer Sonne!“

Foto: privat

 

Florist

Christian Weiß

„Es ist ein vielfältiger Beruf“

Klein, aber fein ist die Florale Werkstatt von Christian Weiß in der Gerberau in Freiburg. Vor der Türe warten momentan Osterglöckchen und rosa Osterhasen auf neue Besitzer, im Inneren des Blumengeschäfts duftet es verführerisch nach Rosen, Tulpen und Schleierkraut setzen frühlingsfarbene Akzente.

„Mein Traum war es immer, einen eigenen Laden zu eröffnen“, sagt Weiß, der seit drei Jahren seine Werkstatt etwas außerhalb der hektischen Innenstadt betreibt. Davor hatte er zehn Jahre lang einen Shop-in-the-Shop in der Nähe des Rathausplatzes.

Die Leidenschaft für das Blumenbinden entdeckte Weiß schon in seiner Kindheit, genau wie die Liebe zum Kochen. „Ich wollte eine Ausbildung als Koch machen, aber mein Cousin hat mir klargemacht, dass ich dann auf den Kundenkontakt verzichten muss“, erzählt er über seine Anfänge. Nach einem Praktikum im Blumenladen entschied er sich für eine Ausbildung zum Floristen. „Das war am Anfang nicht ganz einfach“, erinnert sich Weiß zurück, „immerhin wurde der Beruf Ende der 90er-Jahre vorwiegend von Frauen ausgeübt.“ Auch heutzutage dominieren laut statistischem Bundesamt mit einem Anteil von 90 Prozent unter den selbstständigen Floristen die Frauen den Beruf.

Florist: Christian Weiß und Lukas Schmidt

Christian Weiß (l.) und Lukas Schmidt (r.) scheuen sich vor keiner Herausforderung.

„Wir sind immer noch eine Ausnahme, aber im Gegensatz zu früher begegnen uns die Menschen mit Respekt“, sagt er. So bekommen er und sein Angestellter Lukas Schmidt häufig Komplimente und punkten in der sonst so typischen Frauendomäne mit ihrer Kommunikation. Anders sei es, wenn eine Mitarbeiterin im Laden arbeitet. „Frauen kritisieren häufiger Frauen beim Binden der Blumensträuße“, sagt Schmidt.

Zum Portfolio des Blumenladens gehören neben Standardsträußen auch Hochzeits-, Trauer- und Eventfloristik. „Älteres Publikum haben wir weniger, da wir uns stilistisch nicht an den Standard halten“, sagt Weiß. Statt eng gebundener Blumen setzt der Florist auf lockere Sträuße, wie ­direkt von der Wiese gepflückt.

Die Blumen bezieht Weiß von verschiedenen Händlern, meist immer nur für den aktuellen Tag. Dabei setzt er auf frische Blumen, ausgefallene Blüten und auf Qualität. Ist das Tagesprogramm aus, gibt es erst wieder am nächsten Tag frische Ware.

„Es ist einfach ein sehr vielfältiger Beruf, bei dem man seiner Kreativität freien Lauf lassen kann“, fasst Weiß seine Arbeit zusammen. Langweilig wird es ihm nicht, denn mit jeder Jahreszeit gibt es neue Trends. Zudem fällt ihm seit einiger Zeit auf, dass sich die Floristik geändert hat. „Früher waren Blumen meist als Mitbringsel gedacht.“ Heutzutage sind die Sträuße moderner, cooler und man dekoriert auch gerne mal die Räumlichkeiten damit.

Foto: © jp

 

Med. Fachangestellter

Dominik Weis

„Ich war der Hahn im Korb“

Dominik Weis ist Medizinischer Fachangestellter und arbeitet in der Freiburger Stammzelldatei am Universitätsklinikum Freiburg. Als Koordinator von Stammzell- und Knochenmarkspenden ist der 36-Jährige zu rund 80 Prozent in der Verwaltung und Dokumentation beschäftig. Daneben betreut er die rund 65.000 Freiburger Stammzellspender·innen und sucht zusammen mit seinen Kolleginnen bei Typisierungsaktionen nach neuen potenziellen Lebensretter·innen. Dass er der einzige Mann im Team ist, kennt er bereits von der Ausbildung – und alle Seiten kommen bestens damit klar.

Als Weis vor knapp 21 Jahren seinen Schulabschluss in der Tasche hatte, schien für den gebürtigen Freiburger der berufliche Einstieg im elterlichen Schuh- und Orthopädietechnik-Betrieb die logische Konsequenz. Gut dreieinhalb Jahre lang war er dort tätig. Ein sechsmonatiges Praktikum als Pflegehelfer brachte ihm dann andere gesundheitsberufliche Aspekte nahe.

Med. Fachangestellter: Dominik Weis

Dominik Weis: „Dem Berufszweig täte es gut, wenn sich mehr junge Männer als MFA ausbilden lassen würden.“

„Zuerst wollte ich eigentlich Medizin studieren“, blickt Weis zurück. „Als ich aber gesehen habe, wie viele Jahre das dauert, bis ich anfangen kann, praktisch zu arbeiten, habe ich mich doch anders entschieden.“ Er nahm eine Ausbildungsstelle als Medizinischer Fachangestellter (MFA) an der Fachklinik für Orthopädie, Sportmedizin, Innere Medizin und geriatrische Rehabilitation in Bad Peterstal-Griesbach an. Den schulischen Teil der Ausbildung absolvierte er als einziger und bis dahin erster männlicher MFA an der Kaufmännischen Schule in Achern – unter rund 260 weiblichen Mitstreiterinnen. „Ich war der Hahn im Korb“, erzählt Weis grinsend. Anders als die meisten seiner Kolleginnen wählte er für seine Ausbildung eine Klinik anstelle einer Arztpraxis. „Ich hatte mich auch in vielen Arztpraxen beworben. Die meisten konnten sich jedoch vermutlich nicht vorstellen einen männlichen MFA ins Team aufzunehmen.“

Nach Abschluss der Ausbildung fand Weis am Universitätsklinikum Freiburg eine MFA-Stelle in einer abwechslungsreichen Position. „Ich habe mit der Freiburger Stammzelldatei eine spannende und äußerst vielseitige Stelle gefunden. Wir sind ein kleines Team aus vier bis fünf Personen, pflegen einen sehr kollegialen Umgang und unterstützen uns gegenseitig bei allen Herausforderungen, die unsere Arbeit mit sich bringt.“ Dass er als einziger Mann im Frauenteam arbeitet, finden beide Seiten bereichernd: „Gemischte Teams machen das Arbeiten angenehmer.“

Foto: © Sven Weis

 

Erzieher

Lucas Rendler

„Das FSJ hat mich überzeugt“

Die Frühe Bildung von Kindern ist fest in Frauenhand. Mehr als 91 Prozent der in Kindergärten, Kitas oder der Kindertagespflege Beschäftigten sind weiblich. Immerhin gab es im vergangen Jahr 61.458 männliche Erzieher. Und der Trend zeigt: Immer mehr Männer entscheiden sich für den Beruf.

Lucas Rendler hat sich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) im Gemeindekindergarten Pfaffenweiler für eine Ausbildung zum Erzieher entschieden. „Eigentlich wollte ich in die Richtung Grafikdesign“, erzählt er von seinem eigentlichen Berufswunsch. Doch das FSJ änderte seine Sichtweise. „Ich bin da ohne große Erwartungen reingegangen und mit einem ganz anderen Gefühl wieder herausgekommen“, sagt der 24-Jährige.

2017 begann er die dreijährige Ausbildung an der Merian Schule in Freiburg. Sie umfasst nach einem einjährigen Berufskolleg eine zweijährige Schulausbildung mit begleitendem Kindergartenbesuch in unterschiedlichen Einrichtungen. Zum Ausbildungsstart waren neben Rendler sechs männliche Kollegen in seinem Jahrgang. „Ab dem zweiten Ausbildungsjahr haben dann aber viele abgebrochen, und dann waren wir nur noch vier Männer“, erzählt er. Das abschließende Anerkennungsjahr absolvierte er wieder im Gemeinde­kindergarten in Pfaffenweiler – und wurde anschließend direkt übernommen.

Erzieher: Lucas Rendler

Erlebt tagtäglich die Echtheit der Kinder: Lucas Rendler

29 Mitarbeiter·innen kümmern sich dort um circa 100 Kinder. Gegenwärtig arbeitet der Erzieher in einer der beiden Kleinkindergruppen, in der Kinder von null bis drei Jahren betreut werden.

Den Tag mit den Jüngsten zu gestalten ist ein anspruchsvoller Job. Pädagogische Aufgaben wie die Morgenkreisgestaltung gehören ebenso dazu wie die Betreuung im Freispiel, aber auch gemeinsames Essen und pflegerische Aufgaben wie Windelwechseln.

Das Gefühl, anders behandelt zu werden als seine Kolleginnen, hat der Erzieher nicht. Im Gegenteil: Eltern haben ihm bis jetzt nur positives Feedback gegeben. Auch die Kinder machen kaum einen Unterschied. „Klar, es gibt Kinder, die anfangs ein bisschen vorsichtiger sind“, teilt der gebürtige Pfaffenweiler seine Erfahrungen. Vor allem Mädchen sind vorsichtiger, während Jungs offen und ohne Angst auf ihn zugehen. „Aber sobald die Bindung da ist, machen die Kinder überhaupt keine Unterschiede mehr.“

Was Rendler begeistert, sind die vielen alltäglichen Situationen, in denen er die Echtheit der Kinder erlebt. „Aber eins der schönsten Dinge ist auf jeden Fall das Wissen, nach jedem einzelnen Arbeitstag etwas Positives und Sinnvolles bewirkt zu haben.“

Foto: privat

Foto (Beitragsbild): © iStock.com/BraunS