„Nicht nur den Anschluss halten“ – Interview mit designierter Uni-Rektorin Kerstin Krieglstein Schule & Studium | 15.06.2020 | Philip Thomas

Albert Ludwigs University

Zum 1. Oktober wird die Neurowissenschaftlerin und Konstanzer Uni-Rektorin Kerstin Krieglstein die neue Rektorin der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Im Interview mit chilli-Redakteur Philip Thomas spricht die 56-Jährige über Schattenseiten des wissenschaftlichen Wettbewerbs, finanzielle Abhängigkeiten und ihre Pläne für die Exzellenzausschreibung 2026.

chilli: Frau Krieglstein, Sie sind die erste Rektorin in der mehr als 560-jährigen Geschichte der Universität Freiburg. Hat das für Sie eine Bedeutung?

Krieglstein: Für mich persönlich hat das keine Bedeutung, ich sehe aber, dass es für andere ein bedeutendes Signal ist, das für Veränderung steht. Ich bin froh, wenn ich diese sichtbar machen kann.

chilli: Machen Sie als Naturwissenschaftlerin etwas anders als Ihre Vorgänger aus den philosophischen Fakultäten?

Krieglstein: Ich würde mich da nicht abgrenzen, aber in der naturwissenschaftlichen Forschung gibt es den klaren Ansatz, sich Dingen analytisch zu nähern, datenbasierte Lösungsansätze anzubieten oder vielleicht auch mal einen Test zu machen. Man könnte manche Regelungen zunächst auf Probe einführen, um zu sehen, ob die erwarteten Reaktionen auch so eintreffen. Insbesondere neue Dinge könnten auf diese Weise ausprobiert werden. Das müssen keine Alles-oder-nichts-Entscheidungen sein.

chilli: Welche Schwierigkeiten des Wissenschaftsgeschäfts haben Sie als Rektorin der Uni Konstanz und frühere Dekanin der Medizinischen Fakultät Freiburg bereits kennengelernt?

Krieglstein: Wir alle möchten neue Erkenntnisse gerne kommunizieren und zugänglich machen. Dass daraus Innovationen entstehen und diese durch den Schutz geistigen Eigentums für den Markt vorbereitet oder mit dem Prädikat „Erfindung“ versehen werden, müssen wir an einigen Stellen noch lernen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Wissenschaft stark durch Forschungsförderung weiterentwickelt. Heute zeichnet sich ein guter Wissenschaftler auch dadurch aus, dass er möglichst viele Drittmittel einwirbt.

Kerstin Krieglstein

Hat bereits „wilde Ideen“: Freiburgs erste Uni-Rektorin Kerstin Krieglstein.

chilli: Entstehen dadurch nicht auch Abhängigkeiten?

Krieglstein: Es gibt leider sehr viele Quellen, aus denen man nur dann Geld erhält, wenn man bestimmte Themen bearbeitet. Das ist eine schwierige Entwicklung. Zum einen muss die Freiheit der Wissenschaft auch bei externer Förderung beibehalten werden. Zum anderen muss auch die finanzielle Abhängigkeit von Drittmitteln abnehmen. Diese geht mittlerweile so weit, dass nicht nur die Forschung drittmittelfinanziert ist, sondern auch viele Teile der Lehre über Antragsverfahren geregelt werden und ohne externe Gelder nicht verwirklicht werden können.

chilli: Zählt die Exzellenz-Strategie nicht auch zu diesen Abhängigkeiten?

Krieglstein: De facto tut sie das. Der Wettbewerb geht mitunter in eine finanzielle Abhängigkeit über, insbesondere durch die hohe Förderung, die die Universitäten erhalten. Im Grunde sind Wettbewerbe aber etwas Gutes. Wenn aus diesen Mitteln allerdings eine Abhängigkeit entsteht, erfüllen sie nicht mehr ihren Zweck.

chilli: Dieser Wettbewerb kann auch schädlich sein?

Krieglstein: Wenn man Ausschreibungen, egal welcher Art, nicht mehr gewinnt, muss eine Universität innerhalb kürzester Zeit mit beispielsweise zehn Millionen Euro weniger auskommen. Das ist eine starke Beschädigung einer Wissenschaftseinrichtung. Förderungen von Bund und Ländern sind oftmals nur befristet ausgeschrieben, und die Mittel können von heute auf morgen enden. Das macht vieles damit Aufgebaute kaputt und ist dann ähnlich dramatisch wie ein Nicht-Gewinn. Auch ein Ausfall von beispielsweise drei Millionen Euro kann über den Universitätshaushalt nicht ausgeglichen werden. Selbst wenn die damit umgesetzten Maßnahmen das Beste sind, was Sie jemals gemacht haben.

chilli: Haben Sie schon Ideen für die nächste Exzellenz-Ausschreibung 2026?

Krieglstein: Ein paar ganze wilde Ideen habe ich natürlich schon (lacht). Darüber hinaus gibt es in Organisationsentwicklungen von Betrieben den Begriff der Veränderungsintelligenz. Diese Methode besagt, mit disruptiven Entwicklungsschritten als Institution große Schritte nach vorne zu kommen. Das kann ich mir durchaus auch für eine Universität vorstellen, die sich nicht damit begnügen kann, nur den Anschluss zu halten, sondern die vorausgehen möchte.

chilli: Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: © pixabay.com/Couleur, Universität Konstanz