Flachdach als Proberaum: Rachid Hami bringt im Spielfilm „La Mélodie“ viele Saiten zum Klingen Kinonews | 21.12.2017

Als die Schüler der neu gegründeten Orchesterklasse einer Brennpunktschule einer Pariser Banlieue ihren Violinen die ersten schrägen Katzenjammer-Töne entlocken, erscheint plötzlich das Gesicht des späteren Stars der Truppe am Fenster. Sehnsüchtig schaut der dunkelhäutige Arnold vom Schulhof aus in den Proberaum, in dem er auch gerne wäre. Doch bei dem Musikprojekt, das die Pariser Philharmonie eigens für sozial benachteiligte Jugendliche anbietet, war für ihn kein Platz mehr; er wurde mit der anderen Hälfte seiner Klasse dem Sportförderprogramm zugeteilt.

In der Pause schleicht sich Arnold jedoch in den Raum, um eine der dort eher achtlos abgelegten Geigen zu berühren. Dabei wird er von Projektleiter Simon erwischt. Doch wider Erwarten feuert der arbeitslose Berufsmusiker, der den Job nur widerwillig und wegen fehlender Orchesterangebote annahm, keine Schimpfkanonade ab, sondern fragt den schüchternen Jungen, ob er mitspielen wolle. Und als er ihn ohne Umschweife einfach in die Musikklasse aufnimmt, kann Arnold sein Glück kaum fassen. Voller Dankbarkeit wird er zum fleißigsten Schüler; er verliebt sich förmlich in das Instrument, nutzt jede freie Minute zum Üben – manchmal gar auf dem Flachdach des Hochhauses, in dem er mit Mutter und Schwester wohnt. Da er neben seiner Begeisterung auch noch über ein außergewöhnliches Talent verfügt, wählt Simon ihn bald für den Solopart des Stücks aus, das die Schüler zusammen mit den Instrumentenklassen anderer Schulen demnächst in der Philharmonie aufführen sollen.

Doch zunächst sieht es nicht so aus, als würden die halbwüchsigen Rabauken überhaupt jemals dort spielen. Denn die keineswegs mit klassischer Musik vertrauen Mädchen und Jungen tun sich ziemlich schwer mit der Disziplin, dem gegenseitigen Respekt, dem Zusammenspiel – und mit dem Lehrer, der ihnen zu streng und zu unnahbar ist und der viel zu hohe Ansprüche stellt. Denn Simon ist Perfektionist und hat in seiner Milieuferne überhaupt kein Verständnis für die Rangeleien, die Aggressivität und die Provokationen seiner Schüler. Erst nach einem Beinahe-Zusammenstoß mit einem besonders renitenten Eleven ändert er seinen Unterricht – und findet doch noch einen Weg zu ihnen. Auch dabei spielt Arnold, zu dem er eine Vater-Sohn-Beziehung entwickelt, eine wichtige Rolle.

Kad Merad, der bisher eher in Komödien glänzte, zeigt in der Rolle des zart besaiteten Musikers Simon sein erstaunliches Talent für ernsthafte Parts. Und der junge Laiendarsteller Renély Alfred könnte die große Schauspieler-Entdeckung des Jahres werden. Authentisch und mit größter Selbstverständlichkeit spielt er den Arnold, ist auch bei der Darstellung zutiefst persönlicher Angelegenheiten überzeugend. Ein schöner Film – gerade richtig zur Weihnachtszeit.

La Mélodie – der Klang von Paris
Frankreich 2017
Regie: Rachid Hami
Mit: Rénely Alfred, Kad Merad, Samir Guesmi u.a.
Verleih: Prokino
Laufzeit: 102 Minuten
Start: 21. Dezember 2017
Trailer:

Fotos: © Prokino