Der Beatbox-Dirigent: Ritterschlag für Multitalent Julian Knörzer Musik | 24.10.2025 | Till Neumann
Entspannt: Julian Knörzer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht von einer neuen Mammutaufgabe.
Manche kennen ihn als Beatboxer. Manche als Chorleiter. Manche als Sänger. Julian Knörzer hat viele Talente. Der Freiburger bringt sie gekonnt zusammen und hat sich damit einen Namen gemacht. Jetzt ist er designierter Leiter des Freiburger Jazzchors. Für den 39-Jährigen ein Ritterschlag.
„Im Garten chillen“
Wer Julian Knörzer beim Arbeiten sehen möchte, kann zu Konzerten fahren. Oder einfach in den gemütlich-dörflichen Freiburger Stadtteil St. Georgen kommen. Dort, im kleinen Co-Working-Space Kulturbahnhof, hat der Tausendsassa sein Büro. Ein ruhiger Arbeitsplatz für einen Menschen, den man allem Anschein nach nur schwer aus der Fassung kriegen kann.
„Ich bin super gerne hier im Gebäude, in meinem Büro“, erzählt er an einem Montagvormittag im September. „Irgendwie mein Zeug abarbeiten und hier im Garten chillen.“ Dort trinke er gerne Kaffee mit anderen netten Leuten. „Das bringt mich runter.“
„Arbeitspensum hoch“
Dass der Lockenkopf eigentlich wenig Zeit zum Chillen hat, merkt man nicht. Mit einer Seelenruhe erzählt er von seinen Projekten. Allein fünf Chöre leitet er mittlerweile. Den JazzPop-Chor Tübingen sowie vier weitere in Freiburg: den Jazz-Popchor der Pädagogischen Hochschule und der Musikhochschule, den Senior Jazzchor, den Popchor Twaeng und neuerdings den ehrwürdigen Jazzchor Freiburg. Außerdem ist er Teil des Beatbox-Duos Acoustic Instinct und der Acappella-Formation Unduzo. Nebenher unterrichtet er an den Musikhochschulen Freiburg und Tübingen. Zudem hat er 2015 das Buch „Beatbox Your Choir“ rausgebracht.
„Momentan ist das Arbeitspensum sehr hoch“, verrät Knörzer. Stunden zählt er nicht. Irgendwo über 40 die Woche? „Sicherlich.“ Für heute heißt das: ein paar Telefonate führen, ein Arrangement schreiben, seine To-do-Liste abarbeiten und eine Probe vorbereiten.
„Große Fußstapfen“
Dass Knörzer viel auf dem Kasten hat, dürften spätestens im Juli viele Freiburger·innen verstanden haben. Da verkündete der Jazzchor Freiburg, dass Gründer Bertrand Gröger den Chor 2026 verlässt. Und dass Julian Knörzer sein Nachfolger wird. „Das sind große Fußstapfen, in die ich trete“, betont Knörzer. Gröger hat das Ensemble 1990 gegründet und mehr als 35 Jahre lang geleitet. Er führte den Chor für Auftritte bis nach Japan, China und Korea.
Doch auch Knörzer hat Erfahrung. Gröger holte ihn 2004 in den Chor. „Er dachte wohl, so ein Typ, der beatboxen kann, kann hoffentlich auch singen, das wäre vielleicht ganz spannend“, erinnert sich Knörzer. Seit rund 21 Jahren ist er „irgendwie immeunter dabei“, mal als Sänger, mal als Beatboxer. 2014 übernahm er die Leitung des Senior Jazzchors. Nun der nächste Schritt. Die künstlerische Leitung übernimmt er am 8. Juni 2026. Ein Tag nach dem Abschiedskonzert Grögers im Konzerthaus.

„Große Fußstapfen“: Julian Knörzer wird 2026 künstlerischer Leiter des Jazzchors Freiburg.
„Extrem gutes Timing“
Gröger hält viel von seinem Nachfolger: „Wir haben seit gut 20 Jahren viel harmonisch zusammengearbeitet.“ Knörzer sei fokussiert, konzentriert, ruhig und präzise. „Er hat ein extrem gutes Timing, wie man es nur selten findet“, lobt Gröger. Und schätzt dessen warmherzige Art.
Knörzer gibt die Komplimente zurück. „Der Chor ist einzigartig – in seiner Stilistik, in seiner Art zu singen, wie er auftritt und dem technischen Setup.“ Ändern möchte er daran nichts. Im Gegenteil: „Ich habe Bertrand Gröger versprochen, dass die Qualität mindestens bleibt, eher noch steigt.“ Allein durch seine Art möchte er eine eigene Note reinbringen.
Start mit Saxofon
Nervös zu machen scheint ihn die neue Verantwortung nicht: „Ich freue mich da total drauf, habe aber auch Respekt davor.“ Aber eigentlich fühle es sich gerade alles ganz gut an. Erst am Vortag stand er erstmals als neuer Dirigent vor dem Chor. Leitete einen Auftritt in der Alten Oper Frankfurt. „Das lief ganz geschmeidig“, so sein Fazit.
Aufgewachsen ist Knörzer in Freiburg-Günterstal. Sein Vater war lange Zeit Berufsmusiker. Er verguckte sich ins Saxofon, sang bei der Kirchengemeinde im Chor mit. 2007 begann er das Studium Schulmusik, merkte aber bald, dass Saxofon nicht die Liebe fürs Leben wird.
„Erstes großes Ding“
Dafür schlug sein Herz für Vocal Percussion: „Ich habe schon immer spaßeshalber Beats imitiert und Geräusche mit Mund und Stimme nachgemacht.“ Eines Tages sagte ihm ein Klassenkamerad: „Das nennt man Beatbox.“ Er schaute sich Dinge ab bei der Saïan Supa Crew aus Frankreich, beim US-Beatboxer Rahzel und beim Briten Killa Kela.
In Günterstal connectete er mit Teddy Smith, lernte später auf einer Party Paul Brenning kennen. 2005 gründeten sie das Beatbox-Trio Acoustic Instinct und machten bald Welle. „Mein erstes großes Ding“, sagt Knörzer. 2007 gab’s den ZMF-Preis, 2012 den Förderpreis des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg. Noch heute touren sie durch die Republik, als Duo ohne Smith. Brenning schätzt das sehr: „Mit Julian zu arbeiten heißt, eine musikalische Intelligenz und Stimmbeherrschung an meiner Seite zu wissen, die ihresgleichen sucht.“ Er bringe nicht nur technische Brillanz in Beatboxing und Vocal Percussion mit, sondern auch die Fähigkeit, spontan und mit Humor jede Performance mit Leben zu füllen.
„Nicht mein Ding“
2009 gründete Knörzer mit Kommiliton·innen die Acappella-Gruppe Unduzo. 2016 gab’s auch hier den Förderpreis des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg.
Trotz erfolgreicher Projekte: All seine Energie in ein Projekt stecken, das wollte er nie. „Irgendwie habe ich mir immer gesagt: So komplett auf eine Karte ist nicht mein Ding“, erzählt Knörzer. Er probiere lieber verschiedene Sachen aus, kriege viel mit und lerne unzählige Menschen kennen. „Coole Abwechslung“, nennt er das. Auch wenn die Mehrgleisigkeit knifflig ist: „Es gibt Momente, in denen ich mich überfordert fühle.“
„Wahnsinnig froh“
Was dann hilft? „Leute zu Hause, die einen auffangen.“ Seine Freundin supporte ihn sehr gut. Das Geheimrezept nach langen Tagen: „Feierabend, zu Hause, Serie.“ Auch Freiburg sieht er als Anker. Viele seiner Freunde seien nach dem Abi weg. „Ich fand’s hier immer cool: Berge, Flüsse, Seen, Schweiz, Frankreich.“ Die Tourstrecken von hier unten aus in die Republik seien zwar lang. Doch umso mehr freue es ihn, zurückzukommen. „Ich genieße einfach den Vibe der Stadt, der bringt mich runter.“
Nach vielen Jahren Kreativarbeit spürt Knörzer Dankbarkeit: „Ich habe gefühlt immer nur das gemacht und bin wahnsinnig froh, von Musik leben zu können.“ Man könnte sagen, er ist nicht nur Musiker, sondern auch Jongleur. Die Bälle sind seine Projekte. Die Kunst ist, sie alle gleichzeitig in der Luft zu halten. Mit einer Ruhe, um die ihn so mancher beneiden könnte.











