„Hülle fallen gelassen“ – Freiburger Indie-Artist Vince startet durch Musik | 04.08.2025 | Till Neumann
Hat gut lachen: Sänger Vince
füllt Clubs quer durch die Republik
Mit gefühlvollen Songs erreicht der Freiburger Sänger Vince Millionen Hörer·innen. 2025 hat der 25-Jährige die erste eigene Clubtour gespielt. Support gab’s von seinen Freiburger Durchstarter-Kollegen Kasi & Antonius. In deren Windschatten nimmt auch Vince’ Karriere Fahrt auf. Eine entscheidende Rolle spielt dabei aber eine ganz andere Person.
„Ich fühl mich pudelwohl im Chaos / ich verwandel diesen Schmerz in so viel Liebe eines Tages“, singt Vince im Song „Wacklige Beine“. Dass solche Zeilen quer durch die Republik ankommen, hat seine Tour 2025 gezeigt: Im April und Mai spielte er sieben Shows von Freiburg bis Hamburg, von Berlin bis München. Videos zeigen lautstark mitsingende Fans in kleineren, gut gefüllten Sälen. „Es war anstrengend, aber sehr, sehr schön“, berichtet Vincent Wright aka Vince in einem Freiburger Café.
Auch wenn er zum ersten Mal als Hauptact getourt ist, fühlt es sich für ihn nicht nach Premiere an: „Ich war ja schon viel mit Kasi und Antonius unterwegs, aber es ist krass zu sehen, wie viele Leute zu meiner Show kommen.“ 250 seien es in München gewesen. „Der für mich beste Auftritt, überwältigend und schwer in Worte zu fassen“, sagt Vince. Die Energy sei dort am geilsten gewesen. „Die konnten jeden Song Wort für Wort mitschreien.“
Denkwürdig dann auch der Auftritt im Waldsee Freiburg. Ein Heimspiel zum Abschluss. „Der Turn-
up war da der größte, weil die am meisten abgegangen sind“, berichtet der Sänger. Auch wenn er mit seiner eigenen Performance nicht 100 Prozent zufrieden gewesen sei.
1200 Tickets sind für die Tour verkauft worden, berichtet der Mann mit den kurzen dunklen Haaren. Ein vielversprechender Auftakt auf Bundesebene: „Ich kann mich nicht beschweren.“ Schließlich macht er erst seit 2019 Musik, ist nach einer Jugend in Alpirsbach nach Freiburg gezogen. Hat hier in der Zwischenzeit sein Studium in Erziehungswissenschaften abgeschlossen und arbeitet hauptberuflich mit ukrainischen Kids. Das für die Musik aufzugeben, ist derzeit keine Option. Die Kunst nennt er „einfach ein geiles Hobby“.
Doch ein Blick in seinen Freundeskreis zeigt, wie schnell es gehen kann. Seine Buddys Kasi und Antonius sind ebenfalls von Freiburg aus durch die Decke gegangen. Kasi zählt zu einem der Newcomer des deutschen Indie-Pop-Raps. Mit ihm hat Vince auch seinen erfolgreichsten Song gemacht: „Wie Papier“. Eine Nummer über Beziehungsstress, Rauchen und den Kampf mit sich selbst. Knapp drei Millionen Aufrufe gibt’s dafür allein auf Spotify.
„Es war schwer zu sehen, aber ich bin unglaublich dankbar“
Die drei sind eine eingeschworene Gruppe: Nach Vince’ Tour waren sie zum Songwriting in Marokko. Den Kopf freikriegen, sich sammeln, an Tracks arbeiten. Dass Kasi und Antonius neben ihm so groß wurden, hat für Vince zwei Seiten: „Es war ein bisschen schwer zu sehen, dass es bei denen plötzlich so läuft.“ Doch andererseits habe er dabei auch gewonnen: „Ich habe immer davon profitiert und bin unglaublich dankbar.“ Er sei mitgezogen worden, ohne das wäre es auf der Karriereleiter nicht so leicht nach oben gegangen. Kurios dabei: Die Stimmen von Kasi und Vince sind sich verblüffend ähnlich.
Was Vince antreibt, sind oft negative Phasen: „Ich mache Musik, um mich auszudrücken. Ich verpacke, was ich fühle und was mich beschäftigt.“ Er sei kein krass depressiver Mensch, aber schon als er mit Musik angefangen habe, sei es ihm ziemlich schlecht gegangen. Musik ist für ihn ein Ventil, eine Art Therapie, um klarzukommen. Sein Ego auf eine gut gelaufene Tour aufbauen will er aber nicht: „Man sollte nie anfangen, sein Selbstbewusstsein daher zu beziehen, das ist schwierig.“
Was ihn umtreibt, beschreibt er im Song „Wacklige Beine“. „Ich bin nie wieder Feigling, aber das wird hier gekonnt überspielt / fuck ich steh auf wackligen Beinen in der Hoffnung, dass mich so niemand sieht.“ Die Zerbrechlichkeit findet sich auch in anderen Texten wieder. Für Vince ist sie hier aber besonders gut gelungen: „Ich habe hier mehr die Hülle fallen gelassen.“ Sehr persönlich sei das geworden. Vielleicht auch, weil er Einblicke in seine Kindheit gibt. „Zum Glück hat meine Mum mich so gemacht, wie ich bin / weil mein Papa, der war eh nie da.“
„Den großen Plan hatte ich nie…“
Vince ist ohne Vater aufgewachsen. „Es lief schon teilweise drunter und drüber.“ Doch seine Mutter sei immer die Starke gewesen. „Ich bin mittlerweile froh, dass ich alleinerziehend aufgewachsen bin.“ So habe er mehr von ihr mitbekommen und weniger vom Vater. Ihren Einsatz schätzt er über alle Maße: „Ohne sie wäre ich nicht hier, wo ich bin.“
Für die kommenden Monate will Vince weiter an Songs arbeiten, sich für die nächste Tour vorbereiten. Genauso wichtig ist ihm aber, am Boden zu bleiben. Die Vorfreude auf den Festival-Sommer ist groß, und vom Rest lässt er sich gerne überraschen: „Den großen Plan hatte ich nie – und bin immer gut damit gefahren.“
Seinen wachsenden Bekanntheitsgrad merkt er unter anderem auch in der alten Heimat Alpirsbach. Da sei seine Karriere zunehmend ein Thema. „Für manche bin ich da nicht mehr so der Vince von damals.“ Das sei ihm etwas unangenehm.
Sein Wunsch für die kommenden Monate ist auch daher ein bodenständiger: „Dass es so bleibt, wie es ist und wir sagen können: Das war ein richtig geiler Sommer.“
Foto: © Fatjon Humaj









