Attacke der Arten – Wie fremde Wesen den Breisgau übernehmen Natur & Umwelt | 22.11.2025 | Lars Bargmann, Jannis Jäger, Till Neumann, Philip Thomas

Tiegermücke, Waschbär , nosferatu Spimme, Amerikanischer Ochsenfrosch

Tigermücke, Nosferatuspinne, Baumwanze. Die „Unionsliste“ der EU listet knapp 90 invasive Tier- und Pflanzenarten, die mit ihrer Ausbreitung Lebensräume auf dem Kontinent beeinträchtigen können. 20 Arten sind in Baden-Württemberg gelandet. Manche schickt sich sogar an, angestammten Lebensraum zurückzuerobern. Wenn nun also schon Elch, Wolf und Flamingo hier in der Region sind, was folgt?

Natürliche Schädlingsbekämpfung

In Freiburg geht es tierisch zur Sache: In den Freibädern brüten Nacktfrösche, in den Zünften zwitschern Schluckspechte, auf der SC-Ersatzbank nisten Pechvögel, durch das Prüfungsamt der Uni flitzen Angsthasen, über die „blaue“ Wiwilíbrücke reiten Draht­esel, über der Innenstadt kreisen Pleitegeier und im Nachtleben tummeln sich Schweinehunde (wir berichteten jeweils, manchmal auch in Trüffelschwein-Manier).

Und der Südwesten beherbergt mit Waldschrat, Wichtel oder Nixe obendrein manches Fabelwesen. Vor mehr als 2000 Jahren will Julius Cäsar im Schwarzwald sogar mal ein Einhorn erblickt haben. Ganz real ist hingegen die asiatische Tigermücke. Das einzig Angenehme an der 2017 eingeschwirrten Art: Sie hat keine Lobby, wie sie bisweilen noch der ebenfalls eingeschleppte Waschbär genießt.

Frösche wie Ochsen

Selbst Kreml-Propagandisten oder jene, die in der Corona-Zeit das Virus angefeuert haben, halten sich mit schützenden Zirkelschlüssen zur getigerten Schnake zurück. Und weil die chemische Keule in der Green City verpönt ist (und von der Verwaltung ausgegebene Biozid-Tabletten bisweilen nicht den gewünschten Erfolg brachten), setzt das Rathaus ungehindert auf natürliche Fressfeinde: den Amerikanischen Ochsenfrosch.

Praktisch: Die bis zu 20 Zentimeter langen Tiere haben sich bereits bei Karlsruhe ausgebreitet. Und weil Baden im Notfall eben doch zusammenhält, drückt die dortige Stadtverwaltung ihrem geschätzten Nachbarn sogar ein paar hundert Kaulquappen ab. Und siehe da: Die Mücken verschwinden.

Um der sich fleißig vermehrenden Ochsenfrösche Herr zu werden, engagiert das Freiburger Rathaus flugs das nächste Reptil in der nordamerikanischen Nahrungskette: das Krokodil. Vielleicht drückt der Zoo im schwäbischen Stuttgart ja ein paar dieser prähistorischen Echsen ab? Allerdings braucht es auch hier wieder ein bisschen Fantasie.

Nächster Halt: Schloss­bergturm

Da traut der Sohnemann seinen Augen kaum: Was ist das für ein schräger Vogel, der da oben auf dem Schlossbergturm hockt? Sieht in etwa so aus wie eine nachlässig zusammengerollte Regenbogenfahne. Oder soll das der Schnabel sein? Gaaanz langsam oben angekommen, wird aus der Regenbogenfahne – ein Tukan. Stolz hebt er seinen knallbunten Schnabel, in dem er – eine asiatische Tickermücke hält. Sind das die ersten Vorzeichen eines aufkommenden subtropischen Klimas im Breisgau? Der Nabu jedenfalls ist informiert und baut bereits eine Vogelwarte auf dem Schlossberg. Auch wenn die Freiburger Denkmalschutzbehörde „not amused“ war. Aber Nabu-Vorstand Ralf Schmidt wusste schmunzelnd zu berichten: „Mit Kindern und Tieren, kannst du nicht verlieren.“

Frechling in der Wertstofftonne

Sie sind die eine Bedrohung, die niemand auf dem Schirm hatte. Waschbären breiten sich, wie gesagt, ebenfalls in deutschen Landen immer stärker aus und gelten mancherorts bereits als Plage. Sie plündern Mülltonnen, fauchen grässlich, wenn sie sich bedroht fühlen, und sehen dabei immer ein wenig aus als hätte ein pummeliges Stofftier zu lange schlechten Umgang gehabt. Es fällt leicht sie abzutun, zu kriminalisieren und zu fordern, man möge die kleinen pelzigen Kameraden doch bitte erschießen. Für manche scheint das ein ganz normaler Reflex zu sein.

Doch die Wahrheit ist wie so oft komplexer: Denn woher stammen Waschbären ursprünglich? Richtig, sie haben einen nordamerikanischen Migrationshintergrund. Sie fliehen praktisch aus einem Krisengebiet. Die putzigen Kleinbären verlassen das sinkende Schiff ihrer Heimat. Und es ist nur menschlich, wenn wir sie bei uns willkommen heißen. Vorausgesetzt sie bringen auf ihren Beutezügen die Müll­trennung nicht durcheinander.

Grusel-Wesen ohne Netz

Bei der Freiburger Herbstmess baumelte eine überdimensionale Spinne vor der Geisterbahn in der Luft. Keine Frage: Es war eine Warnung vor dem nächsten Unwesen, das den Breisgau unsicher macht: die Nosferatu-Spinne. Egal wie harmlos sie ist – allein der Name macht Angst. Nosferatu, so heißt ein deutscher Gruselfilm aus dem Jahr 1922. Ein Vampir treibt da sein Unwesen. Und die Spinne?

Das wilde Ding stammt aus dem Süden und fühlt sich hier zunehmend wohler. Klimawandel sei Dank. Das Grausige an ihr? Ihr fieses Aussehen und ihr atemloser ­Lifestyle. Statt wie andere Achtbeiner ein Nest zu bauen, rennt diese Spinne durch die Gegend und jagt. Aggressiv gegenüber Menschen ist sie nicht. Aber: Sie kann beißen. Und das soll wehtun wie ein Bienenstich. YouTube-Videos mit Selbstversuchen belegen es.

Also besser fernhalten, wenn Miss Nosferatu in die Bude kommt. Am besten mit einem Glas aus dem Haus befördern. Der Alptraum: Sie sitzt im Briefkasten und man langt rein. Besser nicht drüber nachdenken und Mails schreiben.

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