Zarte Raritäten – Wildorchideen am Oberrhein Haus & Garten | 09.05.2026 | Frank von Berger
Eine seltene Schönheit, mit gutem
Auge in den Magerwiesen des Lilientals
bei Ihringen zu entdecken: die Rotbraune
Ständelwurz (Epipactis atrorubens).
Tropische Orchideen waren früher echte Liebhaberpflanzen. Heute zählen Arten wie die umgangssprachlich Malayenblume oder Schmetterlingsorchidee genannten Phalaenopsis-Hybriden zu den beliebtesten Zimmerpflanzen. Sie bringen mit ihren langlebigen Blüten exotisches Flair ins Zuhause. Doch Orchideen sind auch bei uns in der Natur zu entdecken: kleiner, aber ebenso reizvoll, besonders im Spätfrühling an ausgewählten Naturstandorten.
In der Regio gibt es zahlreiche Plätze, an denen wir diese botanischen Raritäten entdecken und bewundern können. So etwa im Sumser-Garten im Naturschutzgebiet Jennetal am Schönberg bei Ebringen. Er öffnet für einige Wochen im Frühjahr seine Pforte für Besucher. Auf einem kleinen Wiesengrundstück am Waldrand gibt es eine erstaunliche Vielzahl rarer Pflanzenschätze zu entdecken, darunter vor allem mehrere Arten von Wildorchideen. Zu bewundern gibt es hier unter anderem Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea), Ohnhorn (Orchis anthropophora) und Ragwurz-Arten (Ophrys). Ein schmaler, gewundener Pfad führt direkt an den kostbaren Gewächsen vorbei, sodass niemand den Weg verlassen muss. Geöffnet ist die Anlage, die in weniger als einer halben Stunde allerdings nur zu Fuß von Ebringen aus zu erreichen ist, bei freiem Eintritt von Ende April bis Anfang Juni an Sonn- und Feiertagen sowie an Samstagen von 9 bis 16 Uhr. Betreut wird der Sumser-Garten von Ehrenamtlichen, die hoffentlich noch lange ihr Engagement für dieses botanische Kleinod beibehalten.

Die zarten weißen Blüten der Waldhyazinthe.
Ebenfalls eine große Artenvielfalt von Wildorchideen beheimatet das Liliental bei Ihringen. Auf den zahlreichen Magerrasen-Flächen der forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt des Landes Baden-Württemberg haben sich seit dem Ende der landwirtschaftlichen Nutzung des Areals in den 1950er-Jahren rund 20 Orchideenarten angesiedelt. Ihre Blütezeit beginnt meist schon Ende April mit dem Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) und dem Affen-Knabenkraut (Orchis simia). Letzteres erhielt seinen Namen von den charakteristischen Blütenblättern, die tatsächlich wie ein kleines Äffchen mit Ärmchen, Beinchen und kleinem Schwänzchen aussehen. Ab Mitte Mai erblüht die Pyramiden-Hundswurz oder Spitzorchis (Anacamptis pyramidalis), die durch ihre purpurrosa Färbung schon von weitem zu sehen ist.
Zum Niederknien schön!
Ebenfalls recht auffällig sind die blassgrünen, bis 90 Zentimeter hoch aufragenden, bizarren Blütenstände der Bocks-Riemenzunge (Himanthoglossum hircinum). Die Mittellappen der Einzelblüten sind lang und gedreht wie Bandnudeln. Zwischen den Wiesengräsern etwas versteckt sind bei genauerem Hinsehen einzelne Exemplare der Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica) und der Bienen-Ragwurz (O. apifera) zu entdecken, ebenso weiß blühende Waldhyazinthen (Platanthera), das Langblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia), das Rote Waldvögelein (C. rubra) sowie das etwas höher aufragende Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea). Zum Niederknien schön!

Wanderparkplatzes Schelinger Höhe sind zahlreiche Exemplare des Brand-Knabenkrauts zu entdecken.
Die meisten Wildorchideen-Arten im Liliental sind häufig und lassen sich gut von den Wegen aus entdecken. Besonders zahlreich gedeihen sie auf der Anhöhe mit der Birken-Sammlung sowie den angrenzenden Magerwiesen. Nur an ganz wenigen Standorten zeigen sich jedoch die dunkelvioletten, aparten, bis 50 Zentimeter hohen Blütenstände des Dingels (Limodorum abortivum) und die grazilen, bis 60 Zentimeter hohen, zierlichen Blütenstängel der Rotbraunen Ständelwurz (Epipactis atrorubens). Wer diese selteneren Arten aufspüren möchte, braucht ein wenig Glück, ein gutes Auge oder den Tipp eines Ortskundigen. Manche Besucher des Lilientals sind botanisch versiert und teilen ihr Wissen gern. Eine Tour durch das Liliental ist übrigens nicht nur wegen der Wildorchideen empfehlenswert. Hier gibt es auch viele Baumschönheiten und sogar einen Wald aus Mammutbäumen zu bestaunen. Planen Sie auf jeden Fall genug Zeit ein, denn das ganzjährig frei zugängliche Gelände ist sehr weitläufig, abwechslungsreich und bietet phänomenale Ausblicke auf die Schwarzwaldhöhen!
Spezialisierte Lebensräume
Am Kaiserstuhl gibt es außerdem noch weitere „Hotspots“, um Wildorchideen zu entdecken. Wer vom Wanderparkplatz an der Schelinger Höhe in Richtung Katharinenkapelle marschiert, kommt schon nach wenigen hundert Metern an einem linker Hand gelegenen Wiesenhang vorbei, auf dem neben Spitzorchis, Helm- und Affen-Knabenkraut auch zahlreiche Exemplare des Brand-Knabenkrautes (Neotinea ustulata) wachsen. Letzteres wird auch Brand-Keuschorchis genannt. Wer noch ein paar hundert Meter weiter und durch ein kleines Wäldchen wandert, findet auf einem anderen Wiesenhang unzählige Exemplare des blauviolett blühenden Kleinen Knabenkrauts (Anacamptis morio), auch Salep-Hundswurz oder volkstümlich Narrenkappe genannt. Diese Art blüht als eine der ersten heimischen Wildorchideen bereits relativ früh, oft schon ab Mitte April.

Das Rote Waldvögelein wächst zwischen Wiesengräsern im liental.
Zahlreiche Wildorchideen gibt es zudem im Naturschutzgebiet Taubergießen nördlich des Kaiserstuhls, unweit von Rust, zu bestaunen. Dort wachsen mindestens 16 verschiedene Arten von Wildorchideen, darunter alle bei uns heimischen Ragwurz-Arten, nämlich Bienen-, Fliegen-, Spinnen- und Hummel-Ragwurz. Die Ragwurz-Blüten imitieren Insektenweibchen und locken so hochzeitsbereite Insektenmännchen an. Diese stauben bei ihrem Blütenbesuch Pollen ab, tragen ihn zur nächsten Blüte, bestäuben diese und sorgen damit für den Erhalt der Population. Die Ragwurz-Arten im Taubergießen sind am häufigsten am Hochwasserdamm zu finden. Andere Wildorchideen-Arten finden sich, je nach Standortvorlieben, auch in den feuchteren Zonen des Naturschutzgebietes.
Nur schauen, nicht mitnehmen!
Wer angesichts der schönen Blüten der Wildorchideen daran denkt, ein Pflänzchen für den eigenen Garten auszugraben und mitzunehmen, sei an dieser Stelle ausdrücklich gewarnt: Nicht nur, weil alle Wildorchideen unter strengem Schutz stehen – sie sind auch extrem anspruchsvoll und sensibel. Alle heimischen Orchideenarten wachsen nur dort, wo die Bodenverhältnisse für sie optimal sind. Zudem leben sie in Symbiose mit bestimmten Bodenpilzen. Im heimischen Garten kann ihnen niemand, auch beim besten Willen nicht, die zum Gedeihen benötigten Bedingungen bieten. Ein Umsetzen in den eigenen Garten hätte daher unweigerlich das endgültige Aus für die Pflanze zur Folge. Also erfreuen Sie sich vor Ort an der Pracht und nehmen Sie nur die Erinnerung oder ein paar Fotos mit, nicht aber die Pflanzen!









