Freiburg braucht (k)ein Kurzstreckenticket: Pro & Contra STADTGEPLAUDER | 13.08.2016

Berlin hat eins. Köln auch. Und Heidelberg neuerdings ebenfalls. Kurzstreckentickets, mit denen man vergünstigt meist Strecken von bis zu drei Haltestellen fahren kann. Aus vielen deutschen Städten sind die günstigen Fahrscheine nicht mehr wegzudenken. Ginge es nach dem Willen der Jungen Union oder der Jungsozialisten hätte auch die südbadische Hauptstadt längst solch ein Ticket. Lange Zeit wurde die Diskussion um die Billigfahrten in einem Atemzug mit den Forderungen nach einem Sozialticket geführt – doch während Letzteres im Oktober an den Start geht, ist von einem Kurzstreckenticket weit und breit nichts zu sehen. Ein Unding, findet bib-Redakteurin Tanja Bruckert, während Chefredakteur Lars Bargmann es ein Unding findet, dass die Kollegin das ein Unding findet.

Neue Trams der VAG

Teure Tram: 3,3 Millionen Euro kostet der neue Urbos. 12 Stück hat die VAG gekauft.

Pro: »Logische Ergänzung«

findet Tanja Bruckert

Freiburg braucht ein Kurzstreckenticket. 2,20 Euro für ein paar Meter tun weh. Nicht jeder kann und will sich das leisten.

Vor allem, da die Fahrtkosten in keinem Verhältnis stehen: Von Munzingen bis Ebnet muss der Fahrgast genauso viel berappen wie für den einen Kilometer vom Freiburger Bahnhof bis Oberlinden. Andere Städte haben längst erkannt, dass da was nicht passt.

Die Freiburger Verkehrsbetriebe ignorieren ein lohnendes Geschäft: Wer momentan drei Haltestellen lieber läuft – oder schnell ohne Ticket in die Bahn springt –, löst bei einem angemessenen Preis sicher eher einen Fahrschein. 2,20 Euro für die Kurzstrecke zahlt vor allem, wer keine echte Wahl hat: Die Mutter mit Kinderwagen, die vom Arzt nach Hause möchte, der Rentner, der den Weg zum nächsten Supermarkt zu Fuß nicht mehr schafft oder der Student, der nachts nicht allein durch die Straßen laufen will.

Sozial ist das nicht – das Kurzstreckenticket wäre daher die logische Ergänzung zum kürzlich beschlossenen Sozialticket. Es entlastet nämlich auch all die Geringverdiener, die entweder nicht regelmäßig Bus und Bahn fahren oder einfach keinen Anspruch aufs Sozialticket haben.

Selbst Menschen, die keinen Nahverkehr nutzen, würden profitieren: Den lärmgeplagten Innenstadtbewohnern würde es sicher gut tun, wenn das Partyvolk mit der Bahn vom Schlappen in Schmitz Katze fahren würde und nicht – grölend – zu Fuß geht.

Contra: »Jeder Euro gut angelegt«

erwidert Lars Bargmann

Die Freiburger Verkehrs AG fährt jedes Jahr zuverlässig millionenschwere Verluste ein. Wie andere kommunale Verkehrsbetriebe auch. Der Ausbau des ÖPNV ist ein enormer Kraftakt. Die Stadtbahnverlängerung nach Zähringen, der erste Abschnitt der Messelinie, die Stadtbahn Rotteckring und durch die Waldkircher Straße kosten mal eben 150 Millionen Euro. Jeder Euro für das Netz in Freiburg ist gut angelegt. Trotzdem wird die Debatte immer wieder aufgegleist. Vor sechs Jahren schien kurzfristig eine Mehrheit im Gemeinderat zu stehen. Drei Haltestellen für einen Euro.

Die daraus resultierenden Defizite solle halt die Stadtkasse ausgleichen, fand CDU-Stadtrat Hansjörg Sandler. Andere argumentierten, dass mit einem Ein-Euro-Ticket mehr Autofahrer ihre Karren stehen lassen würden. Wer’s glaubt. Die VAG und der Regio-Verkehrsverbund Freiburg würden die Debatte nur zu gern endgültig aufs Abstellgleis stellen: Sie fürchten, dass ein Billigticket den Bestseller Regio-Karte schwächen würde, die technische Umrüstung der Automaten sei viel zu teuer und das Ganze im Tarifverbund ohnehin nur äußerst schwer bis unmöglich umzusetzen. Verstehbar. Als übrigens neulich eine Meldung in die Redaktion flatterte, wonach Freiburg in der Tabelle der Schwarzfahr-Hochburgen in Deutschland auf Platz zwei rangiert, mutmaßten die Kollegen schnell einen Zusammenhang mit dem fehlenden Kurzstreckenticket. Von wegen: Spitzenreiter Essen hat keins, der Tabellendritte und –vierte, Hannover und Mannheim haben auch keins. Köln hat eins. Es kostet 1,90 Euro. Der ÖPNV ist sein Geld wert.

Foto: © Till Neumann