Tatendrang und Groll: Kulturstraßenbahn kommt in den Dietenbachpark – gemischte Reaktionen Kultur | 26.06.2026 | Till Neumann
Upcycling? Vier Trams hat die VAG 2020 ausrangiert. Eine kommt in den Dietenbachpark. Eine weitere ging ins Kliemannsland.
Schon fünf Jahre gibt’s die Idee einer Kulturstraßenbahn. Nach langem Ringen kommt sie im Sommer in den Dietenbachpark. Dort will der Verein Clubkultur einen Ort für Kreatives, Kollektives und Partys schaffen. Vereinsvorsitzende Gioia Seiberlich (40) setzt auf Optimismus und Tatendrang. Doch über so manche Vorschriften gibt es Unmut: „Beschissene badische Lösung“, schimpft ein Stadtrat.
„Ideen entfalten“

Vorbereitungen: Das Clubkultur-Team auf dem Areal im Dietenbachpark
Zwischen Robert-Ruh-Weg und Parcours-Platz im Dietenbachpark liegt eine Wiese. Wo bisher Käfer krabbeln, soll ab Frühjahr 2027 viel los sein: „Ausstellungen, Workshops, Seminare sowie Veranstaltungen rund um Musik, Kultur und gemeinschaftliche Projekte“, sagt Gioia Seiberlich vom Clubkultur-Vorstand. Eine ausrangierte VAG-Straßenbahn wird unter anderem als Kiosk dienen. Später soll dort ein Café entstehen. „Das wird ein Ort, wo sich Ideen entfalten können“, so Seiberlich. Barrierearm und inklusiv – eine Plattform für kreatives Miteinander und subkulturelle Events.
Anfang Sommer soll der Schwertransport kommen. Auf dem Gelände sind Vorbereitungen im Gange, der Antrag ist beim Bauamt – im Frühjahr 2027 könnte es losgehen, wenn alles klappt.
Jahrelange Zerreißprobe
Jahrelang hat der Verein um sein Projekt gerungen. Für „viel Frustration“ hat das gesorgt, sagt Seiberlich. Und den Verein gespalten. Das lange Ringen, das mehrfache Überarbeiten des Konzeptes, das Hinnehmen von unliebsamen Einschränkungen. Eine Zerreißprobe.
Die Krux: Es dürfen nur zehn bis zwölf Veranstaltungen im Jahr mit verstärkter Musik dort laufen. Bis 22 Uhr. Die Eventfläche ist von einst 3000 Quadratmetern auf 1000 geschrumpft.

Clubkultur-Vorstand (von links): Albert Cano, Malva Al Josef, Gioia Seiberlich, David Loeffel
„Welt kein Wunschkonzert“
Skeptiker, die mit der jetzigen Lösung nicht einverstanden sind, haben sich verabschiedet. Andere sehen sie positiv und wollen anpacken. So wie Seiberlich: „Ich glaube, wir müssen jede Möglichkeit annehmen und versuchen das auszubauen, um den Bedarf sichtbar zu machen.“ Wenn die Fläche genutzt werde, sei das der größte Beweis, dass es genau da weitergehen muss.
„Die Welt ist kein Wunschkonzert – auch die Stadt Freiburg nicht“, sagt Seiberlich. Man könne sich seinen Emotionen hingeben, am Ende habe die Subkultur dann vielleicht nichts. Daher sagt sie: „Es ist eine Entscheidung, das als etwas Mutmachendes zu empfinden.“ Viele hätten sich dafür den Arsch aufgerissen – auch im Kulturamt und vom ANA-Kollektiv, das in Zusammenarbeit mit dem Verein die Planung und den Ausbau des Areals managt.
„Beschissene badische Lösung“

Sieht die Planung kritisch: Stadtrat und Kulturaktivist Markus Schillberg
Kritischer sieht das Stadtrat Markus Schillberg (Kulturliste): „Es war eine Riesenreiberei und der Outcome ist wieder diese beschissene badische Lösung.“ Kein gutes Signal sei es an Ehrenamtliche, die versuchen, gemeinsam mit der Stadt Kulturflächen zu schaffen. Er nennt es ironisch „die Fortsetzung einer Kaskade von kleinen Glanzleistungen“, die die Verwaltung abliefere. Dabei sei Freiburg als Sonnenstadt und zweitjüngste City der Republik prädestiniert für einen Open-Air-Club.
Positiver gestimmt ist Timothy Simms von der Grünenfraktion: „Wir freuen uns, dass ein unverwechselbarer Kulturort entsteht.“ Seine Kollegin Sonja Wagner von FR4U ergänzt in der Presseerklärung: „Mit der Kulturstraßenbahn eröffnet sich die Chance, die Freiburger Kulturszene mit einem attraktiven und niedrigschwelligen Angebot dauerhaft zu bereichern.“
Hoffnug auf Lockerung
So sieht das auch Gioia Seiberlich. Ihr Ansatz: Wenn der Start gelingt, könne man zukünftig auf gelockerte Regeln hoffen.
Rückblick Kulturstraßenbahn
2021 hat die VAG vier Straßenbahnen ausrangiert – und verschenkt. Die Ansage damals: Will keiner die alten GT8Ks, werden sie verschrottet. 35 Tonnen schwer sind die Fahrzeuge. Und 33 Meter lang. Die VAG sprach von Entsorgungskosten von mehreren tausend Euro. Und bevorzugte daher, sie weiterzugeben. Die Bedinung: Wer eine Tram haben möchte, holt und transportiert sie auf eigene Kosten. Als Erster griff im Dezember 2021 der Youtuber Fynn Kliemann zu. Sein Team holte eine Tram für sein Kliemannsland in Elsdorf (Niedersachsen). Nach deren Angaben kostete der Transport quer durch die Republik rund 30.000 Euro. Eine zweite Tram ging an einen Abenteuerpark im Hunsrück. In Freiburg entstand damals die Idee, eine Tram für ein Kulturareal zu nutzen. Der Verein Clubkultur machte eine Fläche im Dietenbachpark aus – und ging in die Planung. Erst rund fünf Jahre später, wird das Projekt nun Realität.









