Buch-Tipp: Seerauchen – Die Farben der Stimmen 4Literatur & Kolumnen | 18.04.2026 | Erika Weisser

Cover Seerauchen

Josef ist sieben, als er das erste Wort spricht. Bis dahin hat er alles, was zu sagen war, für sich behalten, hat die vielen Worte, die auf ihn einprasseln, sorgfältig sortiert und in seinem Gedächtnis aufbewahrt.

Aber das weiß niemand außer ihm selbst. Und niemand in seinem Bodenseedorf weiß, dass er aus dem Gedächtnis exakte Porträts der Menschen zeichnen kann, die zu ihm sprechen. Und dass ihre Worte, je nach Inhalt und Stimme, für Josef blau, grün oder gelb sind, oft auch rot, selten braun. In allen Schattierungen. Und manchmal von grauen Streifen durchzogen.

Nicht einmal seine Mutter Martha kennt Josefs besondere Fähigkeiten. Sie weiß nur, dass sie ihm nie zu nahe kommen darf, ihn auch dann nicht in den Arm nehmen und trösten kann, wenn andere Kinder ihm wieder einmal zugesetzt haben. Denn Josef lebt in seiner eigenen Welt, ist dort nur selten erreichbar. Manche nennen das „nicht richtig im Kopf“.

Das geht halbwegs gut, bis allenthalben braune Uniformen aufkreuzen, jüdische und andere unliebsame Dorfbewohner verschwinden und in amtlichen Schreiben von „Ballastmenschen“ die Rede ist. Und Josef ein neues Gefühl erlebt, das er nicht definieren kann: Angst.

Ein starkes Debüt der im Dreisamtal lebenden Autorin Sabine Eschbach.

Cover Seerauchen


Seerauchen
von Sabine Eschbach
Verlag: Dörlemann, 2025
341 Seiten, gebunden
Preis: 25 Euro