Eine Racheengelin in Berlin – Der Freiburger Dichter Ulrich Land folgt den von ihm erfundenen Spuren einer Kollegin 4Literatur & Kolumnen | 27.02.2026 | Erika Weisser

Ulrich Land Ulrich Land bei einer Lesung in Düsseldorf

Vor 81 Jahren, im Januar 1945, starb Else Lasker-Schüler in Jerusalem. Der Freiburger Schriftsteller Ulrich Land, der gerne biografische Stoffe neu-, ver- oder umdichtet, zeichnet in seinem Roman nun ein Szenario, in dem die des Lebens im Jerusalemer Exil überdrüssige avantgardistische Dichterin, Zeichnerin und Verwandlungskünstlerin diesen Tod nur fingiert, um heimlich in das Land zurückzukehren, das sie 12 Jahre zuvor vertrieben hatte.

Zunächst lässt der überaus fantasiebegabte Autor, der in den letzten 30 Jahren 22 Bücher veröffentlichte, die fast verarmte und in Vergessenheit geratene 75-Jährige einen 70 Kilo schweren Goldschatz erben. Mit einem großen Teil davon besticht sie, die schon in jungen Jahren immer wieder in relativer Armut lebte, den unverkennbar geldgierigen Bestatter. Zum Schein lässt sie sich von ihm in einen Sarg legen, aus dem sie sich alsbald „wie eine zu groß geratene Kapitänin im zu klein geratenen Nachen“ erhebt und, nachdem ihr dubioser Geschäftspartner sie gegen einen ihr unbekannten echten toten Menschen ausgetauscht hat, sich endlich auf den Weg zurück macht.

Zurück aus dem „Hebräerland“, das sie einst aus der Ferne als Sehnsuchtsort gerühmt, das sie in der Alltagsnähe aber enttäuscht hatte. Ihr Ziel ist Berlin, wo sie 40 Jahre zuvor ihre ersten lyrischen Werke und Prosa-Sammlungen veröffentlichte, später als Kunstfigur „Prinz Yussuf von Theben“ durch die Straßen und Salons stiefelettete, in einem regen Briefwechsel mit ihrem „Blauen Reiter“, dem Maler Franz Marc, stand. Doch da sie wie auch schon auf dem Hinweg „als Inkognito-Existenz unter eiserner Tarnkappe“ unterwegs ist, gelangt sie erst nach mehreren Zwischenstationen in die kriegszerstörte Hauptstadt, in der sie ihren über alles geliebten Sohn Paul alleine großgezogen hatte. Und für den sie 1917 schon einmal etwas fingiert hatte: ein ärztliches Attest, das ihm ermöglichte, in einem Zürcher Sanatorium unterzutauchen, um seiner mit der bevorstehenden Volljährigkeit drohenden Einberufung zum Militär – und damit in den Ersten Weltkrieg – zu entgehen.

Dass Paul zehn Jahre später tatsächlich krank wurde und starb, hat sie in eine tiefe Krise gestürzt, von der sie sich nie ganz erholte. Und genau dieses Trauma ist der Ausgangspunkt für Ulrich Lands virtuosen Krimi, der im November 2025 in der Reihe „Mord und Nachschlag“ im Münsteraner Oktober-Verlag erschien und der die Leser mitnimmt in das exzentrische Leben und Wirken dieser Literatin, die sich selbst zu einer literarischen Gestalt erschuf: Der „jahrelang angestaute Schmerz“, schreibt er, sei übergekocht. Und habe die Frau, die „keiner Fliege was zu Leide tun kann“, in einen Racheengel verwandelt. Denn sie glaubt zu wissen, wer schuld ist am Tod ihres Sohnes – und macht sich auf die Suche.

Ein rasantes und ziemlich fantastisches Vergnügen, das nebenbei dazu anregt, sich wieder näher mit der großartigen Else Lasker-Schüler zu beschäftigen.

Buch Lieber reich leben als arm sterben

Lieber reich leben als arm sterben
Ein Else-Lasker-Schüler-Krimi mit Rezepten
Von Ulrich Land
Verlag: Oktober, 2025
391 Seiten, Taschenbuch
Preis: 16,90 Euro

Fotos: © André Symann, Ulrich Land