„Keine Leistungsmaschinen“: Wie Eltern ihre Kinder bei Überbelastung unterstützen können findefuchs | 03.01.2018 | Isabel Barquero

Was tun bei Schulstress? Die Autorin und ehemalige Grundschullehrerin Stephanie Schneider (44) gibt in ihrem Buch „Der kleine Schul-stressberater“ Tipps, wie Eltern und Kinder entspannt durch die Schulzeit kommen. Der fifu-Autorin Isabel Barquero hat sie erklärt, warum der Druck zunimmt und wie der elterliche „Fan-Club“ Abhilfe schaffen kann.

B. Zettis findefuchs: Sie haben an den Anfang des Buches ein Zitat des Fußballtrainers Jürgen Klopp gestellt: „Es ist nicht die Angst vorm Verlieren, die dich zum Sieger macht, sondern die Lust aufs Gewinnen.“ Warum?
Schneider:Jeder Mensch hat erst einmal von sich aus Lust, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Wenn wir diese Lust verstärken, statt sie durch Kritik kaputtzumachen, dann können Menschen über sich hinauswachsen. Ich denke, wir sollten Kinder und Erwachsene viel mehr auf ihre Stärken hinweisen und sie loben. Das macht stark. Kritik hingegen schwächt und demotiviert.

findefuchs: Schule ist für Kinder in Deutschland Stressfaktor Nummer eins: Jeder dritte Schüler fühlt sich regelmäßig von Lehrern, Hausaufgaben oder dem Unterricht gestresst. Welche Ursachen tragen zum Stressempfinden bei?
Schneider: Die gute Seite: Wir schenken unseren Kindern in der Regel viel mehr Beachtung als früher. Außerdem haben wir durch das Internet mehr Möglichkeiten, uns zu bilden, jemanden zu fördern. Die Schattenseite: Kinder stehen heute mehr unter Druck. In den Medien wird über die Pisa-Studie geredet. Es gibt Sprach-, Kunst- und Kochschulen für Kinder. Und selbst in der Grundschule ist regelmäßiger Nachhilfeunterricht nicht mehr ungewöhnlich.

findefuchs: 15 Prozent der 9- bis 14-Jährigen sind durch häufigen Druck der Eltern gestresst. Was halten Sie von Eltern, die ihre Kinder auf Höchstleistung trimmen?
Schneider: Erst einmal habe ich Verständnis für alle Eltern, die ihren Kindern Druck machen. Natürlich werden bei uns zu Hause auch Diskussionen über nicht gemachte Hausaufgaben geführt. Allerdings wäre es schön, wenn alle Erwachsenen sich klarmachen würden, worauf es wirklich ankommt: Kinder sind keine Leistungsmaschinen.

findefuchs: In Ihrem Buch sagen Sie: „Das beste Mittel gegen Schulstress ist ein entspanntes Zuhause“.
Schneider: Gerade wenn ein Kind in der Schule Niederlagen einstecken muss und Stress erlebt, braucht es ein Zuhause, in dem es nicht nur für seine Leistungen geliebt wird. Zuhause sollte immer ein Zufluchtsort sein, denn diese haben in der Welt unserer Kinder Seltenheitswert. Eltern sehen sich oft aus falsch verstandener Solidarität als verlängerter Arm der Schule. Aber Ermahnungen, Bewertungen, Normierungen und Kritik bekommen die Kinder in der Schule genug. Ihre Eltern brauchen sie als Fan-Club, der gerade in schweren Zeiten zu ihnen steht und die andere Seite der Medaille vermittelt: Leistung ist wichtig und gut, aber liebenswert bist du für uns jederzeit und wegen ganz anderer Seiten an dir.

findefuchs: Sie waren bis 2004 Grundschullehrerin. Wie sind Sie damals mit Kindern umgegangen, die Stress in der Schule hatten?
Schneider: Meine Devise war, so viele Themen wie möglich spielerisch zu gestalten. Viele meiner Kollegen hatten in ihren Klassen zum Beispiel eine Aufräum-Musik. Nach erfolgreicher Arbeit gab es noch ein Spiel zur Belohnung. Durch solche Auflockerungen verändert sich die Atmosphäre und nicht jede Aufgabe wird gleich als ernste Pflicht wahrgenommen. Außerdem habe ich versucht, meiner Klasse vorzuleben, dass ich Noten nicht so wichtig finde, sondern eher auf die Entwicklung und Motivation des Einzelnen schaue. Das kann durch Kleinigkeiten passieren. Wenn ich jemandem ein Diktat in die Hand drücke, dann kann ich sagen: „Du hast eine drei. Damit liegst du im Klassendurchschnitt im unteren Drittel. Oder ich sage: „Prima, du hast 10 Fehler im Diktat. Beim letzten Mal waren es 16. Eine super Verbesserung! Übe weiter so.“

findefuchs: Woran merkt man, wenn die Schule eine Last für Kinder ist? An schlechten Noten?
Schneider: Nein. Schulstress ist völlig unabhängig von der Anzahl der Einsen oder Fünfen auf dem Zeugnis. Ganz im Gegenteil, manchmal sind es sogar gerade die Kinder mit den guten Noten, die sich selbst unter Druck setzen oder von ihren Eltern Stress kriegen. Schulstress entsteht immer da, wo die Schule einen zu großen Stellenwert in der Familie und im Alltagsleben bekommt. Wenn Eltern ihr Kind beobachten, dann haben sie wahrscheinlich schon im Gefühl, ob es sich in der Schule wohlfühlt oder unter Stress ist. Symptome können unterschiedlich aussehen: Wenn das Kind Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen hat. Wenn es schlecht einschlafen kann oder traurig aus der Schule kommt. Wenn es sich wenig zutraut oder aggressiv wird. Kinderärzte nennen sogar Rückenschmerzen als Symptom für Schulstress.

Stephanie Schneider
Verlag: Kösel, 2014
Für Familien mit Kindern von
6 bis 12 Jahren
Preis: 9,99 Euro
Seitenzahl: 40

Weitere Ratgeber und Tipps für eine entspannte Schulzeit

Das Buch dient als Hilfestellung für Eltern mit bald schulpflichtigen Kindern. Beispiele, praktische Vorschläge und Tipps weisen darauf hin, wie Vorschulkinder für einen guten Start in die Schulzeit begleitet werden können. Die Eltern-Lektüre führt durch neun wichtige Kernkompetenzen, die ein Kind braucht, um mit den gesellschaftlichen Anforderungen des heutigen Lebens (und nicht nur der Schule) zurechtzukommen.

Adolf Timm und Klaus Hurrelmann
Stark in die Schule: Was Kinder vor der Einschulung brauchen
Verlag: Beltz, 2015

Erwachsene sehen dem Schulanfang meist mit gemischten
Gefühlen und vielen Fragen entgegen. Dabei übersehen sie, dass mit dem Schulanfang ein großes Abenteuer für die Kinder beginnt.
Mit vielen Tipps bearbeitet das bunt illustrierte Buch Themen wie Schulwechsel und -wahl, verschiedene Lernhilfen und Elternstress. Es hilft Familien, gut durch die Schulzeit zu kommen, und Hürden gemeinsam zu beseitigen.

Ingeborg Saval
Planet Schule: Gemeinsam und unbeschwert den Schulalltag meistern
Verlag: Trias, 2015

Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule ist ein Meilenstein im Leben der Kinder. Je besser dieser Wechsel gestaltet wird, umso größer sind die Chancen auf eine erfolgreiche Schullaufbahn und einen guten Schulabschluss. Ein begleitendes Handbuch für das letzte Grundschuljahr bis in die weiterführende Schule.

Birgit Ebbert
Elternratgeber Schulübergang: 33 Dinge, die Eltern wissen müssen
Verlag: Schulwerkstatt, 2013

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