Wie eine Polin, eine Iranerin und ein Madagasse den Integrationspreis gewonnen haben Ausbildung & Arbeit | 15.04.2026 | Lars Bargmann
Jens Hupperich, Rakingamanambinaskara, Joelle Sitraka, Sara Dzida, DM-Ausbildungsleiterin Esther Köpel, Zahra Azadi, Thomas Lehmann (v.l.).
Integration bringt Zukunft, Remigration gefährdet den Standort Deutschland: Sara Dzida, Zahra Azadi und Rakingamanambinaskara sitzen in einem Konferenzraum der Freiburger Volksbank. Sie haben den von der Bank ausgelobten Integrationsförderpreis der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK) gewonnen. Und arbeiten weiter an ihrer Zukunft in der Wahlheimat.
Wenn Sara Dzida erzählt, ist schwer zu glauben, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Und sie kann sogar beides: Hochdeutsch und Badisch. Vor zwölf Jahren war sie aus Polen gekommen. Ihr Vater, der Deutschland schon als Arbeiter bei der Spargel- und Erdbeerernte kannte, wollte sein Heimatland verlassen. Über eine Leihfirma bekam er einen Job im südbadischen Neuenburg. So wurde die Familie, zu der sechs Kinder zählen, in Südbaden sesshaft.
Die Tochter startete bei der Drogerie Müller an der Freiburger Kajo ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Am Ende stand auf der Urkunde die Note 1,4. Dann sattelte sie die Handelsfachwirtin drauf, bestand die Ausbildereignungsprüfung, hat sich zur Betriebswirtin weitergebildet und leitet heute in einer Drogerie Müller-Filiale in Emmendingen schon die Abteilung für Parfümerie.
Schwerer hatte – und hat – es aktuell Zahra Azadi. Als die gebürtige Iranerin mit dem Journalisten spricht, dauert der Krieg in Nahost neun Tage. Ihre ganze Familie lebt im Iran. „Ich habe seit einer Woche keinen Kontakt mehr“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Das Mullah-Regime hatte zuvor schon Zehntausende protestierende Bürger getötet. „Wir dürfen nicht mal sagen, dass wir keine Muslime sind, viele sind es nicht, aber auf dem Papier sind alle Muslime.“ Sie hofft, dass der Krieg mit dem Sturz des Regimes endet „und wir irgendwann selber unsere Regierung wählen können“.
Keinen Kontakt zur Familie
Als sie vor einigen Jahren im Gespräch mit ihren Eltern den Wunsch äußerte, aus dem Iran wegzugehen, haben Vater und Mutter ihr keine Steine in den Weg gelegt. „Im Iran ist eine Diktatur, wirtschaftlich ging es immer schlechter. Meine Eltern haben gesagt, es ist meine Entscheidung.“ Azadi heiratete, kam 2020 nach Deutschland, absolvierte – nachdem sie schon Telekommunikations-Ingenieurwesen studiert hatte – beim Medizintechnik- und Strahlenmessungs-Experten PTW Freiburg GmbH ihre Ausbildung als Elektronikerin für Geräte und Systeme. Arbeitete erst in der Leiterplattenmontage, dann prüfte und testete sie die fertigen Apparaturen. 2024 schloss sie ihre Ausbildung ab und bekam den Förderpreis. Das Preisgeld investierte sie in eine Weiterbildung zur Fachkraft für Löttechnik.
Ihr Ausbildungsleiter Thomas Lehmann ist „sehr froh darüber“, dass sich Azadi – als eine der ganzen wenigen Frauen – für diese Ausbildung beworben hat, welche Leistungen sie dann erbracht hat und dass sie im Unternehmen geblieben ist.
Aus Madagaskar nach Freiburg
Das hat auch Rakingamanambinaskara getan. Der 32-Jährige kommt aus Madagaskar und hat nur diesen einen Namen, in der Kurzform „Skara“. Skara ist seit vier Jahren in Deutschland. Seine heutige Frau Goelle Sitraka kam schon 2014 als Au-pair hierher. Er hatte in Kamerun seinen Master in Internationalem Handel und Management gemacht, kam dann nach Deutschland, absolvierte einen Deutschkurs und startete seine Ausbildung bei der Tria Technologies GmbH in Eschbach als Lagerist.
Im vergangenen Jahr schaffte er seinen Abschluss und erhielt ebenfalls den Förderpreis. „Mit dem Preis konnte ich meine Weiterbildung finanzieren. Mein Plan ist, dass ich in diesem Jahr einen speziellen Deutschkurs im Beruf Logistik mache und nächstes Jahr eine Weiterbildung zum Logistiksteuerer.“ Aktuell arbeitet Skara als Staplerfahrer. Seine Frau, die beiden haben schon ein Töchterchen, arbeitet mittlerweile bei der Caritas in der Pflege. Auch der Pflegebereich kommt ohne Migration und Integration nicht aus.
Im Berufsleben sind die drei Preisträger Paradebeispiele für gelungene Integration. Aber Integration bedeutet mehr als das. Dzida hatte es auch im Privaten am einfachsten. „Wir hatten da, wo wir wohnten, Nachbarskinder im gleichen Alter. So sind wir direkt zusammengekommen und haben uns direkt verstanden.“ Während andere Teenager ihre Mittagspause machten, büffelte sie weiter Deutsch. Ihre Eltern legten aber auch Wert darauf, dass sie mit polnischen Mädchen und Jungen in Kontakt kam.
Azadi kam mitten in der Corona-Krise, in der man sich kaum treffen durfte. Zum Glück hat die Schwester ihres Mannes drei Kinder, die Online-Kurse hatten. „Durch die Kinder habe ich es viel weiter geschafft. Das war echt gut mit den Kindern. Und bei der Arbeit habe ich auch viel Deutsch gelernt.“ Nur wenn einige ihre Lehrer manchmal mit badischem Akzent gesprochen haben, hatte sie zuweilen ein Fragezeichen im Gesicht – wer nicht im Badischen gebürtig ist, braucht kein Perser zu sein, um das nachempfinden zu können. Private Kontakte hat sie natürlich zu ihren Landsleuten, aber beim Tanzkurs etwa auch zu südamerikanischen und italienischen Menschen.
Skara hat seine privaten Kontakte über ein Basketballteam beim USC Freiburg geknüpft. Er spielt leidenschaftlich gern: „Dort fühle ich mich sehr gut.“ Mit seiner Frau spricht er madagassisch, aber die Tochter, sie besucht eine Kita, sage immer alles auf Deutsch.
Alle drei leben gerne in Freiburg, vor allem, weil die Menschen so offen und nett seien. Aber auch weil die Natur in der Region vieles zu bieten habe. Bei der Volksbank ist Jens Hupperich als Personalchef für das Engagement verantwortlich. Vor zehn Jahren, erzählt er, habe mal eine Volksbank-Azubine den Sparkassen-Förderpreis gewonnen. Bei der Preisverleihung habe der damalige IHK-Präsident Steffen Auer ihn gefragt, ob seine Bank nicht auch einen Preis stiften möchte.
»Immer wieder Gänsehaut«
Hupperich brauchte nicht lange zu überlegen. Es wurde ein Integrationspreis. „Migration ist für unser Land etwas Gutes, Bereicherndes. Wir haben bei all den Verleihungen so viele unglaublich tolle Geschichten gehört, da kriegt man immer wieder Gänsehaut.“ Allerdings stellt die Volksbank ein paar Bedingungen. Die Preisträger in spe dürfen nicht in Deutschland oder im deutschsprachigen Ausland geboren worden sein, auch die Eltern müssen einen Migrationshintergrund haben, eine Ausbildung muss erfolgreich geschafft sein, die Bewerber müssen angeben, was sie mit den 2500 Euro Preisgeld machen wollen. Und ob sie bei ihrem Ausbildungsbetrieb bleiben wollen. „Auch der Betrieb und die Ausbildungsleiter sollen mit dem Preis belohnt werden“, sagt Hupperich. Er selber habe übrigens auch einen Migrationshintergrund. Er kommt aus Köln.
Foto : © Stefan Gram










