Zwischen Gitarren und Büchern: Lambs & Wolves veröffentlichen neues Album Musik | 06.04.2023 | Pascal Lienhard
Amerikanischer Folk aus Freiburg: Lambs & Wolves überzeugen live und auf Platte.
Lange haben sie gewartet. Nun können die Musiker von Lambs & Wolves ihre fertige Platte in Händen halten. Auf „The Devil in the Orchard“ hat die in Freiburg gegründete Band ihren Folk-Sound erweitert und musikalische Experimente gewagt. Die Einflüsse auf dem Album reichen von Sufjan Stevens bis William Shakespeare. Das kam auch bei der gut gefüllten Release-Show im Jazzhaus an.
Julian Tröndle wirkt zufrieden – nur nicht mit dem Namen seiner Band. „Mit etwas kognitivem Aufwand wären wir auf etwas Besseres als Lambs & Wolves gekommen“, findet er. Doch der Pragmatismus hat gewonnen: Mit 16 Jahren gründete Tröndle eine Kombo unter dem tierischen Namen. Und hat sich über die Jahre ein kleines Netzwerk aufgebaut. „Als sich die Gruppe später in Freiburg neu gründete, haben wir den Namen mitgenommen“, blickt der Pianist und Sänger zurück.

„Ihr seid viele“: Julian Tröndle im Jazzhaus
Heute würde der 30-Jährige, der inzwischen nach Esslingen gezogen ist, das anders handhaben. Zumal er die alten Songs von der Plattform Bandcamp genommen hat. „Sie haben nichts mehr mit uns zu tun“, sagt er. Das Englisch sei auf den frühen Nummern nicht das Beste gewesen, stilistisch habe Tröndle versucht, wie der kanadische Singer-Songwriter Bon Iver zu klingen.
Das 2021 erschienene Album „Not a Party at all“ war ein Neustart. Darauf präsentierte Tröndle mit Gitarrist Stefan Bercher und Multiinstrumentalist Louis Groß melancholischen Folk, der die Hörer·innen in den Bann zieht. Damit haben Lambs & Wolves – inzwischen mit Jamie Craig an den Drums – auf „The Devil in the Orchard“ nicht gebrochen.

Eifriger Leser: Multiinstrumentalist Louis Groß
Im Gegensatz zum eingängigen Debüt lugt die Kombo aber immer wieder über den musikalischen Tellerrand. „Auf dem Vorgänger hatten wir einen bestimmten Sound im Kopf und haben abseits dessen wenig zugelassen“, erklärt Tröndle. Dagegen klinge das neue Werk vielseitiger und dynamischer.
Die neu gefundene Offenheit tut den Songs gut. Auf „Saltwater“ sorgt eine Klarinette für Jazz-Assoziationen, „More Clouds“ dockt am Country an. Eigene Noten bringen auch Gastmusiker·innen ein. Dazu gehören der Augsburger Jazz-Drummer Simon Kerler sowie Sängerin Magdalena Belm und Geigerin Nici Feßler von der Freiburger Indie-Folk-Pop-Band Catastrophe Waitress.
Bei der Plattentaufe im Jazzhaus wirken Band und Gastmusker·innen selbst überrascht, wie voll es im Kellergewölbe geworden ist. „Ihr seid viele“, sagt Tröndle sichtlich erfreut. Zuvor haben Belm und Feßler von Catastrophe Waitress ein Support-Set bestritten. Für mehrere Songs gesellen sie sich im Jazzhaus zur Hautpband.

Untypische Breisgauer: Mit deutscher Popmusik haben Lambs & Wolves wenig am Hut.
Ein Großteil der Gäste hört viele Songs von „The Devil in the Orchard“ auf der Release-Show zum ersten Mal. Das tut der Stimmung keinen Abbruch – zumal es auf dem Album viel zu entdecken gibt. Zu Highlights werden dennoch zwei schon bekannte Nummern. Neben dem atmosphärischen Titeltrack ist das vor allem die Single „Ghost’s Fingers“: Groß entlockt der E-Gitarre experimentelle Klänge, die sich weit vom Folk wegbewegen.
Musikalische Inspiration ziehen Lambs & Wolves von US-amerikanischen Interpreten wie der Indie-Rock-Band Big Thief oder dem Singer-Songwriter Sufjan Stevens. Als ihren liebsten Songwriter nennt Tröndle auf der Bühne Cass McCombs – als Rausschmeißer servieren die Lämmer und Wölfe ein Cover seines Songs „Belong to Heaven“.
Neben der Musik sind Tröndle und Groß eifrige Leser. Eine gemeinsame Leidenschaft ist das Werk von Denis Johnson, einem Autor der Postmoderne. „Literatur fließt stark in unsere Songs ein“, sagt Tröndle. Da ist es kein Wunder, dass auch das Schaffen von David Berman für die Band wichtig ist. Der Frontmann der Indie-Band Silver Jews war nicht nur Musiker, sondern auch Dichter.
Die Liebe fürs Literarische ist schon in den ersten Sekunden des neuen Albums zu hören. Der Prolog besteht aus einem Gedicht, das später noch einmal aufgegriffen wird. Der vorletzte Titel der Platte dagegen, „Taming the Shrew“, ist ein Fingerzeig auf Shakespeares Drama „The Taming of the Shrew“ („Der Widerspenstigen Zähmung“). Doch ist der Song keine Inhaltswiedergabe der Komödie. Wie alle Songs von Lambs & Wolves bietet die Nummer mit Zeilen wie „I had my arms full of candy and medicine“ reichlich Spielraum für Interpretationen. „Mir gefällt es, wenn Texte offen sind und assoziativ scheinen“, sagt Tröndle.
Ein Wehmutstropfen im Jazzhaus: Die Band hat wegen logistischer Probleme nur 25 Scheiben von „The Devil in the Orchard“ dabei. Inzwischen sollten allerdings alle Fans versorgt sein. Eine weitaus größere Verzögerung gab es derweil beim Pressen der Scheibe: Eigentlich ist die in Freiburg und Augsburg aufgenommene LP seit Herbst fertig. Doch Termine in Vinyl-Presswerken sind rar, drei bis vier Monate musste die Band warten. „Das ging noch, da haben wir schon Schlimmeres gehört“, sagt Tröndle. Ein Nebeneffekt: „Wir haben schon wieder neues Material geschrieben.“
Fotos: © Erdan Genc, Pascal Lienhard









