Säen verbindet – Gärtnern in Gemeinschaft Haus & Garten | 12.06.2026 | Marianne Ambs & Erika Weisser
Alte Gemüsesorten bewahren, gemeinschaftlich gärtnern und regionale Landwirtschaft neu denken: Der Gottenheimer Gemeinschaftsgarten, der Kaiserstühler Samengarten und die Freiburger Gartencoop zeigen auf ganz unterschiedliche Weise, wie Menschen gemeinsam Verantwortung für Ernährung, Artenvielfalt und nachhaltigen Anbau übernehmen. Wir stellen drei Projekte in der REGIO vor, die mit viel Engagement regionale Kulturpflanzen erhalten und lebendige Gemeinschaft schaffen.
Solawi: Solidarische Landwirtschaft
Das Prinzip ist einfach: Erzeuger und Verbraucher schließen sich zusammen und wirtschaften dadurch kostengünstig, ökologisch, regional und selbstbestimmt. Sie arbeiten unabhängig von Marktmechanismen und ohne den Druck, sich auf wenige marktfähige Sorten spezialisieren zu müssen.
Die GartenCoop Freiburg ist ein solches Projekt. Mehr als 300 Haushalte gehören zu dieser 2009 gegründeten Genossenschaft, deren Mitarbeitende auf rund zehn Hektar gepachteter Freiland-Ackerfläche in Tunsel etwa 70 verschiedene Gemüsekulturen sowie Kartoffeln und Getreide anbauen. Natürlich nach ökologischen Richtlinien, mit viel Handarbeit und wenig Maschineneinsatz. Und natürlich nur mit samenfesten und oft fast vergessenen Sorten wie Palmkohl, Vulkanspargel oder der Horngurke Kiwano.

Auf Freiland und im unbeheizten Folientunnel: Die GartenCoop erzeugt ihr Gemüse gemeinsam und ökologisch.
Gegen eine einmalige Einlage und einen selbst festgelegten monatlichen Beitrag erhalten die Mitglieder der Kooperative wöchentlich eine Gemüsekiste mit allem, was gerade reif und frisch ist. Und was sie sich teilweise mit erarbeitet haben: An fünf halben Wochentagen und nach verbindlichen Einsatzplänen packen sie mehrmals im Jahr mit an und helfen dem fest angestellten Gärtnerteam beim Jäten, Ernten und Packen der Kisten. Diese werden von der gemieteten Hofstelle mit einem Transporter zum zentralen Umschlagplatz in Freiburg und von dort per Fahrradanhänger zu knapp 20 Verteilpunkten gebracht.
Nun haben die rund 850 Gemüse-Genossen die Gelegenheit, in Schallstadt-Mengen ihren eigenen Hof zu kaufen. Er liegt näher an der Stadt, hat ähnlich große Anbauflächen wie das jetzige Pachtland und verfügt, da er schon seit Jahren nach Demeter-Richtlinien arbeitet, bereits über ökologisch wertvollen, dauerhaft fruchtbaren Boden, den es zu erhalten gilt. Ihre Vision: ein lebendiger Solawi-Hof, der Raum bietet für gemeinsames Lernen sowie solidarische und zukunftsfähige Landwirtschaft. Ein Ort, an dem regionale Ernährungssysteme neu gedacht werden und das Land vor Spekulation geschützt wird.

Die GartenCoop Freiburg
Jeder kann sich beteiligen
www.gartencoop.org
Regionales Saatgut für alle
Kaiserstuhler Garten
Zu Besuch bei den Sortenrettern
Jeden Abend, wenn es das Wetter zulässt, machen zwei Frauen aus Eichstetten einen Spaziergang Richtung Reben. Nicht weit hinter den letzten Häusern erreichen sie einen kleinen Sitzplatz, reden, genießen die Ruhe und schauen fleißigen Gärtnerinnen und Gärtnern bei der Arbeit zu. Der Platz ist Teil des Kaiserstühler Samengartens, der vor 25 Jahren von engagierten Menschen angelegt wurde, um die Kulturpflanzenvielfalt der Region zu erhalten. Auch nach 25 Jahren wird der Samengarten, getragen von der Stiftung Kaiserstühler Garten, fast ausschließlich von Ehrenamtlichen gepflegt. Zur Unterstützung wurde vor 20 Jahren der Förderverein Samengarten gegründet. Mit Führungen und weiteren Veranstaltungen wird dieses Jahr das 25-jährige Bestehen des Samengartens gefeiert. Der Garten am Altweg ist das ganze Jahr für Interessierte zugänglich und ein Ausflugsziel für Menschen aus der Region und ganz Europa.

Etwa 1200 verschiedene Pflanzen werden im Samengarten kultiviert.
Die derzeit etwa 15 Ehrenamtlichen säen, ziehen Setzlinge, pflanzen, gießen und pflegen den Garten unter der Regie von Jinan El-Hakim, angestellte Gärtnerin und Vorständin der Stiftung. Am Montagvormittag sind die Helferinnen und Helfer bei der Arbeit sowie bei Bedarf an anderen Tagen in der Woche. Durch den regelmäßigen Anbau und mehrfache individuelle Selektion entstehen robuste, an regionale Gegebenheiten angepasste Land- und Hofsorten. Die Sorten aus dem Samengarten liefern keine Höchsterträge, sind jedoch ertragssicherer und können nachgebaut werden.
15 Jahre bis zur Anerkennung
Nach monatelanger Arbeit sieht die Ernte im Samengarten ganz anders aus als in einem gewöhnlichen Gemüsegarten. Nicht reife, wohlschmeckende Früchte, sondern das Saatgut von rund 1200 verschiedenen Kulturpflanzen, darunter etwa 40 Tomatensorten, sind für die Helferinnen und Helfer der Lohn ihrer Mühe. Das Saatgut wird gesammelt, sortiert und in Tütchen verpackt, um auf Saatgutmärkten in Freiburg, Emmendingen und March von den Ehrenamtlichen an Gärtnerinnen und Gärtner weitergegeben zu werden. Saatgut aus dem Samengarten kann zudem gegen eine Aufwandsentschädigung direkt bei den Sortenrettern bestellt werden. Neben regionalen Kulturpflanzensorten finden sich auch exotische Pflanzen und fast vergessene Sorten im Samengarten wie Haferwurz, Gemüseklette, Finger-Hirse oder Augen-Bohne.

Die „Eichstetter Gälriebli“: eine Sorte mit Geschichte
Zum 25-jährigen Jubiläum hat das Team des Samengartens sich selbst und den Gärtnern in Eichstetten und in der Region ein besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht: Im vergangenen Jahr wurden drei Eichstetter Karottensorten beim Bundessortenamt angemeldet, die nun offiziell als „Eichstetter Gälriebli“ in einer Mischung aus gelben, orange-roten und violetten Karotten angebaut und vermarktet werden können. Die Anmeldung ist das Ergebnis intensiver und mühsamer Arbeit: Die Züchtung der drei Gälriebli-Sorten hat fast 15 Jahre gedauert.
Info
Führungen im Jubiläumsjahr:
14. Juni, 18 Uhr: Führung im Samengarten, Start in das Jubiläumsjahr
3. Juli, 18–19.30 Uhr: Familien-führung zum Thema Gemüseanbau im Kaiserstuhl
17. Juli, 21 Uhr: Fledermausabend auf der Streuobstwiese
2. August, 11 Uhr & 13 Uhr: Führungen im Samengarten zum Schwerpunkt „Tomaten“
20. September, 14 Uhr: Führung über die Streuobstwiese
4. Oktober, 15 Uhr: Familiennachmittag zum Erntedank
Gemeinsam Gärtnere
Jeder bepflanzt sein eigenes Beet
Manon Bultmann steht im Gemeinschaftsgarten in Gottenheim. Nicht weit entfernt schaut ihr Mann Simon nach den Pflänzchen, die er kürzlich im Familienbeet des Dorfgartens gepflanzt hat. Unter den schattigen Bäumen spielen derweil die dreijährigen Zwillinge. Anfang des Jahres hat sich die Familie den Gemeinschaftsgärtnern angeschlossen. Besonders schätzt die Familie den Kontakt zu den anderen Gärtnern. Die Gruppe ist bunt gemischt. „Das gefällt uns.“
So wie Familie Bultmann geht es den meisten Mitgliedern der Gruppe „Gemeinsam Gärtnere“. Entstanden ist die Gartengruppe aus der Klimaschutzgruppe in Gottenheim. Mit Unterstützung der Gemeinde wurde 2024 ein Grundstück hergerichtet, ein Grillplatz, ein kleiner Spielplatz und eine Kompost-Toilette gebaut sowie Gemüsebeete angelegt. Außerdem wurde ein Pizza-Ofen angeschafft, der bei gemeinsamen Arbeitseinsätzen und Festen in der Gartenanlage zum Einsatz kommt. 2025 konnte zum ersten Mal geerntet werden.
Miteinander arbeiten & feiern
Anfang des Jahres hat sich die Gartengruppe entschlossen, als Untergruppe beim Bürgerverein Gottenheim anzudocken und Oliver Schlese zum Gruppensprecher gewählt, er löst Anton Schlatter ab. Aktuell sind 26 Erwachsene und zehn Kinder dabei. Im April wurden 14 Beete bepflanzt, acht sind noch frei.

Geselligkeit ist nach getaner Arbeit Trumpf.
Und was ist das Besondere am gemeinsamen Gärtnern? „Wir helfen uns gegenseitig, feiern zusammen – aber in seinem Beet kann jeder machen, was er will“, erklärt Anton Schlatter. Für Manon Bultmann bedeutet das: spontan in den Garten fahren, die Kinder an die frische Luft bringen und sich mit Gleichgesinnten austauschen.
Gemeinsam gärtnere
gottenheim.de/Gemeinsam/Gaertnere









