Zum Mitgärtnern: der historische Klostergarten Kartause Haus & Garten | 14.09.2021 | Heide Bergmann

Der Klostergarten der Kartause ist er ein Ort, wo eine üppige Vielfalt an Kulturpflanzen gedeiht und Garten- und Heilkräuterwissen weitergegeben wird. Hier begegnen sich Kräuterfans, Garteninteressierte und Jugendliche aus der ganzen Welt. Und alle gärtnern begeistert mit.

Wer oben bei der Klosterpforte über die Mauer blickt, sieht den historischen Garten in seiner ganzen Ausdehnung: die klassische Aufteilung in vier Bereiche mit Wegekreuz und einem Wasserbecken in der Mitte, die Beeteinfassungen mit Buchs und Lavendel und das Steinpflaster in Rosettenform. Hohe Bruchsteinmauern mit Efeu und Kletterrosen umgeben den Garten. Ein hundert Jahre altes Gewächshaus und Frühbeete schmiegen sich an die Steinmauern.

Ein Kleinod nahe der Dreisam im Stadtteil Freiburg-Waldsee.

Hortus conclusus, verschlossener Garten, nannte man ihn im Mittelalter. Seit der Zeit der Kartäusermönche, die von 1346 bis 1782 den „Kuchelgarten“ (Küchengarten) zur Selbstversorgung nutzten, blieb der Garten weitgehend unverändert. Betritt man ihn durch das Tor und steigt die Steinstufen hinab, kann man die Stille der Klosterzeit noch erahnen. Zwischen Weinreben, Feigenbäumen, Rosenbüschen und Kräuterbeeten verlaufen die Wege. Es duftet nach Wildem Fenchel und Rosmarin. Der Garten liegt in einer geschützten Bucht. Durch die Hanglage und die Ausrichtung nach Süden konzentriert sich hier die Sonnenwärme – und irgendwie sammelt sich hier auch eine Energie, die diesem Ort seine unsichtbare Kraft gibt.

Magischer Ort

„Die Seele dieses Ortes kann man spüren“, erzählt Eva-Maria Schüle, die in dem benachbarten Forsthaus aufgewachsen ist und den Garten leitet. Für die Agraringenieurin ist das ihre Heimat. „Ich spüre, mit diesem Ort ist ein Auftrag verbunden, sich um dieses Fleckchen Erde zu kümmern und das Wissen weiterzugeben.“ Seit 1992 bewirtschaftete Schüle den Garten zunächst mit ihrer Familie, aber bald wurde ihr klar: „So einen Ort kann man nicht für sich allein beanspruchen, den muss man mit anderen Menschen teilen.“ Auf einen Aushang hin meldeten sich mehrere Interessierte. Heute säen, pflanzen und ernten hier jede Woche 15 bis 20 Freiwillige, unterstützt von Jugendlichen des UWC Robert Bosch College, das hier seit 2014 Schüler und Schülerinnen aus aller Welt beherbergt.

Idyllisches Interview: REGIO-Autorin Heide Bergmann (li.) im Gespräch mit der guten Seele des Gartens, Eva-Maria Schüle (re.).

Bei einem Rundgang durch den 2000 Quadratmeter großen Garten lässt sich eine überbordende Pflanzenvielfalt entdecken. Wild- und Kulturpflanzen blühen oder stehen in der Samenreife. Königskerzen, Dahlien, Taglilien, Artischocken, Johanniskraut, Stockrosen, Eselsdisteln, wilde Malven, Karden, Pastinaken, Roggen und natürlich das Markenzeichen des Kartausgartens, die Engelwurz. Sie galt zu Pestzeiten als Heilpflanze und wurde von denKartäusermönchen in großem Stil kultiviert und erfolgreich vermarktet. In den Gemüsebeeten gedeihen Möhren, Brokkoli, Zucchini, Salate und vieles mehr. Leider machte der Regen dieses Jahr der Tomatenernte einen Strich durch die Rechnung. Dafür tragen die Apfelbäume, Birnbäume, die Himbeeren und der Holunder. An einer Pergola ranken Kiwi.

Voneinander lernen

„Mit dem Garten möchte ich eine möglichst große Vielfalt an Pflanzenarten einbringen“, erklärt Schüle, „und zwar Pflanzen, die man nutzen kann und die in der Tradition dieses Selbstversorgergartens stehen.“ Deshalb engagiert sich der Garten als Partner und Schaugarten bei der Stiftung ProSpecieRara, die sich für kulturhistorische und genetische Vielfalt einsetzt. Rund 400 Kulturpflanzen, davon mehr als 20 Tomatensorten und viele robuste alte Salatsorten, werden im Kartausgarten angebaut. Das Saatgut wird weitgehend selber vermehrt.

Lilien

Wild- und Kulturpflanzen wie diese leuchtenden Lilien wachsen auf 2000 Quadratmetern einträchtig nebeneinander.

Klar, so ein Garten macht Arbeit. An Schüles Seite arbeitet die Umwelt- und Agrarwissenschaftlerin Zana Schmid-Mehic als Gartenassistentin. Die Hauptaufgabe der beiden Gartenpädagoginnen besteht darin, die vielen Jugendlichen und Ehrenamtlichen anzuleiten und ökologisches Gartenwissen weiterzugeben. Denn ohne die zahlreichen fleißigen Hände könnte der Garten in dieser Vielfalt nicht betrieben werden. Jeden Freitag stehen rund 15 Personen am Tor und wollen etwas tun. Eine Tafel informiert darüber, welche Arbeiten anstehen und was geerntet werden kann. Jeder hat so seine Vorlieben: Die einen ernten gerne Blüten zum Trocknen, die anderen mähen Rasen, graben gerne in der Erde oder schneiden Rosen.

Wird immer noch genutzt: das 100-jährige Gewächshaus.

Es geht locker und entspannt zu. Man kann sich auspowern oder meditativ etwas tun. Beides ist in Ordnung. „Für mich ist das hier einfach ein Paradies“, sagt Charlotte Weber, die in der Nachbarschaft wohnt und seit einem Jahr dabei ist. Jung und Alt kommen hier zusammen. Jeder bringt etwas ein oder lernt etwas vom anderen. „Einige kennen sich sehr gut mit Heilkräutern aus und wie man sie verwendet. Das würde ich sonst nie erfahren. Auch die lockeren Gespräche oder mal zusammenhocken ist total schön.“
Grün, entspannt und kein WLAN.

Brunnen

Für Kira und Max vom UWC ist der Garten Teil des Unterrichts. Sie gärtnern einmal die Woche, drei Stunden. Für Max, der aus Köln kommt, war ein Gemüsegarten bisher fremd. In seiner Wohngruppe kocht er gern, am liebsten Ratatouille. Alle Zutaten, die er dafür braucht, kann er direkt vom Beet ernten. Frischer geht’s nicht. Auch wenn die Gartenarbeit manchmal anstrengt, sind beide begeistert. „Ich finde den Garten großartig“, schwärmt Kira, „es ist cool zu sehen: Ich habe etwas gepflanzt und jetzt wächst da etwas.“ Im nächsten Schuljahr plant sie eine Info-Tafel für Mitschüler und Mitschülerinnen, auf der sie sehen, was sie gerade ernten können. Für Max ist der Garten manchmal eine Zuflucht vom Campus. „Es ist hier grün, schön und entspannt, und es gibt kein WLAN. Man kommt zur Ruhe.“ Wenn das die Kartäusermönche sehen könnten.

Engelwurzbalsam

Engelwurz

Die Echte Engelwurz (Angelica archangelica) ist reich an ätherischen Ölen (mehr dazu in der Kolumne auf Seite 27). Aus ihr lässt sich ein prima Erkältungsbalsam zum Einreiben herstellen:
• 250 g frische Engelwurz-Wurzeln (oder 25 g getrocknete aus der Apotheke) in 0,5 Liter kaltgepresstes Bio-Olivenöl geben
• Unter Rühren auf ca. 70 Grad erhitzen, 1 Stunde oder besser über Nacht ziehen lassen
• Absieben. 40 g Bienenwachs in 400 ml Ölauszug schmelzen, rühren
• In mit Alkohol gereinigte Döschen füllen. Deckel erst nach Abkühlen der Salbe aufsetzen

Fotos: ©  Ursel Bühring, Sebastian Schröder-Esch, Heide Bergmann