Auf Empfehlung von Experten: Freiburger Übersetzer über ihre jüngsten Lieblingswerke STADTGEPLAUDER | 16.12.2016
Wer seinen Lieben Bücher unter den Weihnachtsbaum legen will, sollte sich von einem Experten beraten lassen. Und bei fremdsprachigen Werken gibt es da niemanden der eine Buch-Empfehlung besser geeignet wäre als die Übersetzer. Wohl niemand – außer den Autoren selbst – kennt die literarischen Texte besser als sie, setzt sich so intensiv mit ihnen und ihren Besonderheiten auseinander. Schließlich sind sie es, die uns die in fremden Sprachen verfassten Bücher überhaupt erst verständlich machen. In Freiburg leben viele Übersetzerinnen und Übersetzer; acht von ihnen stellen hier selbst die Bücher vor, die sie in letzter Zeit ins Deutsche übertragen haben. Die Auswahl ist sehr vielfältig; sie reicht von der Weihnachts-Kurzgeschichte über historische, futuristische oder Jetztzeit-Romane, Autobiografisches, Sachbuch oder Comic bis zum Kinderbuch.

Maja Ueberle-Pfaff:
Puzzleteile der Vergangenheit
Am Anfang des Romans steht eine Katastrophe: „Im Sommer 1948 starb mein Bruder Davy bei einem Unfall…“. Danach zerfällt das Leben der jüdischen Großfamilie Leibritsky, die wie jedes Jahr den Sommer in ihrem Ferienhaus an der amerikanischen Ostküste verbringt, in ein Vorher und ein Nachher. Alle sind davon betroffen und fühlen sich schuldig – die talentierte Modistin Bec mit ihrer heimlichen Beziehung ebenso wie der tief religiöse Mort, der nicht fassen kann, dass sich sein Sohn in eine katholische Irin verliebt, die impulsive Vivie, die ihrer Schwester den Verlobten klaut oder der dicke, gütige Nelson, der im Keller von Leibritskys Department Store mit Jazzplatten gegen seine Depressionen ankämpft. Fünfzig Jahre später macht sich Davys ältere Schwester Molly auf die Suche nach den „Puzzleteilen der Vergangenheit“. Wie sie das tut, ist spannend, tiefgründig und geht unter die Haut.

„Wie der Atem in uns“
von Elizabeth Poliner
aus dem Amerikanischen von Maja Überle-Pfaff
Dumont 2016
428 Seiten, gebunden
Preis: 23 Euro
Klaus Peter Arnold:
Suche nach der Identität
Der Roman Altai (Altai ist der Name einer hybriden Jagdfalkenart) des italienischen Autorenkollektivs Wu Ming erschien in Italien im Anschluss an den in Deutschland weitaus bekannteren Roman „Q“, der als historischer Roman von der Zeit zwischen Reformation und Gegenreformation in Deutschland, den Niederlanden und Italien von den Bauernkriegen, Thomas Münzer, Luther, den Fuggern, den Wiedertäufern in Münster und der päpstlichen Inquisition aus der Sicht der Besiegten bzw. Vernichteten erzählt. Altai schließt zeitlich an Q an und spielt vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer zwischen dem Osmanischen Reich und der Republik Venedig bis zur Schlacht von Lepanto. Emanuele De Zante/Manuel Cardoso (seine Mutter ist Jüdin, sein Vater Venezianer) erzählt sein eigenes Leben, das Leben eines ehemaligen Agenten der Republik Venedig, eines Juden, der des Verrats angeklagt, ins Osmanische Reich nach Konstantinopel flieht und sich dort in den Dienst seines ehemaligen Hauptgegenspielers Joseph Nasis, des größten Feindes Venedigs, stellt und der bis ans Ende seines Lebens auf der Suche nach der eigenen Identität ist.
Nasi ist der Sprössling einer der einflussreichsten jüdischen Familien der Renaissance, die aus Portugal und Spanien vertrieben über die Niederlande und Venedig nach Konstantinopel kommen und dort die Unternehmungen des Sultans finanzieren. Er verfolgt den verrückten Traum, seinem über ganz Europa verstreuten Volk eine neue Heimat zu verschaffen, das Neue Zion, das die Insel Zypern sein soll, deren Eroberung durch die Türken er mit allen Mittel unterstützt. Ein äußerst aktuelles Buch über Identität, die Segnungen des technischen Fortschritts in der Geschichte und Toleranz.

„Altai“
von Wu Ming
aus dem Italienischen von Klaus Peter Arnold
Assoziation 2016
352 Seiten, Hardcover
Preis: 24 Euro
Beate Thill:
Ein Bad in der Literatur
Dany Laferrière ist Haitianer, er musste 1976 vor der Duvalier-Diktatur aus seiner Heimat fliehen und lebt seither im Exil in Montréal. Der Autor ist für seine lockeren, humorigen und dabei gehaltvollen Bücher in Frankreich bekannt und die Besucher strömen in seine Lesungen. Mit seinen Auftritten wie auch mit seinem Schreiben möchte er zeigen: Hier kommt einer aus Haiti, aus einem der ärmsten Länder, aber er hat sich mit dem Lesen einen Zugang zur Welt verschafft, der jedem, auch dem Ärmsten, offen steht. „Ein Schwarzer, der in einem Café Montaigne liest, das ist wirklich subversiv“, bemerkt er dazu.
Der Erzähler erkennt schon als Kind, dass die Welt ebenso wie allen anderen auch ihm gehört. Denn das Lesen öffnet einen sehr persönlichen Raum, in den keine Macht, auch nicht der Diktator auf Haiti, eindringen kann.
Nach Dany Laferrière ist die Büchersammlung des Schriftstellers seine wahre Heimat – nicht das Land, in dem er zufällig geboren wurde. Er gibt auch Auskunft über die Einflüsse anderer Autoren, über seine Tricks beim Schreiben, seine Geheimnisse. Er stellt sich uns „im Pyjama“ vor, denn es geht ihm darum, den Moment zu genießen, die Sonntage des Lebens, die er mit Lesen verbringt. Der Roman ist ein Bad in der Literatur und eine Reise um die Welt, dabei ist es zugänglich und witzig geschrieben, es holt die Sonne, die Farben und das Meer von Haiti und dazu viele Geschichten herein, es ist ein echter Lesegenuss und genau das richtige, damit die Tage zwischen den Jahren nicht zu ruhig werden.

„Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama“
von Dany Laferrière
aus dem Französischen von Beate Thill
Wunderhorn 2015
328 Seiten, gebunden
Preis: 24,80 Euro
Cornelia Holfelder-von der Tann:
Vor und nach der ökologischen Apokalypse
Wer sich die Zeit zwischen den Jahren mit der einen oder anderen Zeitreise zwischen verschiedenen Zukünften vertreiben möchte, dem empfehle ich das von mir übersetzte Buch „Peripherie“ von William Gibson. Zum Inhalt: Flynne lebt vor der ökologischen Apokalypse, genannt der „Jackpot“, Wilf danach. Als vor Flynnes Augen ein Mord geschieht, kommen beide mittels origineller Peripheriegeräte miteinander in Kontakt. Das Buch ist ungewöhnlich, schräg (man muss ein bisschen Geduld mitbringen, um das Setting zu kapieren), klug, unkitschig, und obwohl es eine Gesellschaftsdystopie ist, geht es noch nicht mal schlecht aus, soviel sei verraten. William Gibson ist übrigens der Vater des „Cyberpunk“ und Autor der Neuromancer-Trilogie. Und der Schöpfer des Begriffs „Cyberspace“.

„Peripherie“
von William Gibson
aus dem amerik. Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann
Klett-Cotta 2016
616 Seiten, gebunden
Preis: 24,95 Euro
Michael Mundhenk:
Völlig aus den Fugen
Als Dave seiner Frau Morley, die schon Mitte Oktober hochgradig nervös ist, weil ihnen nur noch 67 Einkaufstage bis Weihnachten bleiben, bereits im Herbst verspricht, sich zum Fest um den Truthahn zu kümmern, begeht er einen folgenschweren Fehler. Dass das nicht nur heißt, den Vogel in den Ofen zu schieben, sondern auch, ihn zu kaufen, wird ihm nämlich erst spät am Heiligabend klar – und so gerät Daves Welt für die nächsten 24 Stunden völlig aus den Fugen. In der Story „Dave Cooks the Turkey“, mittlerweile die kanadische Weihnachtsgeschichte überhaupt – alljährlich wird sie auf der Bühne vorgetragen, im Radio gelesen und als Buch verkauft –, zieht der Erzähler Stuart McLean alle Register. Es hat einen Riesenspaß gemacht, diesen Klassiker der Truthahnliteratur ins Deutsche zu übertragen. Wer sich auf ihn einlässt, wird den Weihnachtsbraten im Kreise der Familie nie mehr mit den gleichen Augen sehen. Der Untertitel der Anthologie, in der die Übersetzung enthalten ist, bringt das Ganze auf den Punkt: „Weihnachten – und die Familie dreht durch“.

„Dave cooks the Turkey“
von Stuart McLean
aus dem amerik. Englisch von Michael Mundhenk
in: Dieses Jahr schenken wir uns nichts. Weihnachten – und die Familie dreht durch; Hg.:Daniel Kampa
Atlantik 2015
272 Seiten
Preis: 10 Euro
Judith Elze:
Mitmachen erwünscht
Das perfekte Geschenkbuch für Gestresste, schön und phantasievoll gestaltet! „Calm“ ist ein wunderbares Anti-Stressbuch für den modernden Menschen, es entfacht die Kreativität und sorgt für kleine Lacher und Aha-Effekte. Michael Acton Smith zeigt, wie man sich im Hamsterrad des Alltags Ruheinseln schaffen kann. Lesend, schreibend und malend lernen die Leserinnen und Leser, wie sie Beziehungen bewusst genießen, mit Meditation zu sich finden, Essen und Trinken als Genuss begreifen und mit Musik, Kunst, Literatur und Naturbetrachtung zur Ruhe kommen können. Mitmachen ist ausdrücklich erwünscht!

„Calm: Gelassen werden und die Welt verändern“
von Michael Acton Smith
aus dem Englischen von Judith Elze und Anne Emmert
Knaur Balance 2016
224 Seiten, Hardcover
Preis: 18 Euro
Anne Braun:
Magie, Freundschaft, Poesie
Die kleine Scarlet hat eine ungewöhnliche musikalische Begabung und kann fast alle Instrumente spielen. Sie lebt mit ihrer Großtante und ihrem geliebten Kater in einem Wolkenkratzer mit multikulturellen Bewohnern in der magischen Wolkenstadt. Als ihr Kater plötzlich verschwunden ist und Scarlet ihn im ganzen Haus sucht, stellt sie fest, dass auch alle anderen Katzen im Haus verschwunden sind. Alle sind sehr besorgt. Die anderen Kinder des Wolkenkratzers schließen sich ihr an, um ihr bei der Suche zu helfen, darunter auch der halbblinde Nat, der statt eines Blindenhundes einen gezähmten Wolf hat. Auch die wilde kleine Lisa, die so gern eine Maus wäre, und ihr dichtender Bruder Freddy. Sie alle sind sehr musikalisch und jeder von ihnen spielt mindestens ein Instrument.
Die abenteuerlustigen Kinder merken bald, dass ein geheimnisvoller Dirigent die Katzen entführt hat. Was hat er mit ihnen vor? Sie können ihn unten im Unvergessenen Konzertsaal aufspüren. Er will ein Katzenorchester gründen, um dadurch wieder in den Zirkus der Träume aufgenommen zu werden. Und leider kann er ihnen mit den vielen Katzen entkommen. Scarlet verfolgt den Dirigenten mit der gestohlenen Katzenschar durch die halbe Stadt. Zum Glück hat sie ihren roten Zauberschirm, der fliegen kann … Diese phantasievolle Geschichte lebt von Magie, Freundschaft und Poesie und ihrem musikalischen Hintergrund.

„Scarlet und der Zauberschirm“
von Cerrie Burnell
aus dem Englischen von Anne Braun
Fischer KJB 2016
128 Seiten, gebunden
Preis: 9,99 Euro
Ulrich Pröfrock:
Monsieur Hulot lässt grüßen
Auch weil’s zur Jahreszeit nicht eben passt – oder vielleicht ja umso mehr : wer Rabatés ‚Bäche und Flüsse‘ und Prudhommes ‚Plastikmadonna‘ kennt, der weiß um die Qualitäten dieser Herren, wenn es um die liebevolle Beschreibung des ländlichen Frankreich und seiner Menschen geht. Gemeinsam betrachten sie hier das Treiben der menschlichen Fauna an einem beliebigen Sommertag an einem beliebigen Badeort am Meer. Ihr Blick auf all die Absonderlichkeiten zwischen Campingplatz und Strand ist präzise, allumfassend, ironisch, böse – aber nie bösartig. Tatis Monsieur Hulot lässt grüßen, anders als der Meister treten die Autoren hier nicht als handelnde Personen auf, begleiten das Ganze aber als allgegenwärtiges Paar von Zaunanstreichern. Formal bemerkenswert, dass das Geschehen des Tages in quasi einer einzigen durchgehenden Kamerafahrt eingefangen wird. Ein kleines Meisterwerk!

„Rein in die Fluten“
von Prudhomme und Rabaté
aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Reprodukt 2016
120 Seiten, gebunden
Preis: 24 Euro
Text: Erika Weisser










