»Großer Freund von Rollenklarheit« – chilli-Interview mit Freiburgs neuer Finanzbürgermeisterin Carolin Jenkner Politik & Wirtschaft | 27.05.2026 | Lars Bargmann

Carolin  Jenkner

Carolin Jenkner ist eine der jüngsten Finanzbürgermeisterinnen in Deutschland. Seit dem 1. April führt die 39-jährige promovierte Mathematikerin in Freiburg das Finanzdezernat. Die langjährige Fraktionsvorsitzende der CDU-­Fraktion spricht im Interview mit Chefredakteur Lars Bargmann über ihren Start, ihre neue Rolle und die steigenden Schulden im Rathaus.

chilli: Frau Jenkner, wie waren die ersten sechs Wochen quasi auf der anderen Seite der Politik? Am 28. April saßen Sie erstmals im Gemeinderat auf der Bürgermeisterbank, vom Sitzplatz her eine 180-Grad-Wende.
Jenkner: Ich sitze jetzt zwar woanders, aber meine Rolle ist keine ganz andere, es ist eine Rolle an der Schnittstelle zwischen Politik und Verwaltung. Ich fand in den ersten sechs Wochen total spannend, in die Ämter einzutauchen. Ich habe ja jetzt ein sehr breites Dezernat mit Finanzen, Feuerwehr, öffentliche Ordnung, Bürgerservice, Sport, Standesamt und Friedhöfen. Eine große Themenvielfalt. Und ich habe schon gesehen, dass da eine hoch engagierte Mannschaft mit am Start ist, die weiß, was sie tut.

chilli: Mit Martin Horn und Ihrem Vorgänger Stefan Breiter kamen 2018 zwei Bürgermeister von außen auf die Regierungsbank. Mit Ihnen und dem neuen Kultur- und Sozialbürgermeister Roland Meder nun zwei von innen. Ein gewichtiger Vorteil?
Jenkner: Auf jeden Fall. Ich kenne in Freiburg die meisten Akteurinnen und Akteure, die Mitglieder des Gemeinderats und bin natürlich in die politischen Themen eingearbeitet. Das ist ein Wissensvorsprung. Nun muss ich mich aber auch in die Verwaltungsseite noch tiefer einarbeiten.

chilli: Sie haben, kaum im Amt, für die Landes-CDU schon direkt an den Sondierungsgesprächen mit den Grünen teilgenommen. Die Basis für den Anfang Mai geschlossenen Koalitionsvertrag. Wie bewerten Sie die Gespräche?
Jenkner: Ich kann inhaltlich natürlich nicht viel dazu sagen. Ich bin ein großer Freund von Rollenklarheit. Die öffentliche Kommunikation obliegt dem Verhandlungsführer Manuel Hagel.

chilli: Aber sie können über die Stimmung bei den Verhandlungen sprechen …
Jenkner: Das sind für beide Seiten vertrauliche Gespräche und auch die Stimmung gehört zur Vertraulichkeit. Und die ist jetzt in der Vertrauensbildung zwischen den beiden Parteien für die weitere Zusammenarbeit sehr wichtig. Deswegen plaudere ich da nicht aus dem Nähkästchen.

chilli: War es für Sie persönlich eine wertvolle Erfahrung?
Jenkner: Das kann ich gerne beantworten. Es war eine tolle Erfahrung, weil das natürlich noch mal eine ganz andere Themenvielfalt ist und auch eine andere Situation. Ich habe da viel gelernt, viel mitgenommen und freue mich, auch mit so einer Erfahrung jetzt hier in die Aufgabe starten zu können.

chilli: Zurück nach Freiburg. Der Kernhaushalt war Mitte 2018, als Martin Horn die OB-Wahl gegen Dieter Salomon gewonnen hatte, mit 188 Millionen Euro verschuldet. Ende 2022 waren es knapp 350 Millionen, Ende 2026 werden es, sofern die beschlossenen 80 Millionen Euro an neuen Schulden ausgeschöpft werden, schon knapp 440 Millionen sein. Wohin geht die Reise?
Jenkner: Die absolute Schuldenhöhe an sich ist nicht ausreichend aussagekräftig für die Gesamtbewertung unseres Haushalts. Man muss mitberücksichtigen, dass wir 2021 ungefähr ein jährliches Volumen von einer Milliarde hatten. Wir sind in 2024, 2025 nun bei 1,5 Milliarden, man muss sich das also relativ anschauen. Den Haushalt, den die CDU-Fraktion und ich damals in der Rolle als Vorsitzende abgelehnt hatten, hatte allein 2021 ein geplantes Ergebnis von minus 12 Millionen Euro. Und dann kamen noch sehr viele zusätzliche Anträge von den Fraktionen …

chilli: … rund 40 Millionen Euro schwere, und das Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde hat dem Rathaus eine lange Liste mit disziplinarischen Vorgaben geschickt, bevor es den Haushalt genehmigt hatte …
Jenkner: Richtig. Ende 2021 waren es aber plus 68 Millionen. Und auch in den Folgejahren waren die Ergebnisse zwischen knapp 40 und mehr als 70 Millionen besser als die Planung. Eine wichtige Botschaft: Wir brauchen keine Kredite für laufende Ausgaben, sondern nur für Investitionen.

chilli: Maßgeblichen Anteil an den besseren Ergebnissen hatte die unerwartet stark steigende Gewerbesteuer.
Jenkner: Das war bis hierhin eine extrem gute Entwicklung. Deswegen konnten wir in den vergangenen Jahren  die Abschreibungen erwirtschaften. Es reicht also nicht, sich nur den absoluten Schuldenstand anzugucken. Man muss es in den Gesamtkontext setzen.

chilli: Freiburg steht zwar im Kontext Baden-Württemberg bei den Großstädten vergleichsweise gut da, dennoch binden steigende Schulden durch steigende Zinsen Gelder, die woanders eingesetzt werden könnten. Sie sind Seglerin, mit welcher Segelstellung gehen Sie in den nächsten Doppelhaushalt?
Jenkner: Zunächst einmal: Wir haben im aktuellen Haushalt rund 1,2 Milliarden Euro an Aufwendungen. Und wir haben 3,4 Millionen an Zinsaufwendungen, mit denen wir Investitionen finanziert haben. Das sind also nur 0,28 Prozent. Das ist im Verhältnis zum Gesamtvolumen überschaubar. Wir bekommen als Kommune immer noch relativ gute Konditionen und haben einfach einen Investitionsstau, da wir nicht alles auf einmal umsetzen können. Wir können also nicht sagen, wir investieren nicht mehr, weil sich die Zinslage verschlechtert hat.

chilli: Die Steuerschätzung im Mai hat ergeben, dass der Bund in diesem Jahr wohl 9,9, die Länder 2, die Kommunen 4,3 Milliarden Mindereinnahmen erwarten.
Jenkner: Wir müssen also unsere Ausgaben noch stärker priorisieren.

chilli: Was bedeutet das?
Jenkner: Priorität haben erst einmal Pflichtaufgaben, Aufgaben, die über Gesetze vorgegeben sind … 

chilli: … Sie weichen der Frage aus …
Jenkner: … und in den verbleibenden Spielräumen gibt es prioritäre Themen, zu denen gehören etwa das Wohnen, gut ausgestattete Schulen und eine gute Kitaversorgung. Und bei manchen Themen müssen wir uns mit dem Gemeinderat über Größe und Volumen der Projekte und über die Zeitlinien unterhalten. Meine Rolle besteht darin, zusammen mit den anderen Dezernaten realistische Priorisierungen vorzuschlagen und diese dann mit dem Gemeinderat zu besprechen. Wir können nicht Investitionen etwa in ein neues Eisstadion und in die Gewerbeschulen gegeneinander ausspielen. Es gibt da keine binären Antworten.

chilli: Trotzdem kann man jeden Euro nur einmal ausgeben.
Jenkner: Man kann ihn klug oder weniger klug ausgeben. Man kann versuchen, das Meiste aus dem Euro rauszuholen. Das ist die Aufgabe und das heißt für mich priorisieren.

chilli: Sind Sie glücklich, dass Sie in diesen Zeiten nicht in Stuttgart im Amt sind, wo plötzlich eine Milliarde Gewerbesteuer weniger in die Kasse kommt?
Jenkner: Freiburg profitiert bei Aufschwüngen nicht so stark und verliert bei Abschwüngen nicht so stark. Im Moment ist das ein sehr positiver Aspekt für uns.

chilli: Wenn ein priorisiertes Thema bezahlbares Wohnen ist, dann landen wir bei der Freiburger Stadtbau (FSB). Wenn sie mehr Wohnungen verkaufen dürfte, würde sie Millionen in die Rathauskasse bringen, statt aus der jedes Jahr mit Millionen unterstützt werden zu müssen. Auch Sie haben bei den Haushaltsdebatten 2021 den von Horn und einer Mehrheit im Gemeinderat gefassten Beschluss kritisiert, wonach die FSB nur 25 Prozent Eigentumswohnungen bauen darf, was die Tochter, ich zitiere Sie, „an den städtischen Tropf hängt“. Stehen Sie heute noch zu der Aussage?
Jenkner: Was Sie kaufmännisch sagen, ist sicher korrekt. Aber wir haben im Moment immerhin die 25 Prozent. Und meine Rolle ist jetzt eine andere. Innerhalb des Gemeinderats ist das, was die Stadtbau aktuell macht, in der Zielrichtung, die wir uns politisch gesetzt haben, nämlich sozial geförderte Mietwohnungen zu bauen, erfolgreich. Und durch die Förderlandschaft in Baden-Württemberg ist der soziale Wohnungsbau derzeit auch nicht ganz unrentabel. Wenn die Spielräume in der Zukunft noch enger werden, können wir bei der Quote 75/25 noch mal in die Debatte gehen.

chilli: Was bereitet Ihnen Kopfschmerzen, wenn Sie an Freiburg denken?
Jenkner: Ich habe ganz selten Kopfschmerzen (lacht). Wir haben schon anstrengende Themen. Was können wir in Sachen bezahlbares Wohnen tun, wie gehen wir den Sanierungsstau in den Schulen und Sportstätten an? Wie sehen unsere künftigen Finanzen aus? Die wirtschaftliche Lage wird sich auch bei uns durchschlagen und auch im Koalitionsvertrag werden Dinge stehen, die wir umsetzen müssen. Die steigenden Aufgaben zwingen uns, an vielen Stellen noch genauer hinzuschauen. Das wird eine der großen Herausforderungen für die nächsten Jahre sein.

chilli: Und was stimmt Sie positiv, wenn Sie an Freiburg denken?
Jenkner: Noch sind wir eine der wenigen Städte, die im Haushalt ein positives, ordentliches Ergebnis haben. Andere stehen vor Haushaltssperren. Wir sind hier an vielen Stellen sehr gut aufgestellt, haben sowohl im Rathaus als auch im Gemeinderat eine gute, verantwortungsvolle Truppe.

chilli: Ihr Vorgänger Stefan Breiter war in der finanzpolitischen Linie nicht immer einig mit dem OB. Auch Sie haben als Fraktionschefin nicht nur eine Entscheidung deutlich kritisiert …
Jenkner: … Demokratie besteht daraus, dass man nach innen an vielen Stellen politisch streitet, dann Kompromisse findet und gemeinsame Haltungen entwickelt und die dann auch gemeinsam nach außen vertritt. Auch wenn man anderer Meinung ist. Das habe ich in meiner bisherigen Rolle immer so gelebt und werde das in der jetzigen Rolle auch so leben. Das ist absolut entscheidend für die Demokratie. Allerdings zunehmend keine leichte Aufgabe.

chilli: Frau Jenkner, vielen Dank für dieses Gespräch.