»Politischer Brandbeschleuniger« – OB Martin Horn über Steuern, Stadthalle und bezahlbares Wohnen Gesellschaft | 22.05.2026 | Lars Bargmann
Strahlender Sieger: Dass Martin Horn gleich im ersten Wahlgang seine Wiederwahl feiern kann, damit hatte kaum jemand gerechnet.
Martin Horn, vor acht Jahren quasi aus dem Nichts gekommen und Oberbürgermeister von Freiburg geworden, hat den erneuten Wahlkampf um den Chefsessel im Rathaus am 26. April fulminant gewonnen. Im ersten Wahlgang. Mit fast 53 Prozent der Bürgerstimmen. Der alte und neue Oberbürgermeister im Gespräch mit chilli-Chefredakteur Lars Bargmann.
chilli: Herr Horn, vor der Wahl hat sich ein breites grün-linkes Bündnis gegen Sie positioniert. Wie geht es jetzt im Verhältnis OB und mit Abstand stärkste Fraktion im Gemeinderat weiter?
Horn: Ich habe über sechs Jahre eine sehr vertrauensvolle, sehr konstruktive Zusammenarbeit mit den Grünen gepflegt und wir haben sehr viel gemeinsam auf den Weg gebracht. Daran gilt es anzuknüpfen. Dass im Wahlkampf jeder seine Positionen klarmacht, ist selbstverständlich. Unsere Demokratie lebt davon, dass man verschiedene Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen und unterstützen kann. Ich habe mich über die Glückwünsche der grünen Parteispitze noch am Wahltag gefreut und wir werden in den kommenden Monaten sicherlich wieder einen Weg der konstruktiven Zusammenarbeit finden.
chilli: Eine Klippe des Auseinanderdriftens war die Verpackungssteuer. Ist die tragbar oder muss sie weg?
Horn: Für eine Verpackungssteuer gibt es ökologisch total nachvollziehbare Gründe. Ich glaube aber, dass wir in der Gesamtbewertung deutlich mehr verlieren als gewinnen. Wir verlieren im Bereich Gastronomie. Zudem haben wir einen großen Unmut in der Bevölkerung, weil die Nahrungsmittelpreise ohnehin schon viel teurer geworden sind. Und dann kommt noch die Bürokratie dazu. Allein für die Abrechnung der prognostizierten 4,4 Millionen 50-Cent-Vorgänge benötigen wir drei Personalstellen.
chilli: Und die Menschen, ob nun Verbraucher oder Unternehmer, suchen sich kreative Wege, um die Steuer zu umgehen. Bestellen eine Pizza, setzen sich an den Tisch, essen ein Stück, lassen sich den Rest im Karton steuerfrei mitgeben oder kürzen Bestecke und Strohhalme.
Horn: Die Steuer sorgt für Politikverdruss. Das habe ich mehrfach gesagt und bin dafür hart kritisiert worden. Vielen geht es vielleicht gar nicht um die 50 Cent, aber es geht um dieses Gefühl, nach den Energie- und Tankpreisen schon wieder für etwas mehr bezahlen zu müssen. Wir hatten gerade im Haus der Jugend eine Veranstaltung mit den OB-Kandidierenden. Da waren 71 Zehntklässler im Raum. Wie viele haben für die Verpackungsteuer gestimmt?
chilli: Keiner?
Horn: Einer. So wie die Steuer jetzt ist, ist sie ein politischer Brandbeschleuniger für Kräfte, die wir uns überwiegend nicht wünschen. Deswegen freue ich mich, dass im Oktober im Gemeinderat erneut darüber debattiert wird und es eine Chance gibt, nachzujustieren. Ich bin davon überzeugt, dass diese Form der Verpackungssteuer so nicht zukunftsfähig ist.
chilli: Um die Zukunft geht es in der Stadthalle. Im Dezember 2024 hatten Sie und Baubürgermeister Martin Haag gemeinsam mit dem damaligen Stiftungsdirektor Michael Fromm freudig den Plan bekannt gegeben, in der Stadthalle das Johannisheim 2.0 neu zu bauen. Wieso ist das gescheitert?
Horn: Ich würde es nicht als Scheitern bezeichnen. Wir haben jetzt eine statisch belastbare, mit den Denkmalbehörden abgestimmte Lösung für ein Haus-im-Haus-Konzept. Und die Stiftung wollte aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus lieber Eigentümer eines Grundstücks werden. Das gelingt im Neubaugebiet Zinklern und wäre in der Stadthalle nicht so einfach gegangen.
chilli: Nun soll noch in diesem Jahr ein Ideenwettbewerb gestartet werden. Sie selbst haben – als OB-Kandidat – schon eine Idee ins Spiel gebracht: ein Sport- und Begegnungszentrum. Bewirbt sich damit die Stadt selber um einen von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb?
Horn: Das ist eine spannende Idee, die von einem breiten Bündnis mit Freiburger Sportvereinen, dem sehr erfolgreichen Olympiastützpunkt und der Sternwaldschule, die eine neue Turnhalle braucht, die auch zehn Millionen Euro kosten würde, getragen wird. Und die Hallenflächen könnten auch mal kulturell genutzt werden. Das ist aber alles nicht gesetzt, nicht beschlossen, aber es gilt, das weiter zu prüfen.
chilli: Wer würde da als Bauherr auftreten?
Horn: Auch das gilt es zu klären, ob wir es als Stadt bauen oder vielleicht ein Freiburger Verein die Federführung übernimmt.
chilli: Vom Osten in den Westen. Stadt und der EHC Freiburg haben gehofft, dass es für die beschlossene, mutmaßlich 39 Millionen Euro netto teure Generalsanierung des Eisstadions acht Millionen Euro Bundeszuschüsse geben wird. Aktueller Stand sind null Euro. Wo soll nun das Geld herkommen?
Horn: Die sogenannte Sportmilliarde war in der ersten Tranche 22-fach überzeichnet. Wir sind da leider leer ausgegangen …
chilli: … wie auch bei den millionenschweren Anträgen für die Steinriedhalle in Waltershofen und das Haslacher Hallenbad …
Horn: … ja, aber das bedeutet nicht, dass wir diese Aufgaben nicht angehen. Hoffentlich sind wir im nächsten Anlauf erfolgreicher. Wir werden uns auch beim Land, wo es einen neuen Sportfördertopf gibt, bemühen. Wir brauchen jeden Euro.
chilli: Die Sanierung wird kommen?
Horn: Ja, wenn auch der EHC seine Pflichten, neun Millionen beizusteuern, erfüllt. Wir haben als Stadt da schon jahrelang eine Million Euro pro Haushalt zurückgelegt.
chilli: Sind die Planungskosten auch mitfinanziert?
Horn: Ja.
chilli: Noch mal zurück in den Osten. Sie haben im Wahlkampf gesagt, Sie wollen einen „Underground-Schatz“ für kulturelle Nutzungen heben, den 2500 Quadratmeter großen Keller unter dem Ballhaus auf dem Ganter-Areal. Nennen Sie eine Prozentzahl, die die Realisierungschancen beziffert.
Horn: Heute sage ich maximal 30 bis 40 Prozent. Es ist unglaublich, was da leer steht.
chilli: Die Fläche gehört der Ganter Grundstücksgesellschaft, die nach unseren Informationen da nicht investieren wird …
Horn: Das ist ein riesiger Potentialschatz, mitten in der Stadt, mit Straßenbahnanschluss vor der Tür, vielen Fluchtwegen, unterschiedlichen Raumgrößen. Das wäre eine tolle Bereicherung für unsere Stadt. Allerdings braucht es dafür privates Kapital und Mut, dieses Projekt anzugehen.

Umringt von Wählern: Horn und seine Frau Irina beim Danke-Spaziergang durch Freiburgs Gassen.
chilli: Direkt nebenan soll es irgendwann Wohnbebauung geben. Ich sehe da einen Nutzungskonflikt …
Horn: Welche Entwicklung ist nicht konfliktfrei? Wir müssen uns da mit allen Beteiligten auf einen konstruktiven Pfad begeben. Es gibt da bereits gute Ansätze und eine Projektskizze.
chilli: Bezahlbares Wohnen war schon 2018 ihr dominantes Wahlkampfthema. Jetzt wieder. Nun haben Sie acht Jahre lang regiert und es hat sich wenig geändert …
Horn: Auch nach acht Jahren Martin Horn ist diese Stadt nicht bezahlbar geworden. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass es kaum eine andere Stadt in ganz Deutschland gibt, die mehr für bezahlbares Wohnen tut als Freiburg.
chilli: … wenn man die Größe der Stadt in Relation zur Anstrengung setzt …
Horn: D’accord. Gibt es eine vergleichbar große Stadt, die aus eigenen Mitteln 750 Millionen Euro in das eigene Wohnbauunternehmen investiert? Eine Stadt, die in acht Jahren 1,8 Millionen Quadratmeter Land gekauft hat?
chilli: Vermutlich nicht, aber wir sprechen vom Erfolg all dieser Aktivitäten für mehr bezahlbaren Wohnraum. Beim Neubauviertel Kleineschholz hat die Stadt fast 1000 Euro für den Quadratmeter Bauland bezahlt, dass da schwerlich bezahlbares Wohnen herauskommt …
Horn: Nach wie vor unverständlich, dass der Bund, also die öffentliche Hand, der Kommune, also der öffentlichen Hand, solche Preise vorgibt. Wir haben das mehrfach angesprochen. Aber wir bekommen von der BIMA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, d. Red.) auch für jede Sozialwohnung 25.000 Euro Zuschuss …
chilli: Wenn die Wohnungen bis Ende 2028 bezogen sind. Die Uhr tickt …
Horn: … wir geben alles und man sieht vor Ort, es wird bereits gebaut.
chilli: In acht Jahren Martin Horn …
Horn: … haben wir den Bürgerentscheid für Dietenbach gewonnen, mit Kleineschholz zum ersten Mal ein hundertprozentig gemeinwohlorientiertes Quartier auf den Weg gebracht, das Baugebiet Zinklern nach jahrzehntelangem Stillstand auf den Weg gebracht. Viel Quantität also, jetzt muss es um Qualität gehen. Damit meine ich soziale Infrastruktur, öffentliche Grünflächen, ausreichend Erholungsflächen in den neuen Gebieten.
chilli: Ob Dietenbach was wird, entscheidet sich nicht nur in Freiburg, sondern auch in Stuttgart. Das Land muss die Förderkulisse bereitstellen, sonst wird es nichts mit 3500 öffentlich geförderten Wohnungen.
Horn: Das ist so. Wir wollen allein für Dietenbach rund 400 Millionen Euro Fördergeld in 20 Jahren nach Freiburg holen. Wir haben nur zwei Prozent der Wohnbevölkerung Baden-Württembergs, aber 2024 rund 16 Prozent aller Fördergelder nach Freiburg geholt!
chilli: Einspruch. Öffentlich geförderter Wohnungsbau findet nicht in Lenzkirch oder Simonswald statt, sondern nur in den Städten, hier muss man eine andere Relation nehmen …
Horn: … ohne Förderungen wird es jedenfalls nicht gehen. Wir brauchen auch keine neuen Töpfe, sondern nur ausreichend gefüllte. Es muss ein übergeordnetes Interesse des Landes an sozialem Mietwohnungsbau geben. Und wir müssen dringend an die teuren Baustandards ran und Optimierungen umsetzen.
chilli: Günstiger bauen geht mit seriellem Bauen: Dann steht im Dietenbach 100 Mal Haustyp A, bei dem dann nur einmal die Statik, der Brandschutz, die Haustechnik bezahlt werden müsste, 100 Mal der Haustyp B …
Horn: Wir standardisieren dort jetzt erst einmal einige unserer eigenen Gebäude. Wir wollen aber keine Stadtteile, die austauschbar sind. Das ist uns auch wichtig. Aber ja, eine Standardisierung gepaart mit einer Individualisierung kann hoffentlich einiges optimieren.
chilli: Der Arm der Politik in den Wohnungsmietmarkt ist insgesamt zu kurz …
Horn: David gegen Goliath. Wir haben keine zehn Prozent der Wohnungen in dieser Stadt. Aber der freie Markt allein wird nicht für bezahlbares Wohnen sorgen. Das haben wir aus der Vergangenheit gelernt. Unser Ziel muss sein, mindestens zehn Prozent zu besitzen. Zudem bauen wir gerade das erste Azubi-Wohnheim, mit 33 Prozent weniger Miete für die jungen Erwachsenen, und wir bauen auch zum ersten Mal ein Gebäude allein für Mitarbeitende im Konzern Stadt Freiburg. Ich rede mir die Welt nicht schön, aber ich glaube, ohne diese ganzen Kraftanstrengungen in den vergangenen acht Jahren hätten wir noch mehr survival of the richest auf dem Wohnungsmarkt. Jeder Wohnungstausch über eine überschaubar erfolgreiche Wohnungstauschbörse, jede neue Stadtbauwohnung, jede geförderte Wohnung bringt ein bisschen mehr Fairness in den angespannten Mietmarkt. Dafür bin ich angetreten und dafür werde ich weiter mein Bestes geben.
chilli: Herr Horn, vielen Dank für dieses Gespräch.
Foto: © Patrick Seeger/Stadt Freiburg










