»Immer mehr geworden« – Zahl der Wohnungslosen in Freiburg steigt – Eindrücke, Stimmen, Zahlen Gesellschaft | 17.04.2026 | Till Neumann

Couch unter Brücke

Rund 1000 Menschen haben in Freiburg eine Postersatzadresse und damit keinen festen Wohnsitz. Etwa 200 leben auf der Straße. Der neue Sozialbürgermeister Roland Meder erklärt Wohnungslosigkeit zu einem Hauptthema. Die chilli-Redaktion hat sich Anlaufstellen angeschaut, mit Betroffenen gesprochen und Zahlen recherchiert. Die Not wächst – vor allem aus einem Grund.

Montagvormittag. Mitte März. Samy (37) und Rainer (62) sitzen an einem Holztisch in der Pflasterstub‘. Es herrscht reges Treiben kurz vor der Mittagszeit. Hier in der Anlaufstelle der Caritas an der Herrenstraße finden Menschen unbürokratische Hilfe. Es gibt Frühstück, medizinische Versorgung, sie können Handys laden, sich aufwärmen, finden ein offenes Ohr.

Schnelle Hilfe: Menschen wie Rainer (links) und Samy (zweiter von links) 
finden in der Pflasterstub' einen Ort zum Frühstücken, Aufwärmen und Reden.

Schnelle Hilfe: Menschen wie Rainer (links) und Samy (zweiter von links)
finden in der Pflasterstub‘ einen Ort zum Frühstücken, Aufwärmen und Reden.

Samy, schwarze Mütze, blaue Jeansjacke, ist viermal die Woche da. „Hier bin ich unter Menschen, kann telefonieren, mich konzen­trieren.“ Er hat zwar ein Handy, doch das Festnetz ist besser: „Meist ist das so: Wenn sie meine Nummer sehen, gehen sie nicht ans Telefon.“

Samy hat länger auf der Straße gelebt, nachdem seine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Er schlief unter der Leo-Wohleb-Brücke an der Dreisam. „2012 gab es da noch eine Luke, da konnte man in der Brücke schlafen“, erinnert er sich. Doch mit der Zeit sei dort zu viel Müll gelandet. „Die haben es übertrieben, dann kamen die Ratten.“ Derzeit kommt er bei einem Freund unter.

Der gelernte Koch hat Kinder, sie leben bei der Mutter. Er versucht sich das Recht zu erkämpfen, sie zu sehen. Das nimmt ihn mit: „Es hat mich aus der Bahn geworfen“, sagt Samy und hat Tränen in den Augen. Arbeiten könne er nicht. Traumata einer bewegten Kindheit in Sri Lanka würden ihn einholen. Sein größter Wunsch: eine Wohnung finden, seine Kinder wiedersehen.

Verzweifelt sucht er nach einer bezahlbaren Wohnung. Ohne Erfolg. Sein Budget: „So 600 Euro im Monat, vielleicht 800.“ Kürzlich keimte Hoffnung: „Ich habe zusammen mit einer Dame, die auch hier auf der Straße ist und einen kleinen Sohn hat, eine Wohnung angeschaut in Gundelfingen.“ Drei Zimmer seien es gewesen, auf Kleinanzeigen las er von 680 Euro Kaltmiete. Doch vor Ort die Enttäuschung: „Die haben das für drei Zimmer in einer WG gedacht.“ Also 680 Euro pro Zimmer. „Das war gar nicht machbar.“

»Hat mich aus der Bahn geworfen«

Das Problem kennt Willibert Bongartz gut. Er leitet die Pflasterstub‘ und berichtet von immer mehr Menschen, die Hilfe suchen: „Die Zahlen steigen überall.“ Wohnungslosigkeit sei in den vergangenen 20 Jahren viel größer geworden. Und zwar vor allem aus einem Grund: „Weil bezahlbarer Wohnraum fehlt.“

Leiter Willibert Bongartz (rechts) und sein Team unterstützen unbürokratisch.

Leiter Willibert Bongartz (rechts) und sein Team unterstützen unbürokratisch.

Es kämen immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft hinzu. Beispielsweise nach der Trennung von einem Partner. „Wenn man keine Beziehungen hat, kein soziales Umfeld, keine Verwandten, die sagen: ,Hey, du kannst erst mal zu mir kommen‘, dann gibt es auf dem freien Wohnungsmarkt nichts.“ So geht es Samy. „Verdeckt wohnungslos“ nennt sich seine Lage. Er hat keinen Mietvertrag, kann aber immer mal wieder bei Bekannten übernachten. Aber ohne Sicherheit, so Bongartz: „Es kann sein, am nächsten Tag sagt der Kumpel, der Freund, der Student: Jetzt musst du doch wieder gehen.“

Rund 800 verschiedene Gäste zählt die Pflasterstub‘ im Jahr. Etwa 100 Menschen haben hier eine Postersatzadresse. „Die Menschen wohnen bei irgendjemandem, dürfen aber natürlich dessen Briefkasten nicht mitbenutzen“, erklärt Bongartz. Seine Einrichtung bietet Gästen auch Geldverwaltung, Schließfächer oder die Möglichkeit, Wäsche zu waschen.

Vor der Pflasterstub' an der Herrenstraße  ist oft reger Betrieb.

Vor der Pflasterstub‘ an der Herrenstraße ist oft reger Betrieb.

Samy und Rainer schätzen vor allem das Frühstück – und die recht entspannte Stimmung. „Die Leute hier reißen sich zusammen“, sagt Samy. „Nur ab und zu gibt’s mal eine Ohrfeige“, ergänzt Rainer. Der Mann im schwarzen Jackett lebt in einer Unterkunft in der Wiesentalstraße. In dem ehemaligen Geflüchtetenwohnheim schläft er im Container. Auf der Straße lebte er früher in Gelsenkirchen.

Falls sie nachts keine Unterkunft finden, könnten sie in der Freiburger „Oase“ unterkommen. Die städtische Einrichtung an der Haslacher Straße bietet Schlafplätze für Menschen ohne Dach über dem Kopf. Sie ist aber bei Samy und Rainer in Verruf geraten: Sieben Wochen hat Rainer dort gewohnt – und keine guten Erfahrungen gemacht: „Die klauen wie die Raben“, schimpft Rainer durch seinen grauen Vollbart. Einmal habe er sogar die Polizei gerufen.

Etwas sachlicher sieht es Samy: „Da sind halt verschiedene Menschen mit verschiedenen Kategorien an Problemen. Wenn sie zusammen in einem Zimmer sind, lässt einer den Boss raushängen und unterdrückt irgendjemanden oder klaut.“ Dort aufzuschlagen ist für beide keine Option.

Dennoch: Die „Oase“ ist mehr als voll. Das berichtet ihr Leiter Simon Uecker. Ausgelegt sei sie für sie 34 Personen. „Ab 35 sprechen wir von einer Überfüllung“, erklärt Uecker. Wenn je zwei Personen in einem Zimmer unterkommen, ist Platz für 48 Menschen. Die Realität ist jedoch eine andere: „Wir haben im Schnitt die ganze Zeit 50 bis 60 Menschen hier im Haus.“ Somit schlafen drei oder vier in einem Zimmer.

Leiter der „Oase“ Simon Uecker berichtet von Überbelegung und Konflikten.

Leiter der „Oase“ Simon Uecker berichtet von Überbelegung und Konflikten.

Vor dem großen grauen Gebäude mit gelben und orangenen Fensterläden wird es indes laut: „Saschaaaaa“, brüllt einer von unten nach oben. „Was deeeenn?“, ruft es von oben zurück. Die Stimmung ist gedrückt. Schließlich kommen an diesem Ort Menschen unter, die meist in Schwierigkeiten stecken. „Es sind viele hier mit Suchterkrankungen, Haft­erfahrungen oder finanzieller Not“, ­erzählt Uecker. Er ist seit 2012 hier im Haus tätig, leitet die „Oase“ seit 2018.

Die vollen Räume führen zu Spannung. „Wir erleben regelmäßig Gewalt hier“, sagt Uecker. Die einfache Formel: „Je dichter die Belegung, desto mehr Konflikte.“ Gerade bei vollen Zimmern käme es zu Diebstahl. „Wir versuchen das zu befrieden“, sagt Uecker. Für mehr Schutz hat das Haus vor eineinhalb Jahren ein elektronisches Schließsystem eingeführt. „Jeder bekommt einen Chip oder ein Kärtchen“, erklärt Uecker. So kommen Gäste in ihren Bereich oder ihr Zimmer – nicht aber in andere. Die Diebstahl-Situation habe das entspannt. Er findet zudem: Für die Masse an Menschen sei die Zahl der Konflikte noch überschaubar.

Die Krux bei der „Oase“: Sie ist verpflichtet, alle aufzunehmen: „Wir dürfen niemandem sagen, wir müssen dich auf die Straße setzen.“ Jeder habe ein Recht auf Unterbringung. Doch die Zahlen steigen: „Es ist immer mehr geworden – egal welche Zahl man sich anguckt“, berichtet Uecker. Auffällig sei, dass das auch in den Sommermonaten nicht mehr abflache. Zudem sei der Frauenanteil in den vergangenen zwei, drei Jahren deutlich gestiegen. Daher ist ein abgetrennter Frauenbereich eingerichtet worden. Vier Zimmer sind dort verfügbar.

Für jeden ein Bett: Wer ein Dach über dem Kopf braucht, kann zur „Oase“ an der ­Haslacher Straße kommen.

Für jeden ein Bett: Wer ein Dach über dem Kopf braucht, kann zur „Oase“ an der ­Haslacher Straße kommen.

Nicht nur die Zahl der Hilfesuchenden steigt: Auch das Angebot wächst. „Wir haben in den letzten Jahren immer wieder neue Wohnheime angemietet oder geschaffen“, sagt Uecker. Als Beispiele nennt er das ehemalige Hotel Schiller an der Hildastraße. Statt Touristen nächtigen dort nun Obdachlose. Oder den großen Wohnkomplex an der Wiesentalstraße. Doch es benötige mehr: „Am Ende braucht es einen regelmäßigen Zufluss an bezahlbarem Wohnraum.“

»Erleben regelmäßig Gewalt«

Das bestätigt auch Willibert Bongartz von der Pflasterstub‘: „Ich habe den Eindruck, der Wille ist da.“ Das neue Stadtviertel Dietenbach lässt ihn zumindest hoffen, dass „eine gewisse Entlastung da ist“. Dass es vorangeht, davon berichtet auch seine Kollegin Nora Kelm. Sie ist Pressesprecherin beim Caritasverband Freiburg-Stadt und erzählt von einem „tollen neuen Projekt“: Ende April war in Landwasser an der Auwaldstraße Spatenstich für ein Wohnhaus für ehemals wohnungslose Menschen.

Zimmer

33 Wohneinheiten sollen dort entstehen für Personen, die zuvor in der stationären Wohnungslosenhilfe waren, aber noch keine Bleibe gefunden haben. „Dann kann man da wohnen, ohne Druck, wieder ausziehen zu müssen“, erklärt Kelm. Umgesetzt werde das Vorhaben von der Caritas, dem Orden der Vinzentinerinnen und der Kirchengemeinde St. Petrus Canisius. „Ein Leuchtturmprojekt“, sagt Kelm. Da könne ein Bürgermeister lange rummachen. „Wir machen das halt einfach.“

Auf solche Projekte hofft auch die Freiburger Straßenschule. Sie bietet Hilfe für wohnungslose junge Menschen – und erlebt ebenfalls einen Ansturm: „Wir begleiten rund 500 junge Menschen im Jahr“, berichtet Cornelia Weiß. „Die Zahlen sind seit Jahren steigend“, so die Sprecherin. Ein noch stärkerer Indikator sei aber, dass junge Menschen oft noch länger da sind. „Sie kommen nicht mehr aus dem System der Wohnungslosenhilfe heraus“, erklärt Weiß. In den Wohnprojekten lag die begleitete Zeit früher bei rund einem Jahr. „Inzwischen sind wir bei eineinhalb bis zwei Jahren.“

Für Wohnungslose wie Rainer bleibt vor allem ein Wunsch: „Es braucht mehr Plätze.“ Samy ergänzt: „Wir müssen einen Schritt schneller werden.“ Allein wegen der Gefahr, ohne Dach über dem Kopf in den Drogensumpf abzurutschen.

Die Statistik gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Die städtische Bilanz zu „Menschen, die nachweislich von Obdachlosigkeit bedroht waren“, zeigt: 2022 waren es noch 1915. Seitdem ist das konstant gestiegen auf 2707 im Jahr 2025. Fast 50 Prozent mehr.

200 Menschen in Freiburg leben auf der Straße
2727 Wohnungslose in Freiburg leben in Unterkünften – 2022 waren es 727
474.675 Menschen waren 2025 in Deutschland wohnungslos
1ooo Haben in Freiburg eine Postersatz­adresse – also keinen festen Wohnsitz
94.550 Menschen waren 2025 in Baden-
Württemberg wohnungslos
31,2 % der Wohnungslosen in BaWü sind unter 18

Fotos: © Till Neumann