»Die Zahl mutet gigantisch an« – Baubürgermeister Martin Haag über den Vermarktungsstart in Dietenbach Stadtentwicklung | 18.02.2026 | Lars Bargmann
Martin Haag vor dem Stadtteil-
Modell im Pavillon Dietenbach.
Am 26. Februar startet – deutlich später als geplant – die Vermarktung des ersten Bauabschnitts in Freiburgs neuem Stadtteil Dietenbach. Insgesamt sollen tief im Westen 6900 Wohnungen, ein Schulcampus für 210 Millionen Euro und 1700 Schüler, 22 Kitas und Gewerbeflächen entstehen. Im Dietenbach könnten mal rund 16.000 Menschen leben. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl der Stadt Breisach. Der neue Stadtteil wird das Freiburger Rathaus nach aktuellen Zahlen 1,32 Milliarden Euro kosten. 1,14 Milliarden sollen durch die Grundstücksverkäufe erlöst werden. Vor dem Verkaufsstart sprach Chefredakteur Lars Bargmann mit Baubürgermeister Martin Haag.
chilli: Herr Haag, am 26. Februar gibt es in der Messe Freiburg die Auftaktveranstaltung zur Vermarktung des ersten Bauabschnitts in einem der größten Wohnbauprojekte in der Bundesrepublik, dem neuen Stadtteil Dietenbach. Blockbuster oder Arthouse?
Haag: Ich bin optimistisch, dass wir großes Interesse haben werden. Ich hätte mir aber natürlich gewünscht, dass wir viel schneller ins Bauen kommen.
chilli: Wann können die Bauherren auf ihre Grundstücke?
Haag: Vermutlich Anfang 2028.
chilli: Rüdiger Engel, der lange die Projektgruppe Dietenbach geleitet hatte, wollte Ende 2024 kurz vor der Rente noch die ersten Wohnungsschlüssel übergeben …
Haag: Ich weiß. Aber wir bauen hier auf einem Acker die Infrastruktur für einen Stadtteil von der Größe der Stadt Breisach. Ich empfehle, die Webcam Dietenbach mal zu konsultieren. Da sieht man, was auf dem Gelände alles los ist.
chilli: Offenbar wurde die Erschließung leicht unterschätzt …
Haag: Da war ja nichts, kein Frischwasser, keine Abwasserleitung, kein Wärmenetz, kein Stromnetz, keine Straßen, keine Gehwege. Wir müssen das Areal anheben, um aus dem Hochwasser rauszukommen. Allein im ersten Bauabschnitt werden 1600 Wohnungen für rund 3500 Menschen entstehen.
chilli: Was kostet ein Quadratmeter Bauland mit einer GFZ von 2,0? (*bei einer GFZ von 2,0 können auf einem 1000 Quadratmeter großen Grundstück 2000 Quadratmeter gebaut werden.)
Haag: 1838 Euro. Das ist der Wert, der sich aus den vom Gutachterausschuss ermittelten Bodenrichtwerten ergibt und damit in vergleichbaren Lagen in Freiburg heute bezahlt wird. An den sind wir gebunden.
chilli: Der Grundstücksanteil bei den Kosten für die Wohnungen wird mithin über 1000 Euro liegen.
Haag: Das ist so, aber das wirklich Teure sind die Bau- und nicht die Grundstückskosten. Im Rieselfeld kosten die Grundstücke noch etwas mehr.
chilli: Im ersten Bauabschnitt gibt es insgesamt 149 Grundstücke, 107 kommen in die Vermarktung. Die anderen 42 …
Haag: … gehören Alt-Eigentümern, der Freiburger Stadtbau, der Kirche.
chilli: Was machen die Alteigentümer? Bauen die selber oder verkaufen sie ihre Grundstücke wieder?
Haag: Die sind gerade am Überlegen, wie sie das machen. Die reden auch mit Bauträgern, weil ihre Grundstücke doch in einer Größenordnung liegen, die nicht so einfach zu stemmen ist. Wichtig ist, dass sie am Ende die städtebaulichen Ziele umsetzen, die wir definiert haben.
chilli: Das wichtigste Ziel, neben einer ellenlangen Liste von politischen Wünschen, sind bezahlbare Wohnungen. Das war sogar die Voraussetzung für die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme, die die Stadt erst in die Position gebracht hat, die Grundstücke von den Privaten zu erwerben. Gibt es am Ende bezahlbare Wohnungen?
Haag: Ja. Wir machen 50 Prozent öffentlich geförderten Wohnungsbau, wo die Mieten bis zu 40 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen müssen. Die 50 Prozent müssen nicht auf jedem Grundstück erfüllt werden, aber möglichst im Block und auf jeden Fall übers gesamte Gebiet.
chilli: Das sind 3450 Wohnungen, die vom Land, sprich der L-Bank, bezuschusst werden sollen. Glauben Sie, dass das Land in Freiburg überhaupt so viele Wohnungen fördern kann?
Haag: Ich glaube, dass sowohl der Bund als auch das Land erkannt haben, dass die Frage der Wohnraumversorgung in den dynamisch sich entwickelnden Städten wie Freiburg die sozialpolitisch überragende Aufgabe der nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ist. Und daher bin ich optimistisch, dass wir diese Zuschüsse bekommen.
chilli: Uns ist ein konkretes Bauvorhaben bekannt, bei dem das Land jede Sozialwohnung mit rund 200.000 Euro fördert. 3450 mal 200.000 sind 690 Millionen Euro …
Haag: Natürlich mutet diese Zahl gigantisch an, aber das ist auf einen so langen Zeitraum gerechnet keine utopische Zahl.
chilli: Das kleinste Grundstück hat gerade einmal 162 Quadratmeter. Was soll man darauf bauen?
Haag: Ein kleines Stadthaus, in dem es jeweils über zwei Etagen eine Wohnung gibt, die dann übereinandergestapelt sind. Das sogenannte gestapelte Reihenhaus. Gerade zu diesen Grundstücken haben wir eine erhebliche Nachfrage von genau der Zielgruppe, die wir damit ansprechen wollen. Private Häuslebauer, sozusagen eine Alternative zum Einfamilienhaus. Das ist ein Bautyp, der hier im Freiburg schon lange nicht mehr auf dem Markt war.

Auftakt zum neuen Stadtteil: Im ersten Bauabschnitt sollen 1600 Wohnungen gebaut werden. Und das Quartiershaus in Holz.
chilli: Das Rathaus, vor allem der Gemeinderat, ist vom grundsätzlichen Plan, Grundstücke nur noch im Erbbaurecht abzugeben, abgerückt.
Haag: Aber in der Konzeptvergabe gibt es natürlich Pluspunkte, wenn die Interessenten Erbbau wollen oder der Stadt ein Wiederkaufsrecht einräumen.
chilli: Weitere Pluspunkte gibt es für Holzhäuser. Die Stadtverwaltung plant aktuell den Dietenbach-Campus. Geht sie da selber mit gutem Beispiel voran?
Haag: Wir werden den Campus in Holzhybrid-Bauweise bauen.
chilli: Auch wenn es teurer als in konventioneller Bauweise wird? Nach unseren Informationen stand die Holz-Lösung zwischenzeitlich auf der Kippe.
Haag: Wir mussten tatsächlich am Entwurf noch ein paar Optimierungen vornehmen, aber das Thema Holzbau stand nicht zur Diskussion. Wir bauen jetzt nur die Treppenhäuser, Schächte und die Unterkellerung aus Stahlbeton, die Decken werden im Holz-Beton-Verbund gebaut. Der Rest ist Holz. Übrigens bauen wir ja auch das Quartiershaus aus Holz.
chilli: Günstiger ist das Bauen mit Holz nicht. Wenn man bezahlbares Wohnen will, müsste man dann nicht mehrere Haustypen entwickeln, die dann immer wieder in den verschiedenen Baublöcken verteilt werden? Da ist dann ein Typ A mit 40 Wohnungen, die Statik ist gemacht, der Brandschutz, der Schallschutz, die Haustechnik. Dann gibt es einen Typ B mit 30 Wohnungen. Die Häuser werden dutzendfach gebaut, unterscheiden sich dann nur durch die Fassadengestaltung oder stehen mal trauf-, mal giebelständig zur Straße. Das würde zig Millionen an Kosten sparen …
Haag: So etwas in der Art ist ja auch geplant, nicht in so einem Extrembeispiel, aber wir haben Gebäudetypen, die sich wiederholen.

Will am liebsten nur lokale Bauherren: Martin Haag.
chilli: Das heißt aber ja nicht, dass da wirklich das gleiche Haus drauf gebaut wird, nur weil der Typ feststeht …
Haag: Wir haben drei oder vier Grundstücke, die fast identisch sind und die wir gemeinsam vermarkten. Da kann der Bauherr diesen Wiederholungsfaktor machen.
chilli: Viel mehr würde viel mehr helfen …
Haag: Nur meinetwegen sechs verschiedene Gebäudetypen zu bauen und die unterschiedlich anzumalen, ist nicht die Grundleitidee für Dietenbach. Aber wir wollen im ersten Vermarktungsabschnitt bestimmte Sachen ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Wenn wir sehen, dass es für solch ein Angebot eine große Nachfrage gibt, dass die Bau- und Mietpreise dann auch spürbar nach unten sacken, dann wird das sicherlich etwas sein, was wir in den nächsten Abschnitten nochmal etwas stärker forcieren werden.
chilli: Am 27. Februar wird die Vermarktungsplattform freigeschaltet. Allein mit Freiburger Akteuren wird der Stadtteil nicht zu bauen sein. Wie wird das Rathaus die Möglichkeiten für Bauvorhaben im Dietenbach auch außerhalb von Südbaden bewerben? Ist etwa ein eigener Auftritt auf der Expo Real in München, der größten Fachmesse für Immobilien und Investitionen in Europa, geplant?
Haag: Der Grundansatz von Dietenbach ist, dass wir versuchen, diese Riesenbauaufgabe, die wir ja über viele Jahre strecken, zum großen Teil durch lokale Akteure zu bewältigen. Wir haben unsere Stadtbau, da sind die Traditionsbaugenossenschaften, die hoffentlich in einer ganz anderen Größenordnung jetzt einsteigen, da sind die Mietshäuser-Syndikate, da ist das Land Baden-Württemberg, das für die Beschäftigten der Uniklinik und Studierende bauen will, da sind aber auch unsere lokalen Bauträger, die ja bei Kleineschholz nicht zum Zuge kamen. Da sind private Bauherren, die Alteigentümer aus Freiburg …
chilli: … allein Freiburger Akteure werden nicht 6900 Wohnungen bauen.
Haag: Was wir jedenfalls nicht wollen, dass da ein großer Bauträger von auswärts kommt, baut, das Gebäude an einen Fonds verkauft, nach einer gewissen Zeit wird es an den nächsten Fonds weiterverkauft und zum Schluss haben wir dann einen Bestandshalter, der nichts mehr investiert und die Mieter allein lässt.
chilli: Expo Real?
Haag: Tatsächlich diskutieren wir das gerade. Es ist angesichts der Dimension nicht falsch, auch über den Freiburger Tellerrand hinauszuschauen. Ob wir zur Expo gehen, ist noch nicht entschieden, aber wir werden uns auf jeden Fall überlegen, wie wir auch über Freiburg hinaus Dietenbach zeigen. Wir kriegen übrigens heute schon immer wieder auch Anfragen von außerhalb. Aber ich muss ja auch ein bisschen politisch denken. Wir wollen unseren Freiburger Akteuren nicht die Konkurrenz aus den großen Ballungszentren vor die Nase setzen.
chilli: Es gibt auch institutionelle Anleger, die keine schlechte Presse bekommen …
Haag: Richtig, es gibt auch vernünftige Kapitalanleger, etwa die Rentenfonds, die in Dietenbach sicher gern gesehen werden, und die ja übrigens auch im Rieselfeld die Ersten waren, die sich Kapitalanlagen haben bauen lassen. Die noch heute vernünftig betrieben werden. Wir müssen bei der Konzeptvergabe also auch Wert darauf legen, dass wir die Richtigen bekommen.
chilli: Herr Haag, vielen Dank für dieses Gespräch.










