Kontrovers (17): Bebauung der „Zähringer Höhe“ im Freiburger Norden – Ein Pro und Contra Kontrovers | 23.05.2026 | Till Neumann
Wohnraum schaffen oder Natur schützen? Das ist die Frage rund um die umstrittene Bebauung der „Zähringer Höhe“ im Freiburger Norden. Rund 300 Wohnungen sollen dort entstehen. Doch artenreiche Streuobstwiesen sowie seltene Tiere und Pflanzen müssten weichen. Was ist wichtiger? Ein Pro und Kontra.
»Ökologisch unersetzbar«
Freiburger Nabu-Chef Ralf Schmidt

Freiburg rühmt sich als „Green City “, doch an der Zähringer Höhe droht dieses Image unter Beton zu ersticken. Die Planung, dieses ökologischen Kleinods für ein Projekt von gestern zu opfern, ist ein städtebaulicher Irrweg. Als NABU Freiburg lehnen wir die Bebauung entschieden ab. Gemeinsam mit weiteren Umweltverbänden fordern wir die Stadt auf, auf die Bebauung der „Höhe“ zu verzichten oder das Projekt umgehend zurückzuziehen.
Oft wird mit „politischer Verlässlichkeit“ und alten Gemeinderatsbeschlüssen argumentiert. Doch eine verantwortungsvolle Stadtplanung darf nicht Geisel von informellen Zusagen an Eigentümer aus den 1970er-Jahren sein. Solche „Handschlag-Deals“ besitzen keine rechtsverbindliche Grundlage. Wenn politische Verlässlichkeit dazu führt, dass veraltete Absprachen über das heutige Gemeinwohl und geltendes Umweltrecht gestellt werden, verliert die Verwaltung ihre Glaubwürdigkeit. Eine Planung, die primär Einzelinteressen bedient, widerspricht dem gesetzlichen Auftrag nach § 1 Abs. 3 BauGB diametral.
Die Zähringer Höhe ist eine der letzten alten Kulturlandschaften am Stadtrand. Als Kaltluftschneise ist sie für Zähringen und Brühl überlebenswichtig. Wer diese „grüne Lunge“ versiegelt, nimmt die Überhitzung ganzer Quartiere in Kauf. Ökologisch ist das Gebiet unersetzbar: Es ist Habitat für 16 Arten der Roten Liste, darunter Wendehals und Neuntöter, sowie streng geschützte Fledermäuse und Käferarten wie den Körnerbock (Natura 2000). Solche Biotope sind rechtlich geschützt – Natur lässt sich nicht durch „Gefälligkeitsplanung“ wegdiskutieren. Echte Nachhaltigkeit folgt dem Leitbild der Doppelten Innenentwicklung: Wohnraum dort schaffen, wo bereits versiegelt ist, und grüne Infrastruktur stärken. Mit der Fläche „Zähringen Nord“ stehen 1400 Wohneinheiten auf erschlossenen Flächen mit ÖPNV-Anschluss bereit. Dass diese Alternativen nicht transparent abgewogen wurden, ist ein schwerer planerischer Mangel und ein Verstoß gegen das Abwägungsgebot.
Zudem ist das Projekt eine soziale Mogelpackung: Bei nur 20 Prozent gefördertem Wohnraum entstehen Renditeobjekte im Grünen statt bezahlbarem Wohnraum. Die Folge: ein Verkehrschaos in der Pochgasse. Wir dürfen unsere Lebensgrundlagen nicht für kurzsichtige Interessen opfern. Die Zähringer Höhe muss als Erholungsraum erhalten bleiben.
Ralf Schmidt,
Vorsitzender NABU Freiburg
»Beschlüsse umsetzen«
CDU-Stadtrat Bernhard Rotzinger

Seit den 1970er Jahren beschäftigt die Zähringer Höhe Freiburgs Kommunalpolitik. Was einst als 16 Hektar großes Baugebiet begann, wurde nach intensiven Debatten und Bürgerprotesten auf knapp fünf Hektar reduziert – ein Kompromiss, der allen Beteiligten viel abverlangte.
Zwischen 2012 und 2024 hat der Gemeinderat in unterschiedlich zusammengesetzten Gremien sechs Beschlüsse zum Baugebiet Höhe gefasst – stets mit eindeutiger Mehrheit für die Bebauung. Diese Entscheidungen fielen nicht leichtfertig: Sie folgten auf jahrelange Gutachten, Bürgerbeteiligungen und Abwägungsprozesse. Bodengutachten, meteorologische Windstrommessungen, mehrere Umwelt- und Verkehrsgutachten, umfangreiche Artenschutzprüfungen, Starkregengutachten – selten wurde ein Bebauungsplan so akribisch vorbereitet.
Ein entscheidender Punkt wird in der öffentlichen Debatte oft übersehen: Mit den Grundstückseigentümern liegt bereits ein unterschriebener städtebaulicher Vertrag vor. Dieser regelt die Kostenübernahme für Erschließung und Ausgleichsmaßnahmen, verpflichtet zu energieeffizienten Baustandards und dezentraler Wärmeversorgung. Die privaten Eigentümer haben bereits 1,5 Millionen Euro investiert, die Stadt drei Millionen Euro.
Die Kernfrage lautet nicht, ob man das Baugebiet heute noch einmal genauso beschließen würde – vermutlich nicht. Die Frage ist vielmehr: Was bedeutet es für unsere Demokratie, wenn rechtsgültige, nach intensiver Diskussion getroffene Entscheidungen immer wieder grundsätzlich infrage gestellt werden?
Wenn Gemeinderatsbeschlüsse, Verträge und jahrelange Verfahren beliebig revidierbar erscheinen, sobald sich Mehrheiten verschieben, untergräbt das die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen fundamental. Bürgerinnen und Bürger, Investoren und Verwaltung brauchen Planungssicherheit. Wer heute einen Beschluss fasst und morgen bricht, darf sich über Politikverdrossenheit nicht wundern.
Niemand bestreitet den ökologischen Wert der Zähringer Höhe. Deshalb wurden drei Hektar Ausgleichsflächen geschaffen und Artenschutzmaßnahmen umgesetzt. Gleichzeitig entstehen 300 dringend benötigte Wohnungen in einer Stadt, in der Wohnraummangel soziale Verwerfungen verursacht.
Demokratie lebt von der Möglichkeit, Entscheidungen zu kritisieren und zu revidieren. Aber sie lebt ebenso davon, dass rechtmäßig zustande gekommene Beschlüsse verlässlich umgesetzt werden. Bei der Zähringer Höhe geht es deshalb nicht nur um Wohnungsbau oder Naturschutz – es geht um die Glaubwürdigkeit demokratischer Institutionen.
Bernhard Rotzinger,
baupolitischer Sprecher CDU
Fotos: © tln, NABU, Martin Koswig/CDU-Fraktion










