Kontrovers (16): Ist die Freiburger Reform der Kulturförderung richtig? Ein Pro und Contra Kontrovers | 08.03.2026 | Till Neumann
Sind dafür und dagegen: Bürgermeister Ulrich von Kirchbach (links) und Stadtrat Markus Schillberg
Der Gemeinderat hat ein Update der Kulturförderung beschlossen. Eine institutionelle Förderung für kleinere Strukturen fällt weg. Dafür kommt eine Basisförderung über vier Jahre hinzu Das umfassende Vorhaben ist umstritten. Stadtrat Markus Schillberg sagt: Die Freie Szene wird darunter leiden. Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach hält dagegen: Die Reform stärkt Strukturen.
System of a Downgrade
Stadtrat Markus Schillberg (Kulturliste) findet: Die Kulturreform ist der falsche Weg

„Mehr Fachlichkeit und Fairness“ – so verkauft die Stadtspitze die Neuordnung der Kulturförderung. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Diese Reform ist kein Upgrade für die Freiburger Kultur, sie ist ein Downgrade. Unter dem Deckmantel der Flexibilisierung wird faktisch die Entsicherung der Freien Szene vorbereitet. Wie das abläuft, spricht Bände: Der Grundsatzbeschluss wurde bereits vor der Weihnachtspause in einem beispiellosen Hau-Ruck-Verfahren durchgepeitscht. Die betroffenen Akteure wurden dabei bestenfalls schlecht, großteils jedoch gar nicht informiert.
Kernproblem ist die aus der Luft gegriffene 30.000-Euro-Bagatellgrenze für die institutionelle Förderung. Mit einem Schlag fallen bis zu 42 der 97 dauerhaft geförderten Einrichtungen aus der sicheren Förderung. Sie werden in eine auf vier Jahre befristete „Basisförderung“ degradiert. Wer Jahrzehnte wertvolle Arbeit leistet, wird plötzlich wieder zum Bittsteller auf Zeit. Das schafft keine Flexibilität, sondern Verunsicherung und gefährdet externe Drittmittel von Land und Bund.
Gleichzeitig erleben wir einen demokratischen Rollback: Der Gemeinderat beschneidet als höchste Jury der Stadt seine eigene Kompetenz zugunsten eines neuen Bürokratiemonsters. Die Vergabe wird an intransparente Fachjurys ausgelagert, deren Zusammensetzung völlig unklar ist. Es droht eine Majorisierung durch die großen Parteien. Kleine Fraktionen und Listen, die oft das Ohr am nächsten an der Subkultur haben, werden strukturell verdrängt.
Zudem entfremdet sich die Politik von der Szene. Der persönliche Kontakt weicht sterilen Antragsverfahren. Das hat Methode: Bei künftigen Haushaltskrisen ist es leichter, anonyme Töpfe abzusenken, als Kulturschaffenden bei Kürzungen ins Gesicht zu sehen.
Hier liegt die größte Gefahr: Die Reform liefert das passende Werkzeug für mögliche Sparrunden. Und sie dient explizit als Blaupause für alle städtischen Zuschussbereiche, der Sozialbereich soll folgen. Dann womöglich der Migrationsbereich usw. Wehret den Anfängen.
Kultur ist Daseinsvorsorge. Freiburgs Stärke waren immer verlässliche Partnerschaften. Diese für ein bürokratisches Experiment aufs Spiel zu setzen und einen demokratischen Abbau in Kauf zu nehmen, ist ein fataler Fehler. Im Gemeinderat ging ohnehin schon mal mehr ab – dass wir uns jetzt selbst entmachten, setzt dem Ganzen die Krone auf.
Stärkt die Kulturlandschaft
Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) sagt: Die Reform bringt mehr Transparenz

Freiburg ist eine Stadt mit einer reichen Kulturlandschaft, die in den letzten Jahren noch einmal gewachsen ist und an Vielfalt gewonnen hat. Die Bandbreite reicht von professionellen Ensembles bis zu Amateurgruppen, von einer großen Chorszene bis zu experimentellen Off-Spaces, von Vereinen mit langer Tradition bis zu Neugründungen. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, müssen wir die kommunale Förderstruktur entsprechend anpassen und erweitern.
Transparenz: Die Neuordnung von bisher zwei auf vier Förderebenen* schafft mehr Durchlässigkeit und Transparenz – sowohl für die Geförderten als auch für die Förderer. Denn die Kriterien für eine Förderung sind nun wesentlich klarer und präziser definiert. Und, entgegen anderslautender Befürchtungen, erfolgt die Förderung im bisherigen Finanzrahmen. Das bedeutet, die Mittel werden nicht weniger, sie werden nur anders verteilt.
Bedarfsorientiert: Mit der Einführung der Basis- und der Lokalspezifischen Förderung kann nun wesentlich genauer auf die Bedürfnisse der einzelnen Gruppen eingegangen werden, was langfristig deren Kulturarbeit stabilisieren wird.
Verschlankung: Die lokalspezifische Förderung richtet sich an zumeist ehrenamtlich geführte Institutionen und Veranstaltungsreihen. Diese erhalten nun durch ein entschlacktes Antragsverfahren eine Förderung mit vierjähriger Laufzeit.
Planungssicherheit: Auch die Basisförderung erfolgt mit vierjähriger Laufzeit. Dies sorgt, neben einer Planungssicherheit, auch für Flexibilität, da das Fördermodell um Anträge im Projektförderbereich ergänzt werden kann. Die gelungene Aufstellung der Chorförderung mit Basis- und Projektförderung seit 2008 ist dafür ein gutes Beispiel.
Kommunikation und Erfahrungsaustausch: Gemischte Jurys aus Fachleuten, Verwaltung und Gemeinderat verbinden fachliche und politische Perspektiven – ein Modell, das sich bereits beim Reinhold-Schneider-Preis und in der Projektförderung bewährt hat. Eine solche Jury gewährleistet langfristig eine engere Kommunikation, einen kontinuierlichen Erfahrungsaustausch und einen konstanten Wissenstransfer.
Insgesamt führt die Neuordnung der Förderinstrumente zu einer Verschlankung des Zuschuss- und Haushaltsverfahrens in Doppelhaushalten und ermöglicht mehr Transparenz für alle Beteiligten, für Verwaltung, Politik und Kulturschaffende. Mit dieser Reform stärkt die Stadt Freiburg ihre vielfältige Kulturlandschaft nachhaltig und zukunftsorientiert.
*Bisher gibt es: Projektförderung & Institutionelle Förderung. Geplant sind: Projektförderung, Basisförderung, Institutionelle Förderung und Lokalspezifische Förderung.











