Kontrovers (15): Ein Pro und Contra zur Wehrpflicht – Stimmen aus Freiburg Kontrovers | 11.10.2025 | Philip Thomas & Till Neumann
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) strebt an, die Bundeswehr von aktuell 182.000 Soldaten bis 2035 auf mindestens 260.000 aktive Zeit- und Berufssoldaten aufzustocken. Weil Werbeaktionen bisher nicht den gewünschten Erfolg brachten, soll knapp 15 Jahre nach Aussetzung der Wehrpflicht ein neues Wehrdienstgesetz die Truppe stärken: Ab 2026 müssen alle Männer ab 18 Jahren einen Fragebogen ausfüllen. Ab 2028 werden sie zur Musterung geladen. In der chilli-Rubrik KONTROvers argumentieren ein Freiburger Offizier und ein Friedensaktivist das Für und Wider einer Wehrpflicht.
»Abschreckung muss funktionieren«
Der Freiburger Jugendoffizier Heiko von Ditfurth (39) ist im Ernstfall für eine Wehrpflicht

„Mein Vater war bei der Bundeswehr, mein Bruder hat ebenfalls gedient. In meiner Klasse haben die meisten hingegen Zivildienst geleistet, das Milieu war eher links. Ich habe vor meiner Einziehung lange mit einem evangelischen Pastor gesprochen: Bin ich bereit, jemanden zu töten, um ein Menschenleben zu retten? Wir waren uns einig: Die Verteidigung des eigenen Landes und der Liebsten kann auch christlich sein. Das hat mir viel bedeutet.
Als ich 2005 eingezogen wurde, herrschte noch freundliches Desinteresse gegenüber der Bundeswehr, auch wenn nach 2001 die Auslandseinsätze mehr in den Fokus rückten. Insgesamt war die Bundeswehr selten Thema in der Gesellschaft, es gab zwar Anekdoten und Drill-Sprüche aus der Ausbildung, in der man aber tatsächlich lernt, dem hierarchischen System zu folgen.
Das ist ein enges Korsett, das sich später weitet. Was die Bundeswehr ausmacht, lernt man nicht in einem Monat: Kameradschaft, Rücksicht und gegenseitige Hilfe, mehr als nur Arbeitskollegen zu sein. Und die Fähigkeit, in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.
In einem Kampfeinsatz war ich nicht. Ich war in NATO-Übungen in der Ostsee, von 2016 bis 2018 bin ich zur See gefahren, auf dem Minenjagdboot „Datteln“. Als Leutnant habe ich dieses Boot bei großen Manövern im Auftrag des Kommandanten geführt. Auch Partnerstaaten waren dabei. 2014, mit der Annexion der Krim, begann dann die ernsthafte Stärkung der NATO-Ostflanke. Zuvor lag der Fokus auf Auslandseinsätzen wie beispielsweise der Terrorismusbekämpfung.
Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 war gesellschaftlich und militärisch ein Schock. Ich weiß noch, wie ich das Gespräch mit meiner Frau geführt habe. Wir hatten bereits zwei Kinder, und ich wusste: Es kann sein, dass ich woanders hingehen muss. Diese Unsicherheit und Sorge waren groß. Das ging bis zur Angst.
Auch gesellschaftlich war die Bundeswehr wieder Thema. Ich merke, wie das Interesse gestiegen ist. Als sicherheitspolitischer Referent sehe ich die Zahlen: Wir brauchen Personal. Aktuell hat die Bundeswehr 182.000 Soldatinnen und Soldaten. Nötig sind 260.000. Ich halte es daher für legitim, dass man sich mit Institutionen auseinandersetzt, die Schutz bieten.
Die Welt hat sich völlig gedreht. Wir leben in unsicheren Zeiten, die Bedrohung durch Russland ist real. Ich hoffe, die freiwillige Truppe funktioniert. Aber wenn nicht, müssen wir offen über Alternativen sprechen. Die Gesellschaft soll verstehen, warum es Menschen braucht, die bereit sind, die Sicherheit unseres Landes zu garantieren.
Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft besser versteht, wie sehr Wehrhaftigkeit dazugehört — in Finnland oder dem Baltikum ist das ein Teil der Identität. Abschreckung muss funktionieren. Die größte Sorge ist, dass sie es nicht tut.“
»Lieber ins Gefängnis«
Der Freiburger Student Jan Sander (26) ist gegen eine Wehrpflicht

„Ich bin gegen eine Wehrpflicht. Aus der Perspektive von jungen Menschen, die eine lebenswerte Zukunft wollen, macht das überhaupt keinen Sinn. Ich bin seit ein paar Jahren in der Friedensbewegung aktiv und habe hinter diese Kriegsrhetorik geschaut. Da sieht man schnell, dass die NATO schon vor dem Krieg gegen Ukraine das 14- bis 16-fache von Russland für Rüstung ausgegeben hat. Das hat ihn nicht verhindert.
Ich bezweifle stark, dass sich das ändert, wenn wir jetzt auf das 30- oder 40-fache kommen. Statistiken belegen: Je mehr Geld für Waffen ausgegeben wird, desto stärker ist der Druck, diese einzusetzen.
Junge Menschen sind an Krisen gewohnt. Es brennt an vielen Ecken. Die Lebenshaltungskosten steigen. In meinem Freundeskreis sind die Leute froh, wenn sie am Ende des Monats noch was übrighaben. Wir brauchen Investitionen ins Bildungssystem, ins Sozialsystem. Wir brauchen Arbeit, die sich nicht nur für eine kleine Minderheit lohnt. Auch die Klimakatastrophe ist untergegangen in der Kriegsrhetorik. All das läuft eklatant dem Ziel entgegen, massive Hochrüstung zu betreiben.
Man sagt: Krieg lohnt sich für niemanden. Das ist falsch. Krieg lohnt sich für ein paar Menschen, die sehr von Aufrüstung profitieren. Das sind die, die sich die Kämpfe per Livestream im Bunker anschauen, während junge Menschen in den Schützengräben krepieren.
Ich würde lieber ins Gefängnis gehen als auf andere zu schießen. Die wären vermutlich genauso traumatisiert wie ich. Und wollen genauso wenig mit dem Krieg zu tun haben wie ich. Auch auswandern ist eine Option. Ich würde alle Hebel in Bewegung setzen, um diesen Krieg nicht zu führen, der nicht meiner ist.
Ich wollte als Schüler zum Militär. Habe sogar ein Praktikum bei der Marine in Kiel gemacht. Als ich mich im Studium näher mit Konfliktursachen und globalen Machtgefällen beschäftigt habe, ist der Berufswunsch zerbröckelt. Jetzt wird viel überspitzt in der Debatte. Die reale Gefahr, in einen Krieg in Deutschland verwickelt zu werden, ist recht klein. Ob sich überhaupt noch ein konventioneller Krieg entwickelt oder wir alle einfach in die Luft gehen, ist noch mal eine ganz andere Frage. Es wird massiv gekürzt, außer bei unseren Kapazitäten zur Massenvernichtung. Das ist eine dramatische Entwicklung.“












