Wirbel um Wehrpflicht – Geteilte Meinung zu verpflichtenden Musterungen Gesellschaft | 07.03.2026 | Till Neumann

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Im Dezember sind die Würfel gefallen: Ab 2027 werden junge Männer in Deutschland wieder gemustert. Betroffen sind solche ab dem Jahrgang 2008. Ein Jugendoffizier aus Freiburg findet das richtig. Ein Student ist dagegen. Anfang März ist der zweite Schulstreik gegen Aufrüstung, Wehrpflicht und Musterung. An einer Schule gab es Verwarnungsgelder.

Seit vier Jahren führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die USA sind unkalkulierbar geworden. Die Bundeswehr soll daher wachsen. Von aktuell rund 185.000 Soldat*innen auf 260.000 im Jahr 2035. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) setzt darauf, die Truppe so attraktiv zu machen, dass die Zahl auch ohne einen Pflichtdienst erreicht wird. Klappt das nicht, könnte die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wieder eingeführt werden.

Fakt ist: Die Sicherheitslage war damals eine andere. Doch ist der Schritt dennoch vertretbar? Ja, findet der Freiburger Jugendoffizier Heiko von Ditfurth. Der 39-Jährige sagt: „Wir brauchen Personal. Ich halte es daher für legitim, dass man sich mit Institutionen auseinandersetzt, die Schutz bieten.“

Jugendoffizier: Heiko von Ditfurth schätzt den Dienst beim Militär.

Jugendoffizier: Heiko von Ditfurth schätzt den Dienst beim Militär.

Er ist seit 2005 bei der Truppe. Und er schätzt, was man dort lernt: „Was die Bundeswehr ausmacht, lernt man nicht in einem Monat: Kameradschaft, Rücksicht und gegenseitige Hilfe, mehr als nur Arbeitskollegen zu sein. Und die Fähigkeit, in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.“ In einem Kampfeinsatz war er in diesen Jahren nicht. Dafür ging es zu Nato-Übungen in der Ostsee. Als Leutnant hat er ein Minenjagdboot geführt.

Ditfurth ist nicht per se für eine Wehrpflicht: „Wir leben in unsicheren Zeiten, die Bedrohung durch Russland ist real. Ich hoffe, die freiwillige Truppe funktioniert.“ Wenn nicht, müsse man aber offen über Alternativen sprechen. Sein Wunsch: „Dass die Gesellschaft besser versteht, wie sehr Wehrhaftigkeit dazugehört – in Finnland oder dem Baltikum ist das ein Teil der Identität.“ Abschreckung müsse funktionieren. Seine größte Sorge ist, dass sie es nicht tut.

Ganz anderer Meinung ist der Freiburger Friedensaktivist und Student Jan Sander: „Ich bin gegen eine Wehrpflicht“, sagt der 26-Jährige. Sie mache keinen Sinn aus Sicht junger Menschen, die eine lebenswerte Zukunft wollen. Er hat sich mit Zahlen der Rüstungswirtschaft befasst und sagt: „Die Nato hat schon vor dem Krieg gegen die Ukraine das 14- bis 16-fache von Russland für Rüstung ausgegeben. Das hat ihn nicht verhindert.“

Friedensaktivist: Jan Sander findet Aufrüstung falsch.  

Friedensaktivist: Jan Sander findet Aufrüstung falsch.

Sander sieht im Aufrüsten eine unheilvolle Spirale: „Je mehr Geld für Waffen ausgegeben wird, desto stärker ist der Druck, diese einzusetzen.“ Das Geld müsse anderswo verwendet werden: „Wir brauchen Investitionen ins Bildungssystem, ins Sozialsystem. Wir brauchen Arbeit, die sich nicht nur für eine kleine Minderheit lohnt.“ Auch die Klimakatastrophe sei untergegangen in der Kriegsrhetorik. All das laufe eklatant dem Ziel entgegen, massive Hochrüstung zu betreiben.

Der Freiburger will auf keinen Fall kämpfen: „Ich würde lieber ins Gefängnis gehen, als auf andere zu schießen.“ Auch auswandern ist eine Option für ihn im Falle des Falles.

Mit seiner Haltung ist Sander nicht alleine. Am 5. März soll der zweite „Schulstreik gegen Aufrüs­tung und die Wehrpflicht“ steigen. Dazu ruft die Gruppe schulstreikgegenwehrpflicht_fr auf Instagram auf. Sie lädt ein, sich am Streiktag um 10 Uhr auf dem Platz der Alten Synagoge zu versammeln. Bereits im Dezember wurde so gestreikt.

Unterstützung dafür gibt’s unter anderem von der Gruppe schuelerinnengegenwehrpflichtfr. Auch sie versucht sich über Instagram zu organisieren. Laut ihres Profils kommen Mitglieder von den Freiburger Schulen Theodor-Heuss-Gymnasium, Goethe Gymnasium, Staudinger-Gesamtschule Freiburg, Walther-Rathenau-Gewerbeschule und Edith-Stein-Schule.

Über ihre Kanäle rufen sie auch zu Solidarität mit Schüler*innen des Eschbach-Gymnasiums in Stuttgart auf. Dort sind Streikende mit Strafen belegt worden, da sie gegen Aufrüstung auf der Straße waren und daher nicht im Unterricht erschienen sind. Laut der Petition „Keine Bußgelder für die Streikenden am Eschbach-Gymnasium!“ sind von ihnen „Verwarngelder in Höhe von 20 Euro“ verlangt worden.

Der Streik am 5. März soll bundesweit mobilisieren. Ein Motto dabei: „Sie sagen Wehrpflicht, wir sagen Streik!“ Die jungen Menschen protestieren, obwohl eine Wehrpflicht keine beschlossene Sache ist. Lediglich die Musterungen ab dem kommenden Jahr sind politisch entschieden.

Wer wird gemustert?

Warten auf den Musterungstermin beim Kreiswehrersatzamt

Warten auf den Musterungstermin beim Kreiswehrersatzamt

Ärztliche Voruntersuchung auf körperliche Tauglichkeit

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Messen der Körpergröße während der Musterung

Messen der Körpergröße während der Musterung

So kann ein Musterungsbescheid aussehen

So kann ein Musterungsbescheid aussehen

Seit Januar 2026 kriegen alle mit dem 18. Geburtstag einen Online-Fragebogen zugeschickt. Männer müssen ihn ausfüllen, Frauen können es tun. Wer darin Interesse bekundet und geeignet erscheint, wird zur Musterung eingeladen. Ab Juli 2027 müssen alle Männer zur Musterung. Betroffen sind die mit Geburtsjahr 2008. Die Regierung schreibt: „Auf Basis der Fragebögen und der Musterungsergebnisse kann die Bundeswehr im Verteidigungsfall auf einen Pool potenzieller Rekrutinnen und Rekruten zurückgreifen.“

Werden genügend Rekrut*innen gefunden, gibt es keine Wehrpflicht. Ist das nicht der Fall, heißt es bei der Bundeswehr: „Sollte sich die sicherheitspolitische Lage verschärfen oder sich nicht ausreichend gemäß der Zielvorgaben freiwillig melden, kann eine ‚Bedarfswehrpflicht‘ auf Antrag der Bundesregierung vom Bundestag mit einem Gesetz beschlossen werden.“

 

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