Heimlich gefilmt – Proteste und Forderungen nach Spanner-Vorfall – Uni unter Druck Kriminalität | 18.04.2026 | Till Neumann

Protestiert: Studentin Marina Rombach vom Frauenkollektiv Freiburg Protestiert: Studentin Marina Rombach vom Frauenkollektiv Freiburg

Mehr als 800 Frauen hat Christian F. (Name geändert) in intimen Situationen heimlich gefilmt. Der Angestellte der Uni Freiburg ist im März verurteilt worden: Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung gab es vom Amtsgericht. Aktivist·innen wie Marina Rombach vom Frauenkollektiv Freiburg (FK) sind empört. Sie werfen der Unileitung fehlende Hilfe vor. Diese hat nun einen Aktionsplan vorgestellt.

Eine versteckte Kamera im Badezimmer. In der 7er-WG lebten ausschließlich junge Studentinnen. So wollte es Vermieter Christian F. Im Mietvertrag hatte er sich regelmäßigen Zugang zur Wohnung gesichert, um Speicherkarten zu tauschen. 2024 entdeckte eine Studentin die Kamera. Die Polizei stellte seine Videos sicher und ermittelte 70 betroffene Mieterinnen von 2019 bis 2024. Ältere Fälle sind verjährt.

Zudem stellte die Polizei bei Sichtung tausender Aufnahmen fest, dass F. auch an der Uni Frauen gefilmt hatte. Tätig war er im Service Center. Drei Kolleginnen filmte er auch auf Dienstreise im Airbnb. Vor Gericht begründete er die Taten mit „Sexsucht“. Mehr als 803 Betroffene sind ausgemacht. 30 Frauen hat er bislang je 3500 Euro Schmerzensgeld gezahlt.

Für Studierende wie Marina Rombach (21) ist der Fall schlimm: „Patriarchale Übergriffe sind keine Einzelfälle. Aber Staat und Justitz handeln ganz bewusst nicht.“ Die Mathematik-Studentin ist Sprecherin des Frauenkollektivs Freiburg (FK) und hat zwei Demos zum Fall mitorganisiert. Sie ist sicher: „Kaum eine Frau hat keine Übergriffe erlebt.“ Doch statt Betroffene ernst zu nehmen, würden Steine in den Weg gelegt und Täter geschützt.

Zum Urteil auf Bewährung – die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt – sagt Rombach: „Es sendet eine klare Botschaft: Täter können machen, was sie wollen.“ Ihr Kollektiv hat die Petition „Patriarchale Gewalt bekämpfen“ gestartet. Darin enthalten sind Forderungen an die Uni Freiburg.

Das FK fordert unter anderem eine externe Aufklärung der Maßnahmen zur Unterstützung Betroffener. Außerdem die Einrichtung einer Anlaufstelle für Betroffene. Zudem möchte das FK, dass die Uni Selbstkritik übt und ein Statement abgibt „zur Unfähigkeit des Staates, Betroffene zu schützen“.

Vorgeworfen wird der Uni insbesondere, sich nicht ausreichend um Betroffene gekümmert zu haben. Dazu Sprecher Bastian Strauch auf chilli-Anfrage: „Die Kolleginnen haben zum Ausdruck gebracht, dass sie in einer extrem belastenden Situation nicht die Unterstützung und Verlässlichkeit erfahren haben, die sie sich gewünscht hatten. Das bedauern wir sehr.“

Die Uni hat eine Website zum Fall eingerichtet. Sie zeigt sich „entsetzt über die Taten und verurteilt sie aufs Schärfste“. Dem chilli teilt Strauch mit, dass die Uni im Februar 2024 von der Polizei vom Fall erfahren habe. Sie habe dem Mitarbeiter fristlos gekündigt und „Räume verstärkt auf versteckte Kameras kontrolliert“. Ohne Treffer.

2025 hätten Angestellte sie informiert, bei einer Dienstreise gefilmt worden zu sein. Das ganze Ausmaß sei erst bei der Gerichtsverhandlung 2026 klar geworden. Darunter auch, dass er zudem in „Sanitärräumen der Universität und in Beratungssituationen“ gefilmt habe.

Zum Vorwurf, zu spät zu kommunizieren, sagt Strauch: „Bis zur Gerichtsverhandlung war es der Universität aus datenschutzrechtlichen Gründen weder intern noch extern möglich, so über den Fall zu informieren, wie sie es sich gewünscht hätte.“ Die Beschäftigten im direkten Umfeld des Täters seien zuvor im rechtlich zulässigen Rahmen über den Fall informiert worden.

Am 2. April hat die Uni den Aktionsplan „Gegen sexualisierte Gewalt – für einen sicheren Campus“ vorgestellt. Er ist online und umfasst fünf Punkte: Unter anderem sollen Betroffene Unterstützung bekommen, mehr Sicherheit gewährleistet und zum Thema sensibilisert werden. Zurzeit kontrolliere ein Uniteam verstärkt Sanitärräume. Ab Mai soll das ein externer Dienstleister übernehmen.

Aktivistin Marina Rombach findet: „Damit ist die Arbeit nicht getan.“ Das Frauenkollektiv plant daher weitere Aktionen und Vernetzungstreffen, die für alle offen sind. 

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