Rotlicht, E-Bike, Bußgeld – Auf Streife mit Freiburgs Fahrradcops Kriminalität | 26.07.2025 | David Pister
Leitet die Fahrradgruppe: Corinna Ruh
Seit Mai patrouillieren Polizistinnen und Polizisten auf E-Bikes durch Freiburg. Mit Helm, kurzer Hose und scharfen Augen. Die Fahrradgruppe der Polizei will den Radverkehr sicherer machen – durch Kontrollen und Prävention.
Ein entgegenkommender Rennradfahrer zieht scharf die Luft ein, formt mit den Lippen den Vokal „U“, schaut zuerst ertappt, dann unschuldig, und klickt seinen Helmverschluss zu. Andere wirken belustigt, ungläubig, lächeln. Aus einer Kindergartengruppe ruft es: „Polizei-Fahrrad!“ Gemischte Reaktionen. Klar ist: Polizistinnen und Polizisten auf E-Bikes, mit Helmen und in kurzen Hosen – das fällt auf.
Der Tag beginnt im Polizeirevier Freiburg-Süd: Corinna Ruh, Leiterin der Fahrradgruppe, brieft ihr Team. Es gibt Lob für eine gemeinsame Kontrollstelle mit einer Fußstreife und dem Gemeindevollzugsdienst an der Kaiser-Joseph-Straße – und einen Überblick über die Unfalllage.
Genau darum geht es bei dem Pilotprojekt, das bis Oktober laufen soll: weniger Verkehrsunfälle. Das Motto: kontrollieren, aufklären, vorbeugen. Der Fokus liegt auf dem Radverkehr, doch auch E-Scooter und Autos, die Radler behindern oder gefährden, hat die Gruppe im Blick. Die vergangene Woche verlief ruhig: keine schweren Unfälle, sechs mit mindestens einem beteiligten Radfahrenden.
»Das Ziel: weniger Unfälle«
Neben Dienstwaffe und Funkgerät gehören zur Ausrüstung auch ein neongelbes Funktionsshirt, Fahrradflasche und Scheibenbremsen. Kaum sitzen die Fahrradcops im Sattel, taucht schon der erste Verkehrssünder auf: Keine 500 Meter vom Polizeirevier fährt ein Mann mit einem Kind im Fahrradanhänger auf dem Gehweg. Und das auch noch auf der falschen Straßenseite. Für ihn bleibt es bei einer mündlichen Ermahnung. Bei anderen wird Corinna Ruh heute das kontaktlose Kartenlesegerät zücken. Ob kassiert wird, hängt davon ab, wie schwer der Verstoß wiegt. 15 Euro sind dann fällig. Einer der Erwischten wünscht der Beamtin – wohl eher ironisch –, dass sie an diesem heißen Tag keinen Hitzschlag bekomme.

Im Einsatz: Die Fahrradstreife vor der UB.
Nachdem noch ein weiterer Verkehrsteilnehmer mündlich ermahnt wurde, richten die vier Beamtinnen und Beamten die erste Kontrollstelle ein. Ecke Stefan-Meier- und Albertstraße. Nadine Herr und Andreas Landerer bilden den Vorposten. Sie beobachten die Ampel. Fährt jemand über Rot, geben die beiden das per Funk an Corinna Ruh und ihren Kollegen weiter, die sich hinter einer Hecke verstecken.
Es dauert nicht lang. Rotlichtverstoß, zehn Sekunden, Zugriff. Ruh und ihr Kollege schwingen sich auf die Räder und nehmen die Verfolgung auf. Der elektronische Hilfsantrieb ihrer Pedelecs unterstützt bis 25 Stundenkilometer – dann zählt der Oberschenkel. Die Spitzengeschwindigkeit der Beamtinnen und Beamten ist unterschiedlich, teilt Pressesprecher Michael Schorr mit. Wie viel genau, bleibt wohl ein Geheimnis. Für den Rotlichtsünder reicht‘s. Die beiden kehren zurück. Erwischt? Lächeln. Ist die Ampel unter eine Sekunde rot, kostet das 60 Euro und einen Punkt in Flensburg. Zählen die Vorposten mehr als eine Sekunde, sind 100 Euro fällig.
»Viele sind einsichtig«
„Wir bekommen überwiegend positive Rückmeldung. Die meisten Radfahrer sind nach der Kontrolle einsichtig“, sagt Ruh. Der Mann mit Sonnenbrille, offenem Hemd und Goldkettchen, der sein Rad auf dem Gehweg an der Habsburgerstraße fährt, gehört nicht dazu: „Mein Gott! Noch nie hab ich das gemacht. Das ist das erste Mal“, zetert er. 40 Jahre sei er unfallfrei und ausgerechnet ihn müssten sie jetzt erwischen. Ellen Müller dagegen ist die personifizierte Einsicht. „Wunderbar“, findet sie die Fahrradkontrollen. Es gebe zwar zu viele Autos, aber auch Radfahrer würden „doof in der Gegend rumfahren, die Dinger sind auch viel zu schnell“, sagt sie und zeigt auf ihr E-Bike.
Eigentlich geht’s um den Radverkehr – doch dem geschulten Polizeiblick entgeht nichts: „Stopp. TÜV-Verstoß“, heißt es da auf der Berta-Ottenstein-Straße im Freiburger Norden plötzlich. Ein rostiger, in die Jahre gekommener Anhänger steht auf einem Parkplatz, die Hauptuntersuchung ist seit vergangenem August überfällig.

Ellen Müller ist nach ihrem Verstoß einsichtig.
Auch Fahrradgruppenleiterin Ruh ist ständig wachsam: In jedes Auto, in jeden Lkw schaut sie hinein, überprüft, ob die Insassen auch angeschnallt sind: „Berufskrankheit.“ Vorher war Ruh bei der Autobahnpolizei. Die gesamte sechsköpfige Fahrradgruppe ist von der Verkehrspolizeiinspektion Freiburg. Die Beamtinnen und Beamten haben sich freiwillig gemeldet. „Die Meldungen zur Fahrradgruppe waren insgesamt überschaubar“, sagt Pressesprecher Schorr. Nach der Testphase wird evaluiert, ob die Gruppe dauerhaft zum Einsatz kommt.
Genügend Unfälle mit Fahrrädern gibt es allemal: 752 allein im vergangenen Jahr – mehr als zwei am Tag. An manchen Ecken kracht es besonders häufig: Breisacher Straße / Hohenzollernstraße, Eschholzstraße / Ferdinand-Weiß-Straße oder Lehener Straße / FR2. Von 7 bis 19 Uhr sind die Fahrradstreifen in Kleingruppen unterwegs – dann wurden die meisten Unfälle und das höchste Verkehrsaufkommen registriert.
Zur Aufgabe der Fahrradgruppe gehört auch, Präsenz zu zeigen. In Parkanlagen wie dem Seepark zum Beispiel. Autos kommen hier nur schwer hin. „Wir wollen erreichbar und ansprechbar sein. Die Menschen haben so die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen“, erklärt Andreas Landerer. Und tatsächlich: Die Beamtinnen und Beamten stehen keine zwei Minuten, da werden sie angesprochen. Eine Anwohnerin klagt ihr Leid über falsch parkende Autos – ein Gassigänger fragt, ob es stimme, dass bald der TÜV für Fahrräder eingeführt werde.
Der häufigste Verstoß heute: die Gehwegradler. Danach kommen Rotlichtverstöße. Für ein Handy am Ohr musste ein Fahrradfahrer 45 Euro blechen. Einige Autofahrer wurden ermahnt, nicht auf dem Fahrradweg zu stehen. Auf einem E-Scooter darf maximal eine Person fahren, und manche brauchen ein Nummernschild. Das wussten wohl auch nicht alle.

Polizist Andreas Landerer ermahnt einen Autofahrer in der Innenstadt.
„Wir begegnen Radfahrern auf Augenhöhe. Die Radgruppe ist ein Mehrwert für die Polizei. Wir sind flexibler, können uns Dingen widmen, für die die Autostreife keine Zeit hat, und wir senden das Signal, dass der Radverkehr immer wichtiger wird“, sagt Corinna Ruh.
Eine letzte Kontrollstelle vor der Mittagspause: Zwischen Universitätsbibliothek und dem Platz der Alten Synagoge. Ein Fahrraddiebstahl-Hotspot und viele Autos, die unerlaubterweise Richtung Stadttheater fahren. In einem lokalen Fahrradchat wird sofort Alarm geschlagen: „PDAS Fahrraddullen“, schreibt einer. Hier gibt es regelmäßige Updates, wo sich die „Radcops“, „Policia“ oder die „Cyclotroopa“ gerade aufhalten. Wer weiß, wie viele Rotlichtsünder ihnen sonst noch ins Netz gegangen wären – wenn nicht jemand vor dem „motorisierten Schrecken“ gewarnt hätte.











