S’erscht Wort uff de Zung – Welttag der Muttersprache Kunst & Kultur | 21.02.2026 | Erika Weisser, Stefan Pflaum

Comedian Cossu alias Lukas Staier Das Alemannische ist seine Muttersprache, Dialekt bedeutet für ihn Zugehörigkeit: der Comedian Cossu alias Lukas Staier aus dem Kinzigtal

Seit 25 Jahren ist der 21. Februar der Internationale Tag der Muttersprache. Er wurde von der UNESCO „zur Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“ ausgerufen. Damit soll auch auf die vielen vom Aussterben bedrohten ­Sprachen aufmerksam gemacht werden. Und darauf, wie dies zu ­verhindern ist.

Als der aus Sélestat stammende Schriftsteller Pierre Kretz im Juni 2024 in Hausen im Wiesental den Johann-Peter-Hebel-Preis erhielt, bedankte er sich dafür ganz selbstverständlich auf Elsässisch. Und die anwesenden Schweizer, Badener und sogar Schwaben verstanden ihn auf Anhieb. In seiner Rede brachte der inzwischen 75-Jährige nicht nur seine „immansi Freijd“ über diese „gànz bsunderi“ Auszeichnung zum Ausdruck, sondern auch seine Sorge, „àss d’Sproch, wo-n-am s’erscht Wort uff d’Zung leijt“ in einer der nächsten Generationen verschwinden könnte. Dabei, hob er hervor, sei gerade das Elsässisch als über Generationen gesprochene Muttersprache Heimat und Brücke zugleich: Es stärke die regionale und kulturelle Identität, überwinde die deutsch-­romanische Sprachgrenze und eröffne seinen Sprechern sogar die Möglichkeit zur Dreisprachigkeit: Wer im Alltag neben dem Französischen auch das Elsässische pflege, finde sich viel schneller im Standarddeutschen zurecht als ein „nur-französisch-Sprecher“. Folgerichtig ist sein jüngstes, 2025 im Verlag La Nuée Bleue erschienenes Buch zweisprachig: „Le vieux, la méchante et les autres; D’r àlt, d’bees Frau un àlli àndera“ lautet der Titel. Er hat es auf Elsässisch verfasst und selbst ins Französische übersetzt.

Pierre Kretz

Für Pierre Kretz ist das Elsässische Heimat und Brücke zugleich.

Vom Verschwinden bedroht: Dialekte

Nach den Erkenntnissen von ZEIT-Wissen-Redakteur Arnfrid Schenk (der in Freiburg studierte) und Professor Stefan Schnell (der am Zürcher Institut für vergleichende Sprachwissenschaft forscht), werden weltweit 7000 Sprachen gesprochen. „Noch“, schreiben sie in ihrem „Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen“: Nach Schätzungen der UNESCO sei mindestens die Hälfte davon gefährdet, „und zwar so sehr, dass sie schon bis zum Ende dieses Jahrhunderts endgültig verstummt sein könnten“. Weniger pessimistische Studien, schreiben sie weiter, gingen zwar „nur“ von 1500 verschwindenden Sprachen aus, doch ohne entsprechende Gegensteuerung könne sich ihr Sterben beschleunigen. Das gelte besonders für Sprachen, die als Dialekte größerer Sprachfamilien immer weniger Sprecher hätten und gegebenenfalls auch von keinem Schriftsystem erfasst seien. 50 dieser Sprachen dokumentieren sie in ihrem Buch. Das Elsässische ist nicht darunter.

In Deutschland zählen sie lediglich die verschiedenen Variationen des Nordfriesischen und des Plattdeutschen sowie das Niedersorbische dazu, in Frankreich das Baskische und in der Schweiz das Rätoromanische. Offenbar sind die diversen alemannischen Dialekte noch ziemlich lebendig – so mancher Leser des Lust auf REGIO wird das aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Schweiz mit ihren im Alltag selbstverständlich gesprochenen – und gut dokumentierten – unterschiedlichen Alemannisch-Varianten wird dabei gar als beispielhaft hervorgehoben. Und obwohl in Südbaden schon längst nicht mehr jeder sagen kann, dass „die erste erlernte Fremdsprache das Hochdeutsche“ sei, ist das Alemannische hier auch bei jungen Menschen präsent, wie etwa das Beispiel des im Kinzigtal aufgewachsenen Comedians Cossu alias Lukas Staier zeigt. Wie Pierre Kretz spricht auch der 36-Jährige von Heimat, Vertrauen und Zugehörigkeit, die bei ihm mit dem Dialekt verbunden seien. 

Das Elsässische wird aufgewertet & gefördert

Es ist also wichtig, Muttersprache, Dialekt oder Mundart – wie auch immer man es nennt – aktiv zu sprechen. Und das passiert derzeit offenbar auch wieder mit dem Elsässischen: In speziellen Grundschulprogrammen wird es gefördert, Schreib- und Theaterworkshops werden angeboten, die Namen von Straßen und öffentlichen Plätzen zweisprachig ausgeschildert. Die Möglichkeiten der von der ­UNESCO angestrebten regionalen Mehrsprachigkeit werden neu entdeckt; Entwarnung ist also möglicherweise angesagt.

Buchtipp

Jo allewäg!

Die ganze Freude an der Mundart

Karl-Heinz Debacher, der promovierte Historiker und pensionierte Rektor aus Rust, legt sein zweites Büchlein in alemannischer Sprache vor: In  Jo allewäg! ist auf jeder Seite zu spüren, wie viel Freude ihm die Mundart selbst und die damit verbundenen Geschichten aus seinem Dorf bereiten. 80 Titel zeugen von der Vielfalt des Erlebten, Beobachteten, darunter „Ein Freund, ein guter Freund“ (meine Lieblingsgeschichte) oder die köstliche Rektor-Schüler–Geschichte mit dem Titel „Zeugen“. Wie viel Humor in allem! Menschliches Verhalten im Alltag, Charaktere, menschliche Käuze, Auffälligkeiten, Eigenheiten, durch mundartliche Übernamen festgehalten. Festgehalten werden auch Vergangenheit, Erziehung, Kirche, Familie, Verwandtschaft, Traditionen wie zum Beispiel in „Üsgschdorweni Kunscht“ das Schicken mit Kautabak.

Besonders gelungen sind die Kurzgedichte mit Lebensweisheiten, Nachdenklichem und Sprachspielereien. Sie unterstreichen die Lust an der Mundart. Karl-Heinz Debacher hat es geschafft, Ruster Lebenszeiten und Lebensformen auf unterhaltsamste Weise in der eigenen Mundart zu überliefern.

Das verdient Dank und Gratulation! 

Jo allewäg! Buch


von Karl-Heinz Debacher
Verlag:
Ebubli, 2025
100 Seiten, gebunden
Preis: 19,80 €

Fotos: © Markus Schwer, Jean Louis Hess