Literarische Innenansichten – Seit 25 Jahren treffen sich Literaturbegeisterte regelmäßig zum lesewütigen Kaffeekränzchen 4Literatur & Kolumnen | 05.05.2026 | Erika Weisser
Sie treffen sich immer am zweiten Donnerstag eines Monats um Punkt 16 Uhr und unterhalten sich eine Stunde lang über Bücher. Seit 25 Jahren. Hinter verschlossenen Türen, doch mit großer Reichweite: Was sich die vier Literaturfans bei ihren „Lesewütigen Kaffeekränzchen“ zu sagen haben, ist in ganz Freiburg zu hören. Und darüber hinaus, per Livesendung: Der runde Tisch, um den sie sitzen, steht im Gruppenraum von Radio Dreyeckland – unter einem großen Mikrofon.
Es sind immer drei Rezensent·innen und eine Moderator·in, die eine Sendung gestalten und dabei drei ausgesuchte belletristische Werke vorstellen, die mit einem zuvor vereinbarten Thema zu tun haben. Derzeit, erzählt Birgit Huber, seien 12 Menschen unterschiedlichen Alters, Berufs und Geschlechts mit von der Partie, und das Kaffeekränzchen ist offen für Neue. Mitmachen könnten alle, die gern lesen und sich aktuellen gesellschaftspolitischen Themen über deren fiktionale Bearbeitung annähern wollen.
Denn genau darum geht es den „Lesewütigen“, die sich überwiegend dem unorthodoxen, antiautoritären linken Spektrum zuordnen: Sie bringen Themen ein, die sie beschäftigen – oder die sich manchmal auch aufdrängen – und finden die passenden Romane dazu. Wobei es nicht unbedingt Neuerscheinungen sein müssen. Anhand der Sicht der Autoren auf das jeweilige Thema erschließt sich ihnen dieses dann ganz anders als im Alltag, nämlich „von innen“.
Das Konzept hat sich bewährt; die ziemlich lebhaften Sendungen laufen bis heute nach dieser Struktur. So war und ist es möglich, Themen wie Gesundheit, Verwandtschaften, Klassengesellschaft, Krieg, Frieden, Klima, Flucht, Internationales und vieles mehr unter verschiedenen Gesichtspunkten und in allen Facetten zu beleuchten. Das sei eine große persönliche Bereicherung, sagt Huber, und mache immer sehr viel Spaß. Selbst wenn es gar keinen Kaffee gibt beim Kaffeekränzchen: Auch nach all den Jahren auf Sendung „sind wir vorher immer so aufgeregt, dass wir lieber Kräutertee trinken“, lacht sie.
Sie ist eine der Initiatorinnen des literarischen Zirkels, der weit mehr ist als eine Wohnzimmer- oder Küchenplauderei. Auch wenn 2001 alles genau so anfing: In ihrer damaligen Frauen-WG auf dem Grether-Gelände wurde viel gelesen und diskutiert, und irgendwann hätten sie und ihre Mitbewohnerinnen die Gespräche von der WG-Küche in den Senderaum von RDL verlegt. Zum ehemaligen Piratensender, der seit 1988 legal als Freies Radio funktioniert, mussten sie ja nur über den Hof, außerdem arbeitete Huber bereits seit geraumer Zeit dort. Das tut sie immer noch. Und bei den Sendungen ist sie für die Online-Stellung zuständig, für den Kontakt zu Verlagen – und oft auch für die Inhalte. Wie bei der April-Sendung zu Algerien, wo sie den Roman „Rue Darwin“ des jüngst aus der Haft entlassenen Schriftstellers Boualem Sansal vorstellte.
Info
rdl.de/sendung/das-lesewütige-kaffeekränzchen
Nächste Sendung: 14. Mai
Thema: Psychische Krankheit
Foto: © iStock/demaerre










