Meine Sorgen: Kann das weg? Gesellschaft | 01.01.2026 | Lars Bargmann
Meine Frau kommt in mein Arbeitszimmer. „Seit elf Jahren habe ich nicht in die Kiste geguckt“ und hält mir den Schuhkarton hin. Elf Jahre lang habe sie das nicht vermisst und wird damit nicht umziehen. Ja, wir ziehen um. Und sind so peu à peu am Packen. Ich öffne den Karton – Audiokassetten. Von TDK oder Maxwell. Die Älteren erinnern sich.
Mein erster Gedanke: Brauche ich nicht mehr. Dann fange ich an, sie einzeln aus dem pickepackevollen Karton zu stehlen, die ersten staple ich schnell auf den Kann-sicher-weg-Haufen. Dann lese ich auf einem Booklet-Rücken (hieß das wirklich so?): Wolokolamsker Chaussee I–V. Heiner Müller. Sicher eins der besten Hörspiele der Bundesrepublik.
Plötzlich bin ich 40 Jahre zurück, damals in Hamburg, wir haben die Chaussee stundenlang zusammen gehört. Später studierte ich in Freiburg und kam wieder zu Heiner Müller, dem brillanten Dramatiker. Kann ich so einen Mitschnitt wegwerfen? Es gibt also einen zweiten Stapel, rechts von mir, nennen wir Davon-kann-ich-mich-unmöglich-trennen-Stapel. Und wühle weiter im Karton.
Sisters of Mery Live Lyceum 25.3.85. Nach rechts. Blumfeld Ich-Maschine. Rechts. Philip Boa live. Auf einer steht „Medicine against boring times“. BAP Live – 82-83. Am Ende der Zeitreise stehen zwei etwa gleich hohe Stapel neben mir. Endlich kann ich weiterarbeiten. Mittlerweile schreibe ich diese Kolumne. Da kommt meine Frau rein – und hält mir einen Schuhkarton hin.









