VR gegen Phobie – Studie: Wie Virtuelle Realität gegen Angststörungen hilft Gesundheit | 26.08.2026 | Till Neumann
Angst vor Menschenmengen, Angst vor fremden Blicken. Soziale Phobie trifft viele: 7 bis 16 Prozent der Deutschen haben damit schon zu kämpfen gehabt. Wie kann Virtuelle Realität bei der Behandlung helfen? Das will ein Team der Freiburger Uniklinik herausfinden. chilli-Redakteur Till Neumann hat eine VR-Brille aufgezogen und es ausprobiert.
Ich stehe in einem Zimmer der Uniklinik. Doch die VR-Brille beamt mich in eine Hotellobby. Edles Design, schicke Couch, schlichtes Gemälde. Ich laufe zur Tür, gehe nach draußen. Vor dem Hotel wird’s seltsam: Sobald ich den Platz betrete, starren mich rund zehn Personen an.
Auch ohne Soziale Phobie beschleicht mich etwas Beklemmung. Stimmt was nicht?
Neben mir stehen die Psychologinnen Luisa Sillmann und Wiebke Münkel. Die Doktorandinnen begleiten mich beim VR-Experiment – wie sie es auch mit den Teilnehmenden der Studie tun. Am Computer sehen sie, was ich durch die Brille sehe. Das Szenario können sie anpassen: Wie viele Menschen sind auf dem Vorplatz? Wie intensiv schauen sie mich an? Wie barsch reagiert eine Frau, die ich nach dem Weg frage?
Expositionsverfahren nennt sich die Therapieform. Also die Konfrontation mit Situationen, die Patient·innen Angst machen. „Das Verfahren ist gängig, um Ängste aller Art zu behandeln„, erklärt Sillmann. Auch bei Sozialer Phobie. In der Regel geschieht das in der realen Welt. Immer häufiger aber auch mit VR-Technologie.

Erstaunlich real: Luisa Sillmann (links) und Wiebke Münkel zeigen die VR-Technik.
Der Vorteil: „Die Vorstellung, die Therapie mit VR zu machen, ist für viele niedrigschwelliger„, erklärt Münkel. Mehr Motivation, weniger Hemmung, so beschreiben sie die Reaktion einiger Patient·innen. Zudem lassen sich Parameter anpassen – anders als in der echten Welt. Und Therapeut·innen können Zeit sparen: Statt den angstauslösenden Ort in der Stadt suchen zu müssen, kann er im Büro nebenan dargestellt werden.Und wenn mal 20 Zuhörer·innen für ein Präsentations-Training nötig sind, werden sie einfach digital generiert.
Ein weiteres Plus: Für die Forschung braucht die Wissenschaft Vergleichbarkeit. „Deshalb durchlaufen alle das gleiche Setting„, erklärt Sillmann. Die VR-Technik sei zwar nicht neu, aber vieles sei noch ungeklärt. Die Studie möchte herausfinden: Was genau wirkt bei wem? Gibt es Personengruppen, die eher darauf ansprechen als andere? Und warum?
Über mehrere Jahre geht die Studie. Menschen mit Sozialer Phobie durchlaufen im Rahmen der Therapie sechs verschiedene VR-Szenarien, gesunde Kontrollpersonen in der Begleitstudie drei Szenarien. „Ich bin überrascht, wie real sich das anfühlt, mit VR in die soziale Interaktion zu gehen„, sagt Sillmann. Vier Monate geht die Untersuchung für Teilnehmende. Freiwillige, die mitmachen, werden noch dringend gesucht.
Die Hoffnung: Wenn VR als Therapieform zum Einsatz kommt, kann sie Patient·innen schneller helfen, gesund zu werden. Und Therapeut·innen ermöglichen, mehr Patient·innen zu behandeln. Wie Sillmann sagt: „Die wenigsten Praxen haben jetzt mal eben 20 Menschen an der Hand, vor denen man eine Präsentation halten kann.„
Ich laufe nun weiter auf dem Vorplatz. Polizist·innen kommen mir entgegen: „Personenkontrolle, Ihren Namen bitte.„ Die anderen starren mich weiter an. Ganz schön fordernd, diese VR-Welt.









