Sprechen mit dem Hirn – Freiburger Implantat hilft Schlaganfall-Patienten Gesundheit | 18.07.2026 | Till Neumann
„Meilensteine“: Martin Schüttler mit dem 3D-Modell eines Kopfs des ersten Schlaganfall-Patienten, dem seine Firma geholfen hat.
Es klingt wie Science Fiction: Die Freiburger Firma Cortec hat ein Hirnimplantat entwickelt, das Patienten bei der Schlaganfall-Reha unterstützt. Es kommuniziert mit dem Gehirn, hilft ihm beim Lernen. Ein Patient konnte sogar ein Videospiel per Gedanken steuern.
Seit 2010 gibt es Cortec. Im Juli 2025 der erste große Sprung: Ein Team der University of Washington in Seattle setzte einem Schlaganfall-Patienten erstmals das Cortec-Implantat ein. Live dabei war Martin Schüttler, Cortec-Mitgründer aus Freiburg. Für ihn „ein sehr emotionaler Moment“. Viele Jahre hat er mit seinem Team an der Technik gearbeitet. Sie soll Infos „aus dem Gehirn auslesen, aber auch hineinschreiben“. Kurz: Listen and talk.
Rund ein Jahr später sitzt er in seinem Büro an der Messe Freiburg – vor ihm ein 3D-Modell des Schädels des ersten Patienten. Dazu ein Modell der implantieren Kontaktmatte. Mittlerweile haben drei Schlaganfall-Patienten ihr Implantat bekommen und Schüttler sagt: „Bei allen hat das sehr gut angeschlagen.“ Sie haben bei der Reha Fortschritte gemacht, können nun Arme oder Hände besser bewegen als vorher.
Sechs Wochen geht die Reha mit Implantat-Support, zwei Stunden täglich, fünf Tage die Woche. Nötig dafür ist eine Operation am offenen Gehirn: „Die Kontaktmatten werden auf das Hirn gelegt“, erklärt Schüttler. Sichtbar ist nach dem Eingriff nichts mehr.
Während der Therapie wird ein Transmitter per Magnet am Kopf gehalten. Er versorgt das Implantat mit Energie, es kommuniziert mit einem Computer. So kann man steuern, wie es das Gehirn stimuliert. „Die Stimulation sorgt dafür, dass das Hirn lernfähiger ist, wir helfen ihm, sich neu zu verdrahten“, erklärt Schüttler. Die Physiotherapie schlage so besser an.

Eine spannende Frage: Verschwinden die Fortschritte danach wieder? Erste Erkenntnisse widerlegen das: „Es scheint, dass der Effekt konstant bleibt“, sagt Schüttler. Für ihn ist das „eine große Erfolgsgeschichte“. Zumal ein Patient sogar das Videospiel Pong spielen konnte. Nur per Gedankensteuerung. Das hätten zwar auch schon andere hinbekommen, jedoch nicht als Schlaganfallpatient. „Das hat noch keiner gemacht“, betont Schüttler.
Nun soll die Technik weiter erforscht werden. Ist auch ein Smartphone steuerbar? Wie funktioniert die Anwendung bei Depressionen? Schüttler ist optimistisch, dass weitere Erfolge folgen. Er weiß aber auch um die Risiken: „Das ist eine total mächtige Technologie.“ Zum einen, weil sie verwendet werden könnte, um Menschen zu beeinflussen oder zu optimieren. Zum anderen, weil der Datenschutz gewährleistet sein muss. Wer an der Studie beteiligt ist, muss daher den Nachweis von Vertrauenswürdigkeit erbringen.
Schüttler betont: „Das ist eine Technologie, die Patienten hilft, aus miserablen Lagen herauszufinden.“ Im Rahmen der klinischen Studie ließen sich Risiken und ethische Aspekte noch gut direkt kontrollieren. Sein Hauptziel derzeit: Fundraising für die nächsten Forschungsprojekte. Bis zum fertigen Produkt könnten noch fünf bis zehn Jahre vergehen. Ein möglicher Kooperationspartner auf dem Weg bis dahin ist um die Ecke: die Uniklinik Freiburg.









