Heißzeit – Der Freiburger Rekordsommer und die Folgen Natur & Umwelt | 20.08.2026 | Till Neumann

Ausgetrocknet: die Dreisam bei March Ausgetrocknet: die Dreisam bei March

So heiß wie dieser Sommer war noch keiner in Freiburg. Vielerorts herrschen erschreckende Zustände. Eindrücke von Hotspots der Stadt aus der neuen Heißzeit.

Wer durch Freiburg radelt, sieht ausgebrannte Wiesen. Bäume kämpfen ums Überleben: Im Botanischen Garten sterben sie. Es fehlt Wasser. Wie auch in der Dreisam: Der Pegel ist so niedrig, dass Tiere leiden. Seit dem 7. August gibt es ein Betretungsverbot zwischen Oberaubrücke und der Leo-Wohleb-Brücke.

Die IG Dreisam schlägt schon länger Alarm: „Die Hitze und die ausbleibenden Niederschläge setzen der Dreisam massiv zu“, sagt Vorstand Timo Heimann. „Niedrige Wasserstände und Wassertemperaturen von stellenweise über 30 Grad bringen zahlreiche Fischarten an ihre Belastungsgrenze.“ Bereits jetzt seien Fischverluste zu beobachten.

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Bach im Dietenbachpark.

Der Bach im Dietenbachpark.

Besonders kritisch ist es in den revitalisierten Abschnitten bei der Brauerei Ganter, Hugstetten-March und Nimburg. Dort gibt es tiefere Gewässerbereiche, die Fischen bei extremer Hitze als überlebenswichtige Rückzugsräume dienen. Das ginge aber nur, wenn sie möglichst störungsfrei bleiben. Heimann: „Der intensive Badebetrieb in diesen Bereichen führt zu erheblichem Stress für die Fische.“ Schon wenige Wochen Rücksicht könnten dazu beitragen, dass wertvolle Fischbestände diese extreme Wetterphase überstehen.

Alarm schlägt auch der Nabu Freiburg. Ein Problem: „Panik und Hitzetod bei Gebäudebrütern“, erklärt Vorsitzender Ralf Schmidt. Besonders dramatisch sei die Lage für Dach- und Gebäudebrüter wie Mauersegler, Mehlschwalben und Haussperlinge. Schmidt: „Unter ungedämmten Dächern, dunklen Ziegeln und in Fassadennischen steigen die Temperaturen auf 50 bis 60 Grad.“ Die Dachräume würden zu tödlichen Hitzefallen. „Jungvögel erleiden Hitzeschocks und stürzen auf der Suche nach Abkühlung in Panik aus den Nestern in die Tiefe“, erklärt der Experte.

Schmidt kennt viele Problemfelder: Fische und Krebse würden durch fehlendes Wasser in isolierte Gumpen gedrängt. „Dort ersticken sie häufig oder werden zur leichten Beute für Fressfeinde.“ Wasserinsekten sterben und fehlen Vögeln und Fledermäusen als Nahrung. Oder die Larven von Amphibien vertrocknen, „Amphibien-Katastrophe“, nennt das Schmidt. Als Akutmaßnahmen rät er, Vogel- und Insektentränken aufzustellen oder schattige Ecken im Garten zu schaffen. Der Erhalt von Altbäumen müsse bei Bauvorhaben oberste Priorität haben. „Sie sind die besten natürlichen Klimaanlagen einer Stadt“, so Schmidt.

Auch Menschen haben zu kämpfen. Beispielsweise in Schulen und Kitas. Unterricht und Betreuung bei weit über 30 Grad war zuletzt keine Seltenheit. „Ich sitze hier gerade bei 35,3 Grad im Büro“, schreibt ein Freiburger Lehrer auf ­chilli-Anfrage. Schon um 8 Uhr habe es über 30 Grad. Das Gebäude sei bestens isoliert und schwer kühl zu bekommen. „Wenn es draußen deutlich über 30 Grad hat, ist produktives Arbeiten leider nicht mehr möglich“, so der Pädagoge.

Die Hitzeschlacht hat auch der Gesamtelternbeirat (GEB) Freiburger Schulen begleitet. Nicht überall war es gleich schlimm, berichtet Vorstand Thorsten Andrich: „Während manche Einrichtungen über wirksame Belüftung, Grünflächen oder kühlere Räume verfügen, stoßen andere bei hohen Temperaturen sehr schnell an ihre Grenzen.“ Erfolgreiche Maßnahmen seien Verschattungen, die Nutzung kühlerer Räume oder angepasste Stundenpläne gewesen. Das könne die Situation kurzfristig entschärfen, ersetze aber keine langfristige Strategie. „Das Thema wird sich in den nächsten Jahren verschärfen“, betont Andrich.

Aus seiner Sicht wird das Hitzeproblem inzwischen grundsätzlich ernst genommen bei Schulträgern. Doch Andrich sagt: „Die bislang umgesetzten Maßnahmen reichen nicht aus, um den Herausforderungen zunehmender Hitzewellen nachhaltig zu begegnen.“ Es brauche einen verbindlichen und systematischen Hitzeschutz für alle Schulen. „Ein erster wichtiger Schritt wäre, die Temperaturen in den Unterrichtsräumen systematisch zu erfassen.“ Nur auf Grundlage belastbarer Daten könnten Maßnahmen priorisiert und umgesetzt werden.

Kitas stoßen ebenso an Grenzen. Beispielsweise die städtische Kita Rieselfeld. Im Obergeschoss hatte es mehrfach weit über 30 Grad. Kinder mussten zu Hause bleiben oder früher abgeholt werden. Der Groll bei Eltern war groß. Das Rathaus bemühte sich, die Wogen zu glätten: „Es lief nicht alles optimal und wir haben festgestellt, dass wir noch nicht ausreichend auf diese Situationen vorbereitet sind“, heißt es in einem Schreiben, das dem chilli vorliegt. Die Grenze des Erlaubten wurde im Laufe des Sommers höher gelegt. Anfangs hieß es: Über 30 Grad ist keine Betreuung möglich. Dann stieg das Limit auf 35 Grad.

Nun sollen in drei Häusern Kühlgeräte getestet werden: Kita Vauban, Kita Rieselfeld, Kita Sonnengarten. Die Forderung kam von Elternseite, heißt es. Also sollen auch sie die Geräte finanzieren. „Das Projekt kam auf dringende Bitte der Elternschaft zustande“, erklärt Rathaus-Sprecher Toni Klein. Doch man ist wenig überzeugt: „Wir halten die Lösung eher für ungeeignet, da Monoblockgeräte in den Räumen einen Unterdruck erzeugen, durch den wieder heiße Luft in den Raum gezogen wird.“

Wüste: Der Stühlinger Kirchplatz gleicht 
Szenen der Post-Apokalypse-Serie „Fallout“

Wüste: Der Stühlinger Kirchplatz gleicht Szenen der Post-Apokalypse-Serie „Fallout“

Das Problem, so Klein: „Mobile Klimageräte kühlen Innenräume, geben die Wärme aber nach außen ab und erhöhen so die Umgebungstemperatur.“ Nachhaltiger seien Verschattung, Begrünung und die Reduzierung versiegelter Flächen.

Auch das Stadttheater hatte zu kämpfen. Das Große Haus hat nur eine Frisch­luftanlage, die Außenluft ansaugt. „Hier ist es bei Extremtemperaturen sehr warm, insbesondere in den oberen Rängen“, berichtet Sprecherin Shirin Saber. Für  Publikum und Mitarbeitende eine Herausforderung. Zwei Veranstaltungen wurden abgesagt.

Das Haus hat Maßnahmen ergriffen: „Für Mitarbeitende gibt es ein Hitzeschutzkonzept“, erklärt Saber. Unter anderem können sie Arbeiten und Proben in frühere Stunden verlegen oder ins Homeoffice gehen. Ventilatoren wurden aufgestellt, Kühlwesten werden ausgegeben, Coworking-Areas in klimatisierten Räumen eingerichtet.

Bei Aufführungen im Großen Saal wurde kostenlos Wasser an Besucher·innen verteilt, das man mit in den Saal nehmen konnte. Auch eigene Flaschen waren erlaubt. Tickets wurden „unkompliziert umgetauscht“, erklärt Saber. Drückend heiß blieb es dennoch im Großen Saal. „Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich nicht gekommen“, sagte eine Besucherin nach einer Aufführung Anfang Juli. Was helfen könnte? „Perspektivisch nur eine Klimaanlage“, sagt Sprecherin Saber.

Erwischt hat es auch die Uniklinik: „Die Hitze hat uns – wie eigentlich alle Kliniken – stark betroffen“, so Sprecher Johannes Faber. Besonders problematisch: dass die Gebäude während mehrtägiger Hitzeperioden auch nachts kaum abkühlten. Am stärksten betroffen: „ältere, nicht klimatisierte Gebäude sowie deren obere Stockwerke“, so Faber. Dort staut sich die Wärme besonders.

Die Klinik hat eine Taskforce eingerichtet. Sie ergriff kurzfristige Schutzmaßnahmen, berichtet Faber: die Installation von mehr als 50 mobilen Klimageräten (von denen einzelne ganze Klinikflure kühlen), Kühlzonen, großflächige Fensterfolierungen sowie nächtliches Lüften und Abdunkeln am Tag. Außerdem hätten körperlich schwer arbeitende Bereiche zum Teil den Arbeitsbeginn von 7 Uhr auf 6 Uhr vorverlegt.

Faber fasst zusammen: „Die Maßnahmen haben in besonders heißen Bereichen Entlastung gebracht. Eine flächendeckende und dauerhafte Lösung können sie aber nicht bieten.“ Es brauche eine wirksame Gebäudekühlung, besseren Sonnenschutz und die hitzeresiliente Sanierung älterer Gebäude. „Die notwendigen Maßnahmen erfordern eine verlässliche Finanzierung durch die Politik“, sagt Faber. Ohne Kühlung könnten bestimmte Bereiche des Klinikums langfristig ausfallen.

Mit Blick auf die Hotspots schlägt auch die Freiburger Grünen-Fraktion Alarm. Sie fordert einen „Hitzeschutz für besonders belastete Gruppen mit Sofortmaßnahmen“. Eine Forderung: „Wir schlagen vor, kühle öffentliche Räume stärker als Kühloasen zum Schutz vor Hitze zu nutzen“, so Stadtrat Hannes Wagner. Dabei seien auch Kooperationen mit Kirchen denkbar. Zudem fordert er mehr Trinkwasserbrunnen: „Der Zugang zu Trinkwasser muss auch im öffentlichen Raum für alle gewährleistet sein.“ Gegebenenfalls müssten dafür die Kapazitäten im Garten- und Tiefbauamt erhöht werden.

Das Rathaus ist schon lange am Thema dran. Seit 2018 gibt es ein Hitzeanpassungskonzept. Darin zu finden sind Punkte wie die Begrünung von Dächern und Fassaden, das Schaffen von Schattenplätzen, das Erhalten und Vernetzen von Grün­flächen sowie die Integration von Wasserelementen im öffentlichen Raum. „Das wird bei allen städtebaulichen Planungen berücksichtigt“, erklärt Sprecher Toni Klein.

Trauerspiel: Die Wiesen im Seepark sind ausgebrannt. Richtig Regen gab's lange nicht.

Trauerspiel: Die Wiesen im Seepark sind ausgebrannt. Richtig Regen gab’s lange nicht.

Zusätzlich wird an einem Hitzeaktionsplan gearbeitet. „Seit Juni 2026 können Bürger ihre Erfahrungen einbringen“, erklärt Klein. Ziel sei, besonders gefährdete Gruppen gezielt zu schützen. Der Plan soll Mitte 2027 fertiggestellt sein.

Doch die Maßnahmen sind kein Selbstläufer: „Die Umsetzung hängt von technischen Gegebenheiten und vor allem von ihrer Finanzierbarkeit ab“, erklärt Klein. Klimaanlagen in städtischen Kitas – wie sie der Freiburger Meteorologe Andreas Christen im chilli-Interview fordert (siehe Seite 11), gibt es bisher nicht. „Hauptgründe sind der hohe Energieverbrauch und die Wartungsintensität“, sagt Klein. Bei geeigneten Neubauprojekten (Kita im Moos, Kita Violett) setze die Stadt auf Grundwasserkühlung. Klein fasst zusammen: „Hitzeschutz gelingt nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch eine Kombination von baulichen und organisatorischen Maßnahmen sowie durch Anpassung des Nutzerverhaltens.“ Einen innovativen technischen Ansatz entwickelt zudem das Freiburger Start-up Qurie. Ihre Idee: Mittels Festkörpertechnologie soll Kühlen künftig effizienter, leiser und ganz ohne klimaschädliche Kältemittel möglich werden (wir berichteten).

Ob Freiburg besser aufgestellt ist als andere Kommunen? „Das können wir nicht beurteilen“, sagt Klein. Man sehe aber, dass das Rathaus regelmäßig Anfragen nach Hitze-Strategien erreichen – zuletzt aus Dresden.

Vor allem Ältere sind oft Opfer der Hitze. Laut Robert Koch Institut (RKI) sind allein in der Woche vom 22. bis 28. Juni bundesweit 9600 Menschen daran gestorben. Laut RKI sind das vor allem Menschen ab 75 Jahren. In Freiburg gibt es genau für die Zielgruppe das Hitzetelefon. Rund 50 Menschen nutzen es derzeit, berichtet Carolin Fessler vom Hausruf-Notdienst.

Zum kostenfreien Angebot können sich Senior·innen anmelden. Sie erhalten einen wöchentlichen Anruf. Fessler: „Ziel ist die individuelle Beratung zum Umgang mit Hitze.“ Nicht jeder schnell dahergesagte Tipp sei sinnvoll. Viel zu trinken ist zum Beispiel für Menschen mit Herzleiden nicht unbedingt ratsam. Vulnerable Gruppen werden so durch die Sommermonate begleitet. „Das wird mit großer Dankbarkeit angenommen“, sagt Fessler. Schließlich könnten viele betagtere Menschen bei großer Hitze kaum noch ihre Wohnungen verlassen. Zunehmende Einsamkeit ist die Folge.

Die Hotspots sind zahlreich in Freiburg. Die Heißzeit wirft Fragen auf, die uns lange beschäftigen werden. Ein viraler Slogan des Sommers wirkt lustig, ist aber bitterernst: „Das ist er der kälteste Sommer – für den Rest unseres Lebens.“

 

Fotos: © Till Neumann