»Hatten wir noch nie« – Meteorologe misst heftige Rekorde Natur & Umwelt | 20.08.2026 | Till Neumann
Hat klare Forderungen: der Meteorologe Andreas Christen von der Uni Freiburg
Extrem heiß. Extrem trocken. Der Sommer alarmiert. Das sagt Meteorologe Andreas Christen (Uni Freiburg). Im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann erzählt er von heftigen Zahlen und düsteren Aussichten. Von einem Klimaanlagen-Tabu hält er nichts.
chilli: Freiburg erlebt einen Rekord-Sommer. Wie schlimm ist es?
Christen: Dieser Sommer ist außergewöhnlich in Bezug auf die hohen Temperaturen, aber auch die Trockenheit. Wir erwarten aufgrund des Klimawandels, dass Extreme zunehmen. Hitzewellen werden nicht nur häufiger, sondern auch länger und stärker.
chilli: Wie messen Sie das?
Christen: Das Klima ist dort relevant, wo wir leben. Daher messen wir vorwiegend auf Straßenebene. In der Regel drei Meter über dem Boden. Wir messen aber auch in Innenräumen, zum Beispiel in kritischer Infrastruktur, um zu schauen, wie sich Gebäude aufwärmen. Zudem messen wir in 50 Metern Höhe auf dem Chemiehochhaus, um das Wetter zu charakterisieren.
chilli: Es gab gleich mehrere Rekorde.
Christen: Ja. Am 27. Juni hatten wir die höchsten jemals gemessenen Lufttemperaturen in der Stadt. Auf dem Chemiehochhaus (50 Meter über Freiburg) war es 38,8 Grad heiß (2003: 38,0 Grad). Wir hatten Ende Juni zudem 14 aufeinanderfolgende Tropennächte. Das sind Nächte mit Temperaturen über 20 Grad. Das hatten wir noch nie. Im Jahrhundertsommer 2003 waren es 12 in Folge.
chilli: Wie schockiert sind Sie?
Christen: Der Klimawandel schreitet deutlich rascher fort, als die meisten Klimamodelle es abgebildet haben.
chilli: Dabei waren die vergangenen Jahre schon extrem.
Christen: Wir hatten sehr trockene und warme Sommer in den Jahren 2018, 2020, 2022 und 2023. 2024 und 2025 waren eher feucht, aber auch warm. Wir haben also eine Häufung solcher warmen und teilweise auch sehr trockenen Sommern in der Region.
chilli: Was ist schlimmer: Die Rekordhitze oder dass sie schon im Juni kam?
Christen: Beides war erstaunlich. Sogar im Wald, der sonst kühlt, hatten wir über 40 Grad. Das sind Rekorde der letzten 50 Jahre. So warm war’s noch nie.
chilli: Kritiker würden sagen: Der Sommer ist heiß, Klimawandel Alarmismus.
Christen: Ein einziger Rekord ist noch kein Klimawandel. Doch die Häufigkeit solcher Extreme ist herausragend und nur mit dem Klimawandel zu erklären. Wir haben in der Region Freiburg auch eine klare Zunahme an Sonnenstrahlung. Das liegt daran, dass wir weniger Wolken haben. Wir sehen einen klaren Trend: Wir kommen mehr und mehr in den Einfluss eines Mittelmeerklimas. Das globale Ziel der Erwärmung von 1,5 Grad ist hier vor Ort längst vorbei. Die Erwärmung in Freiburg geht über 2 Grad hinaus.
chilli: Sie haben erstaunliche Temperaturunterschiede in der Stadt gemessen.
Christen: Genau. Tagsüber sind die Lufttemperaturen zwar fast überall ähnlich hoch. Ende Juni oder am 30. Juli haben wir in fast allen Stadtteilen auf Straßenebene über 40 Grad gemessen. Was tagsüber eine Rolle spielt, ist Beschattung und ob Wind bläst. Interessant wird es nachts: Da kühlt die Stadt je mehr Bausubstanz da ist langsamer aus. Wenn ich aber auf offenem Feld bin, wird es abends fast frisch.
chilli: Wo ist es am heißesten nachts?
Christen: Da, wo die Stadt am dichtesten ist. Bei uns ist das ganz klar die Altstadt. Was ich auch nicht geglaubt hätte: Da hatten wir eine Megatropennacht: Da sank die Lufttemperatur nie unter 29 Grad. Da kann man lüften so viel man will, es bleibt unangenehm.

Brennpunkt: Höchstwerte am 30. Juli. Dem zweitheißesten je gemessenen in Tag in Freiburg.
chilli: Am Stadtrand wird es besser?
Christen: Ja. Wenn wir nahe an Wäldern oder Hängen sind wie in Zähringen, der Wiehre oder in Günterstal kommt nachts kühlende Frischluft. Auch entlang des Dreisamtals. Da hat es große Windsysteme, der Bergwind Höllentäler kühlt die Stadt. So bekommen wir Unterschiede innerhalb der Stadt von bis zu 10 Grad. In der Stadtmitte kann es 29 Grad heiß sein. Vor den Toren der Stadt kann es auf 19 Grad abkühlen.
chilli: Was heißt das für Stadtplanung?
Christen: Wir können Städte nicht so bauen, dass alles versiegelt und ausufernd bebaut wird. Wir brauchen kompakte Städte der kurzen Wege. Das macht auch das Freiburg-Feeling aus. Dramatisch ist: Wir haben das größte Klinikum hier im südbadischen Bereich, das Uniklinikum, direkt an einem Hitzehotspot. Das können wir nicht einfach umsetzen. Wir können auch nicht den Schlossberg, wie ich mal im Spaß gesagt habe, abtragen, damit mehr Wind reinkommt nach Norden.
chilli: Was können wir von anderen Regionen lernen?
Christen: Wir müssen uns anpassen, klimaresilienter werden. Wir müssen nicht nur reagieren, sondern uns proaktiv anpassen. Es gibt eine ganze Reihe von Hitzeschutzmaßnahmen, doch alle haben Grenzen. Wir können zum Beispiel mit grüner Infrastruktur wie Bäumen ein, zwei Grad runterkühlen. Auch mit dem Beschatten von Gebäuden können wir einiges erreichen. Oder mit Infokampagnen zum geschickten Lüften. Aber wenn ich eine Tropennacht von 29 Grad habe, da kommen wir nicht mehr ohne Klimaanlagen aus.
chilli: Das Thema ist kontrovers.
Christen: Ich bin kein Fan davon zu sagen, jedes Haus braucht eine Klimaanlage in Freiburg. Aber zumindest müssen wir kritische Infrastrukturen ausstatten: Schulen, Pflegeheime, Krankenhäuser und so weiter. Es geht nicht um den Komfort, sondern dass sie einsatzbereit sind, wenn die nächste Hitzewelle kommt. Ohne geht es nicht mehr.
chilli: Das sind Energiefresser.
Christen: Wir brauchen geschickte Ideen. Man sollte Kühlanlagen, die einen massiven Energieverbrauch haben, begrenzt einsetzen. Nicht großflächig, sondern um gezielt kühlende Räume zu schaffen. Idealerweise natürlich mit Photovoltaik betrieben. Also mit Energie, die uns in solchen Hitzewellen zur Verfügung steht. Während der letzten Wochen war Überschussenergie vorhanden, die Strompreise auf dem kommerziellen Markt waren negativ.
chilli: Sie sehen das auch als Klimagerechtigkeit.
Christen: Ja. Man muss auch an Menschen denken, die marginalisiert sind, die auf der Straße leben. Man kann ihnen Cool-Spots bereitstellen. Räume, in die sich Menschen, die keine Wohnung haben, zurückziehen können.
chilli: Welchen Effekt haben Klimaanlagen auf die Außentemperaturen?
Christen: Wenn ich viele Klimaanlagen in einer Stadt habe, wird es merklich Abwärme geben, die die Außenluft noch mehr erhitzt. Etwa ein bis zwei Grad zusätzlich. Das wäre aber nur der Fall, wenn sie großflächig eingesetzt werden. Wir müssen umdenken. Kein Mensch will dauerhaft 19 Grad. Aber wenn es 35 sind und die Kinder umkippen oder die Älteren in den Pflegeheimen, dann habe ich als Gesellschaft die Verantwortung nicht übernommen.
chilli: Wie gut steht Freiburg da?
Christen: Freiburg hat eine Vorreiterrolle bei Klimaanpassung. Wir sind eine Stadt, die sich Klimaschutz und Klimaanpassungen leisten kann. Und das macht sie gut. Das Problem ist eher, dass kleinere Kommunen nicht die Mittel haben. Also müssen wir die Gemeinden stärken – finanziell wie auch mit Informationen. Warum nicht Städtepartnerschaften mit Südeuropa nutzen, um sich über Lösungen auszutauschen?
chilli: Was können wir als Bürger tun?
Christen: Da kann man viel machen. Zum einen auf Mitmenschen schauen – vor allem ältere. Sind die noch okay? Man kann seine Arbeitszeiten, wenn möglich, anpassen. Wer mit der Gestaltung des Stadtraums nicht zufrieden ist, sollte sich politisch einsetzen. Hitzewellen werden stärker, häufiger und länger. Da hat jeder auch eine Verantwortung in der Demokratie, Prioritäten mitzugestalten.
Foto: © Klaus Polkowski
Karte: Data: University of Freiburg / Funding: European Research Council (ERC) Grant: 85505 (ubispere). | © Mapbox © OpenStreetMap









