„Peinliche“ Zeiten für Frauen: Hexenwahn in Freiburg STADTGEPLAUDER | 06.04.2019 | Stella Schewe
Freiburg gilt heute als liberal und offen, im 16. Jahrhundert jedoch hatte der Hexenwahn die Stadt erfasst. Wie schlimm es den Frauen damals erging, schildert die Tour „Hexen, Folter, Scheiterhaufen“.
Sie zählt zu den Klassikern der Stadtführungen von Historix-Tours. Seit 1999 ist die historische Tour zum Thema Hexenwahn im Programm und hat auch nach 20 Jahren nichts von ihrem Schrecken verloren. Ihr (trauriges) Thema: Allein in Freiburg wurden zwischen 1580 und 1630, also in der Hochphase der Hexenverfolgung, 42 Todesurteile vollstreckt. 40 Frauen und zwei Männer ließen wegen angeblicher Hexerei ihr Leben.
Bund mit dem Teufel
Drei Schicksale stehen im Mittelpunkt der Tour, die an der Martinskirche am Rathausplatz startet. Hier erwartet Isabel Rothe in historischen Gewändern, mit roten Haaren und einer Laterne in der Hand – „Folgen Sie dem Licht!“ – die Teilnehmer und führt gleich tief ins Thema ein. Sie erzählt von Thomas von Aquins mittelalterlicher Theorie eines „Heers von bösen Geistern und Dämonen, die Diener des Teufels seien“, der theoretischen Grundlage für das, was dann in der frühen Neuzeit geschah: „Diese perfide Art der Argumentation, dass Menschen mit besonderem Wissen, wie Kräuterweiber oder Hebammen, mit dem Teufel im Bunde stehen mussten.“
Eines solchen Bundes wurden Ende des 16. Jahrhunderts auch die Freiburgerinnen Margaretha Mößmerin, Catharina Stadellmenin und Anna Wolffartin verdächtigt: alle drei angesehene Bürgerinnen, deren Männer starben und die danach ein selbstbestimmtes Leben führten – sehr zum Argwohn ihrer Nachbarn. So übernahm etwa Margaretha Mößmerin sämtliche Familienangelegenheiten, nachdem ihr Mann, der ehemalige Stadtrat Jacob Baur, sich aus Altersgründen zurückgezogen hatte. „Das irritierte die Leute. Man redete, tratschte über sie“, erklärt Rothe, wie es zu dem Vorwurf der Hexerei kommen konnte. Als sie nach dem Tod ihres Mannes verarmte und gleich mehrere Leute gegen sie aussagten, habe sie keine Chance mehr gehabt. „Sie wurde in ein kaltes, dunkles Verlies geworfen.“
„Man hab sie sehen tanzen und springen“
Und zwar im Predigertor, an dessen Stelle heute ein gläserner Büroturm steht. Dort traf sie Catharina Stadellmenin. Diese vermietete nach dem Tod ihres Mannes, des Schlossermeisters Michael Bantzer, im Jahr 1593 Zimmer ihres Hauses in der Schiffstraße an Schüler und Studenten. Als ob das nicht schon Grund genug zum Argwohn gewesen wäre, sahen ihre Nachbarn sie auch noch „vielmals aus- und eingehen“ und sogar „tanzen und springen“. Neid, Rachsucht, aber auch einfach Angst – „die Leute glaubten damals ja wirklich an Hexen“, erzählt die ausgebildete Regisseurin – seien Motive gewesen, warum Frauen angeschwärzt wurden.
So auch bei Anna Wolffartin aus der Fischerau in der damaligen Schneckenvorstadt vor den Toren Freiburgs: Ihr Mann hinterließ ihr bei seinem Tod im Jahr 1591 Gerichtsstreitigkeiten, die sie zu Ende brachte. Damit machte sie sich Feinde, sie verarmte und landete schließlich ebenfalls im Verlies im Predigertor, wo das sogenannte „peinliche Verhör“ auf die drei Frauen wartete. Sprich die Folter. „Da wurde gestreckt und gedehnt, wo immer es ging“, sagt Rothe trocken. Oder der Oberschenkel so lange mit Eisenplatten in der Beinschraube zusammengequetscht, bis die Knochen splitterten. „Beliebt“ gewesen sei auch das Aufziehen mit am Rücken zusammengebundenen Armen an einem Strang, beim zweiten Mal wurde noch ein Stein an die Füße gebunden. „So oder so ähnlich wird es unseren Frauen ergangen sein.“

Doch die drei Frauen hielten stand und durften nach 18 Tagen – mit inneren Verletzungen und Knochenbrüchen „mehr oder minder lebendig“ – das Gefängnis wieder verlassen. Allerdings nur zum Schein. Kurz darauf wurden sie erneut festgenommen, dieses Mal in den Christoffelturm am nördlichen Ende der heutigen Kaiser-Joseph-Straße geworfen und dort so lange gefoltert, bis sie sich schließlich am 22. März 1599 des Paktes mit dem Teufel schuldig bekannten.
Am 24. März wurde das Todesurteil vollstreckt. Vor dem Basler Hof erinnert Rothe daran, dass die drei Frauen hier „auf einen Holzkarren gepackt und quer durch die Stadt gezogen wurden“, gefolgt von einer Menschentraube. „Eine Hinrichtung war damals ein Volksfest. Die ganze Stadt war auf den Beinen.“ Und so sei die Prozession durch die Große Gass, die heutige Kaiser Joseph-Straße, gezogen. Am Heiliggeistspital am Münsterplatz wurde noch einmal gestoppt – dort bekamen die Frauen aus einem Kelch einen letzten Schluck Wein –, bevor man sie schließlich durchs Martinstor zum „schaurigsten Ort“, dem Richtplatz am Holzmarkt führte.
„Folgen Sie ein letztes Mal dem Licht“, sagt die 52-Jährige düster und zeigt in der einbrechenden Dämmerung auf die Stelle vor dem Goethe Gymnasium, wo einst der Richtblock stand: Hier wurden die Frauen enthauptet und anschließend auf einem Scheiterhaufen am Radacker, ganz in der Nähe des Pressehauses an der Basler Straße, verbrannt. „Damit endeten die Freiburger Hexenprozesse.“ Das immerhin ist, am Ende der Tour, eine positive Wendung. Denn die drei Frauen hatten zwar ausgesagt, doch sich nur gegenseitig bezichtigt oder bereits hingerichtete Frauen beschuldigt. Weitere Namen brachten sie nicht ins Spiel, und somit hatte die Prozesswelle in Freiburg ein Ende. „Die letzte Frau, die als ‚Hexe’ starb, wurde 1751 in Endingen am Kaiserstuhl enthauptet.“
Historix-Tours „Hexen, Folter, Scheiterhaufen“
1., 8., 15., 22. und 29. April jew. 19.30 – 21 Uhr
6., 13., 20. und 27. April jew. 18.30 – 20 Uhr
Treffpunkt: Hauptportal der Martinskirche, Rathausplatz Freiburg
Fotos: © Stella Schewe










