Özdemir schlägt Hagel – Nach der Landtagswahl ist vor der OB-Wahl in Freiburg Politik & Wirtschaft | 13.03.2026 | Lars Bargmann
Anfang des Jahres lagen die Grünen in Baden-Württemberg rund zehn Prozent (!) hinter der CDU und haben mit einem fulminanten Schlussspurt doch noch als Erste die Ziellinie erreicht. Genauer: Cem Özdemir hat dieses kleine Wunder vollbracht. Aus Sicht der Wähler hat der Kandidat die Kompetenz geschlagen. Ohne Freiburg aber wäre das alles anders ausgegangen.
30,2 zu 29,7 hieß es am Ende eines spannenden Wahlabends. Die CDU mit Manuel Hagel musste sich knapp geschlagen geben. Sie holten zwar 5,6 Punkte mehr als 2021, ihr Ziel aber, nach 15 Jahren im einst christdemokratischen Musterländle wieder den Ministerpräsidenten zu stellen, das haben sie nicht erreicht.
Ginge es allein nach den Stimmenzuwächsen, hat die AfD die Wahl gewonnen: Sie holte 9,1 Prozent mehr als 2021 und verdoppelte damit ihr Ergebnis auf 18,8. Eine Nahtoderfahrung machten indes die Sozialdemokraten: 5,5 Prozent. Noch nie hat die SPD in einer Landtags- oder Bundestagswahl so schlecht abgeschnitten.
Freiburg spielte beim Herzschlagfinale durchaus eine tragende Rolle: Beide Wahlkreise haben die Grünen mit großem Vorsprung gewonnen und holten fast 49 Prozent der Stimmen – so viele wie noch nie zuvor. Ohne dieses Ergebnis wäre Özdemir nicht neuer Ministerpräsident geworden.
Da sowohl FDP als auch Linke an der Fünfprozenthürde scheiterten, sitzt die SPD nun sozusagen als „Juniorpartner“ der AfD auf der Oppositionsbank. Neben einer Partei, die vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet wird. Als Özdemir, der „anatolische Schwabe“, wie er sich selber nennt, im Oktober 2024 erklärte, er wolle Ministerpräsident werden, lagen die Grünen in Umfragen bei 18 Prozent. Nun ist er der neue Landesvater, der erste mit türkischen Wurzeln. Der Erbe von Winfried Kretschmann.

Cem Özdemir (l.): Hat Manuel Hagel noch abgefangen
Dass die CDU lieber neben einem solchen mitregieren will als mit Ministerpräsidentenmacht und der AfD, das könnte AfD-Chefin Alice Weidel besonders schmerzen. Hagel sagte am späten Wahl-Sonntag: „Für mich ist kein Amt so wichtig, dass ich mich mit Stimmen der AfD dort hineinwählen lasse.“
Die Grüne Nadyne Saint-Cast hat ihr Direktmandat im Landtag im Wahlkreis 47 verteidigt, auch ihre Parteikollegin Daniela Evers gewinnt erneut den Wahlkreis 46 und bleibt in Stuttgart. Über den Listenplatz 4 der SPD sitzt zudem Viviane Sigg künftig im Landesparlament. Aus dem Wahlkreis 48 (Breisgau) werden CDU-Mann Patrick Rapp mit Direktmandat und – erstmals – die Grüne Anna Deparnay-Grunenberg über die Landesliste ins Parlament einziehen.
Das Wahlergebnis bedeutet im „Superwahljahr“ einen Fehlstart für die Bundeskoalition und gibt in Freiburg der von den Grünen unterstützten Kandidatin Monika Stein bei der anstehenden OB-Wahl vielleicht Rückenwind. Stein kann auch auf die Unterstützung von Linke Liste, Unabhängige Frauen, Grüne Alternative; die Liste Inklusion und Teilhabe und Urbanes Freiburg zählen. Ein grün-linkes Bündnis. Die 55-Jährige hatte 14 Jahre lang im Gemeinderat gesessen und bei der OB-Wahl 2018 rund 25 Prozent geschafft.
Aus der bürgerlichen Mitte versucht es Achim Wiehle. Seine Kandidatur wird mitgetragen von der CDU, die erneut keinen eigenen Kandidaten aufstellte. Der 54-Jährige ist Unternehmer und leitet zwei Großhandelsunternehmen. Wiehle war Mitinitiator und Gründungsmitglied der Wählervereinigung Bürger für Freiburg.
Amtsinhaber Martin Horn, der vor acht Jahren spektakulär gegen Dieter Salomon gewonnen hatte, kann längst nicht nur auf die Stimme aus dem SPD-Umfeld zählen. Der 40-Jährige genießt in der Stadtgesellschaft hohe Beliebtheitswerte. Insgesamt gab es zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe elf Kandidatinnen und Kandidaten (siehe folgende Seiten).
War diese Landtagswahl auf erstaunlichem Niveau eine Persönlichkeitswahl, so sind das Oberbürgermeisterwahlen von jeher. Deswegen dürfte der Einfluss der bundespolitischen und auch landespolitischen Großwetterlage nur sehr bedingt auf Freiburg wirken. Das gilt für CDU und SPD genauso wie für die Grünen.
Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass es zwischen Horn, Stein und Wiehle im ersten Wahlgang am 26. April zu einem Dreikampf kommt – und dass es dabei noch keinen Sieger geben wird. Wer in der Stadt Freiburg für die kommenden acht Jahre im politischen Chefsessel sitzen wird, wird sich vermutlich erst am 17. Mai entscheiden. Dann kommt es zu einer Stichwahl – erstmals nach neuem Wahlrecht nur zwischen den beiden Stimmenstärksten vom 26. April.









