Traditionelle Handwerkskunst – der eiserne Schmied STADTGEPLAUDER | 07.07.2020 | Arwen Stock

Schmied Friedrich Ernst

„Fritz“ oder Friedrich August Ernst ist der Dorfschmied von Bahlingen am Kaiserstuhl und ein echtes Original. Selbst im Alter von 85 Jahren steht er noch ganztags an Esse und Amboss. Sein Sohn Siegfried hat ihm deshalb ein Denkmal gesetzt.

Es ist dunkel, der Geruch von Eisen liegt in der Luft. Ordentlich hängen zahlreiche Zangen an der Wand. Friedrich August Ernst trägt seine Arbeitshose, lässt Sauerstoff in die Esse strömen. Flammen lodern aus der Kohle auf.

„Schmieden formt direkt das Material“, sagt der 85-Jährige, der 2018 mit dem Eisernen Meisterbrief für 60 Jahre im Schmiedeberuf ausgezeichnet wurde. Die Realität zeigt den Wert hinter der Ehrung: Es herrscht rege Nachfrage nach seinen Schlosser- und Schmiedearbeiten. Für Tore, Türen, Gitterwerk, aber auch wegen gebrochener Traktorenteile kommen die Bahlinger zu ihm.

Endlich glüht das Ende der langen Eisenstange in der Esse. Nun muss es schnell gehen: Ernst positioniert das rotglühende Metall auf dem Amboss. Schlag für Schlag bearbeitet er es, zuerst rund, dann zu einer flachen Spitze. Funken sprühen, dann erkaltet das Metall. Das Werkstück muss zurück in die Esse.

Friedrich August Ernst und Sohn Siegfried

Friedrich August Ernst ist 85 Jahre alt und steht noch von früh bis spät in seiner Schmiede. Mit Sohn Siegfried bearbeitet er zudem zwei Hektar Reben.

Bald glüht die Stange wieder. Während der Schmiedemeister die Stange und ein spitzes Werkzeug auf dem Amboss in Position hält, treibt Sohn Siegfried Ernst mit dem großen Hammer das spitze Werkzeug durchs Eisen. „Früher hat man Löcher ins Eisen geschmiedet, nicht gebohrt“, erklärt Friedrich Ernst, dessen Arbeit als Schmied sich seit der Lehre gewaltig geändert hat.

Geboren am 26. September 1934 in Bahlingen am Kaiserstuhl, war dem jungen „Fritz“ das Handwerk quasi in die Wiege gelegt. Als er in der väterlichen Schmiede 1949 seine Lehre antrat, ging mit ihm die fünfte Generation der Ernst-Schmiede in Bahlingen an den Start. Und Arbeit gab es genug.

„Als ich in Ausbildung war, gab es noch vier Schmiede in Bahlingen“, erinnert er sich. Seine Haupttätigkeit war die eines Huf- und Wagenschmieds. Da Kühe zur Feldarbeit gebraucht wurden, musste er regelmäßig die äußeren Klauen ihrer Vorderbeine mit einer Platte beschlagen. Pferde bekamen Hufeisen. Außerdem galt es Pflugscharen zu reparieren und zu schärfen.

Nach fünf Jahren als Geselle und erfolgreich absolvierter Meisterschule wurde Ernst 1958 zum Schmiedemeister ernannt. Im gleichen Jahr heiratete er seine Frau Liselotte – ein gutes Jahr später wurde Sohn Siegfried am 6. Oktober 1959 geboren.

Feuer und Wein

Der Wandel kam 1968 mit dem Erwerb des Nachbargebäudes, in dem Friedrich Ernst zusammen mit seinem Bruder Manfred eine Werkstatt und eine Tankstelle eröffnete. Die Schmiede lief weiter, vor allem Schlosserarbeiten waren gefragt. Dazu kam ein Landmaschinen- und Fahrzeughandel mit der Vertretung von Güldner- und Holder-Traktoren.

Schmied schlägt auf heißes Eisen

Schlag für Schlag bearbeitet Friedrich August Ernst das glühende Metall.

„Man ist auf dem Land All-Round-Mann gewesen“, erinnert sich der Jubilar an die Anfänge. Durch die steigende Nachfrage nach Automobilen drehte sich der Geschäftsschwerpunkt. Bald lag der Autoanteil bei 80 Prozent. 1974 wurde der Händlervertrag mit Ford geschlossen. Und Sohn Siegfried trat seine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker in Freiburg an. Danach stieg auch er ins Familiengeschäft ein.

In der Schmiede zeugt ein überdimensionales Hufeisen am Kamin vom nächsten Expansionsschritt: 1989 eröffnete Siegfried Ernst in Freiburg die Ford-Niederlassung. 1999 fusionierten die Ernsts mit der Familie König zum Autohaus Ernst + König, das heute rund 500 Mitarbeiter an 13 Standorten beschäftigt – von Offenburg bis an die Schweizer Grenze und von Konstanz bis nach Rottweil.

Die Bahlinger Keimzelle mit Schmiede, Tankstelle und Werkstatt ist eigenständig geblieben. Friedrich Ernst hat sich mittlerweile zwar aus den meisten Geschäften zurück-gezogen, steht aber immer noch werktags und samstags von 7.30 Uhr bis 17 Uhr an Amboss und Esse. Und sollte die Türe einmal verschlossen sein, gibt eine Schiefertafel Auskunft: „Bin im Weinberg.“

Den Lösshohlweg hinter der Schmiede geht es hoch auf den Silberberg, dort wachsen die Burgunder- und Müller-Thurgau-Reben der Familie. Zahllose Blumen, Lavendel, Lilien blühen zwischen den Reihen. „Hier ist er der König“, weiß Sohn Siegfried, der ihm gerne bei der Arbeit im Weinberg hilft.

Auch sonst ist der Junior ein großer Bewunderer seines Vaters: 2017 hat er von ihm als „Eiserner Schmiedemeister“ ein Denkmal fertigen lassen und vor die Schmiede gesetzt. Friedrich Ernst hat sich gefreut. Und bescheiden weitergeschafft, an dem Ort, an dem seit 1848 fünf Generationen Ernst-Schmiede fürs glühende Eisen und den Wein brennen.    

Fotos: © Bernhard Würzburge, ars