Das „bierernste“ chilli-Horoskop: Indoor-Edition von Hobby-Astrologe Jannis Jäger 4Literatur & Kolumnen | 01.12.2025 | Jannis Jäger
An der Decke sieht chilli-Orakel Jannis Jäger Sterne. Nach mehr oder weniger fokussiertem Studium der Himmelskörper verrät er, unter welchem Stern der neue Papst so steht.

Du hattest so große Pläne – Joggen, Wandern, Fitnessstudio. Doch jetzt ist der November da und dir wird wieder klar: Man kann ein völlig erfülltes Leben führen, wenn man den ganzen Tag unter einer Decke liegt. Nur ab und zu fragst du dich ein wenig bange: Mache ich 1000 Schritte am Tag zwischen Kühlschrank und Couch? Bestimmt.

Vier Wände sind dir vier zu viel. Doch wenn es um 16 Uhr dunkel wird und deine Freunde das Lied von „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ singen, ist es für dich an der Zeit, kreativ zu werden. Ball spielen auf 15 Quadratmeter? Ja, sicher. Und alle deine Nachbarn wissen: Es stehen schwere Zeiten bevor – vor allem für das Mobiliar.

Für dich ist es die schönste Zeit des Jahres. Eine Tasse Tee, ein paar Kerzen und die flauschigste Decke der Welt: Der Herbst bedeutet Me-Time. Dein einziger sozialer Umgang ist jetzt die Supermarkt-Kassiererin und darüber bist du erleichtert. Aber es beunruhigt dich doch, dass deine Kuscheltiere seit neuestem antworten.

Deine Selbstachtung leidet Indoor in keiner Weise. So viel hast du während drei Lock-Downs gelernt. Deine Jogginghose fühlt sich an wie die heißeste Mode und jeden Tag duschen ist für die Haut ja gar nicht so gesund. Auch deine Haare stören dich nicht. Warum auch. Das Fett lässt sie glänzen und seidig schimmern.

Du musst jetzt stark sein. Oder besser, deine Freunde müssen jetzt stark sein. Aber sie kennen dich Gott sei Dank gut genug und wissen, wie sehr du leidest. Yoga im Park wird zur Herausforderung. Barfußgehen fällt schwer, wenn der Winter naht. Doch ein Gutes hat es für deine Mitmenschen: Kein Nackt-Baden mehr in der Dreisam.

Andere nennen es Verwahrlosung, für dich ist es Lebensfreude. Auf keinen Fall haben die Stapel von schmutzigem Geschirr etwas mit Winter-Depression zu tun. Und wenn dir die Leute raten, doch bitte dein Vitamin D zu nehmen, lächelst du nur still und formst auf dem Fußboden Schnee-Engel in zerbröselten Kartoffel-Chips.

Im Herbst kehrt sich deine Identität um – aus Doktor Jekyll wird Mister Hyde. Deine molekulare Struktur scheint zu mutieren. Dein Fahrradhelm und Trikot verschwinden. Dafür sitzt der oversized Sweater plötzlich wie angegossen. Es ist der Lauf der Dinge, ein kosmisches Gesetz: Die Rennrad-Maus wird im Winter eben zur Gym-Rat.

Es dauert nicht lange, da sind alle Gewürze in deiner Küche etikettiert und alle Bücher alphabetisch sortiert. Alles ist fünfmal abgestaubt und du fängst plötzlich an, exzessiv zu häkeln. Nein, das ist nicht manisch. Das sind einfach Selbstschutzmaßnahmen. So häkelst du weiter – und der Topflappen wird schnell zur Tagesdecke.

Lange kriegt dich keiner zu Gesicht. Du wirst einsilbig in Chats und fällst höchstens durch deine Augenringe auf. Deine Freunde rätseln: Planst du deinen Weg an die Weltherrschaft? Schreibst du den Roman, von dem du immer gesprochen hast? Aus Angst, sie zu enttäuschen, behältst du die Wahrheit für dich: Gilmore Girls 24/7.

Online-Shopping ist jetzt dein Leben. Die Papiertonne quillt über und du fühlst dich schon sachte unwohl, jedes Mal, wenn du einen neuen Karton hinunterbringst. Andere Gedanken machst du dir nicht. Bezahlen ist kein Problem. Alles wird erst in 30 Tagen fällig – und wie wahrscheinlich ist es, dass so viel Zeit vergeht.

Die Zeit der Brettspiele ist gekommen. Doch jedes Jahr ist es dasselbe mit dem Siedler-von-Catan-Spiel: Es wird hitzig. Nachbarn rufen die Polizei. Und während du den harmlosen Spaß den augenrollenden Polizisten zu erklären versuchst, fliegen im Hintergrund Gegenstände und deine Mitbewohner brüllen sich an: „Erz gegen Holz? Nein man. Der will eine Stadt bauen.“

Wenn es draußen kalt, regnerisch und ungemütlich ist, lockt der Griff zum Korkenzieher. Du bestreitest schließlich unter widrigen Bedingungen deinen Alltag, da lechzt dein Belohnungszentrum nach Zuwendung. Und ganz ehrlich: Wenn es unhöflich ist, nach dem Alter zu fragen, dann muss es auch unhöflich sein, sich im November nach dem Weinkonsum zu erkundigen.
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