Freiburger Andruck am 3. März 2022: Fatma Sagir liest im Literaturhaus aus ihrem „Alphabet der Sehnsucht“ 4Literatur & Kolumnen | 01.03.2022 | Erika Weisser
„Orte, Dinge, Menschen“ – aus dem einstigen Schreibprojekt der Freiburger Autorin, Kulturanthropologin und Übersetzerin Fatma Sagir ist nun ein Buch geworden. „Alphabet der Sehnsucht“ heißt es und sie buchstabiert darin die türkische Migrationsgeschichte in den 60 Jahren aus, die seit dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei im Jahr 1961 vergangen sind. In ihren poetischen Kurzprosa-Texten und Gedichten geht es um Erinnerung und Vergessen.
„Erinnerung bedeutet Anerkennung“, schreibt sie. Und es geht ihr dabei nicht nur und in erster Linie um persönliche Erinnerungen an ihre Eltern, ihre Kindheit und an ihre Erfahrungen als Tochter anatolischer „Gastarbeiter“ – dieses Wort verwendet sie als „historischen Arbeitsbegriff und ikonische Bezeichnung, die diese Menschen homogenisiert“. Es geht ihr vielmehr auch um die „offizielle und kollektive Erinnerungskultur dieses Landes“, in der eben diese „Gastarbeiter“ nicht sichtbar seien – und somit auch die gesellschaftliche, kulturelle und politische Anerkennung ihrer Leistung beim Aufbau der hiesigen Gesellschaft fehle.
Diese mangelnde Anerkennung, so macht es Sagir in ihren atmosphärischen und zugleich analytischen Texten nachvollziehbar, wird bis in die nachfolgenden Generationen als schmerzlich und existenziell bedrohlich erlebt. Denn sie seien dabei, vergessen zu werden – und aus dem kollektiven Erinnerungsvermögen ebenso zu verschwinden wie das heute kaum mehr verwendete Wort. „Das Vergessen, so denke ich manchmal, ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Das man da war und keiner hat es gemerkt und niemandem hat es genug bedeutet, um sich zu erinnern, dass man da war.“
In dem Stück „Kein Ort“ etwa schreibt sie über die letzte Reise ihres Vaters, der nur drei Jahre nach dem Ende seiner mehr als 40 Jahre währenden Berufstätigkeit in Deutschland starb. Er wollte in seiner Heimatstadt beigesetzt werden – ein Wunsch, den die Familie erfüllte. Doch bei der Rückkehr empfindet sie ein Gefühl des doppelten Verlusts: „Keine Spur von meinem Vater. Als ob er nie da gewesen, hier gewesen wäre, nicht die Mauern der Hochhaussiedlungen der Vorstadt gesetzt hätte. Nie an einer Werkbank gestanden“.
Fatma Sagir vergisst nicht. Nicht ihren Vater und die anderen nicht-dazu-Gehörigen und deshalb nicht-Bedachten. Nicht die Husserls, an deren ehemaligem Wohnhaus in Freiburg sie täglich vorbeigeht. Nicht die Frauen und Kinder, die am 29. Mai 1993 in Solingen in einem Haus verbrannten, das rassistisch motivierte Rechtsextremisten angezündet hatten. Nicht die Nagelbomben und die Morde des NSU. Nicht die in die vielen Stolpersteine gemeißelten Namen jener, „die man einst verraten und ermordet hat“. Und sie beklagt, dass es kein Mahnmal gibt, „das dem Rassismus der Gegenwart gilt“, dass die Grausamkeiten der Gegenwart vergessen werden.
Sie eröffnet aber auch einen Blick in die Lebenswelten der Übersehenen. Sie thematisiert etwa – und sehr eindringlich – die jährlichen Sommerferien-Reisen in die Türkei, die von oben bis unten mit besten Möbeln und deutschen Haushaltsgeräten ausgestatteten Häuser, die von Sommer zu Sommer vergeblich auf die endgültige Rückkehr der emigrierten Familien warteten.
In einem Text namens „Ein anderer Ort“ reflektiert Fatma Sagir ihre eigene Geschichte: Den Werdegang der ältesten, noch in der Türkei geborenen und verspätet eingeschulten Tochter einer Analphabetin zur eifrigsten und neugierigsten Bücherleserin der ganzen Schule. Und zur fleißigsten Nutzerin der nicht weit von der Wohnung gelegenen Stadtbücherei. „Es war das schiere Glück, wenn ich ein Buch in die Hand nahm, darin las, den Duft einsog. Unbeschreiblich. Freiheit. Sehnsucht. Abenteuer. Die Aufregung mit nichts vergleichbar.“ Sie habe, schreibt sie – und erinnert sich, so viel gelesen, dass ihre Eltern ihr es „manchmal sogar verboten“.
Nun liest sie aus diesen Geschichten: Donnerstag, 3. März 2022, 19.30 Literaturhaus Freiburg

Alphabet der Sehnsucht
Texte zum Vergessen
von Fatma Sagir
Verlag: Edition Schreibstimme, Uster (CH) 2021
166 Seiten
Preis: 16,90 Euro
Foto: © privat










