Scrollen, zocken, verdrängen – Andreas‘ Weg aus der Mediensucht Featured | 04.10.2026 | Till Neumann
Nächtelang zocken und Filme schauen. Daher kaum mehr Zeit fürs Studium. So ging es Andreas Meier (Name geändert) aus Freiburg. Heute hat der 31-Jährige eine Therapie hinter sich – und sein Medienverhalten einigermaßen im Griff. Im f79 erzählt er, wie es zur Sucht kam und was ihm geholfen hat. Eine Suchtberaterin berichtet von „lange steigenden“ Zahlen.
„Ich habe schon immer viel Medien konsumiert“, berichtet Andreas im Videocall. Dass sein Konsum problematisch ist, merkte er, als er immer mehr selbst gesteckte Ziele nicht mehr erreichte. „Ich habe sehr gerne prokrastiniert mit Medienkonsum“, so Andreas. Das half ihm, negative Gefühle loszuwerden: Die Angst zu scheitern. Die Angst, andere zu enttäuschen. Die Angst vor Einsamkeit. Er merkte: „Ich mache alles, außer mich ums Studium zu kümmern.“
Drei Dinge suchtete er: Netflix, Youtube und Gaming. Von Instagram hatte er sich schon vorher verabschiedet. Nächtelang saß er dennoch vor dem Bildschirm, zockte immer öfter, ohne wirklich Spaß dabei zu haben. Und sagte sich danach: „Ich habe die ganze Nacht sowieso verschissen, jetzt kann ich eh nix mehr machen.“
Teilweise kam er nicht mal mehr aus dem Bett. Das Handy lief auch tagsüber „in jeder freien Minute“. Sogar beim Kochen und Zähneputzen. Auf acht bis zehn Stunden Medienzeit schätzt er seinen damaligen Konsum. Seine Erkenntnis vor rund einem Jahr: „Ich verbaue mir mein Studium.“
Der Zufall half, in Behandlung zu kommen: Als ADHS-Patient war er in Therapie. Dort berichtete er von seinen Medien-Eskapaden. Die Beraterin empfahl ihm eine Suchtberatung. Andreas – erst mal verwundert – wandte sich an die Suchthilfe des AGJ Fachverbands in Freiburg. Dort gab es eine Erstberatung, und langsam dämmerte es ihm: „Ich musste mir eingestehen, ich habe ein problematisches Konsumverhalten.“
Der Weg dahin war schwer. „Medienkonsum ist so selbstverständlich in unserer Zeit“, sagt Andreas. Vier Stunden vor dem Bildschirm werde toleriert. Gaming könne identitätsstiftend sein. Er fragte sich: Was bedeutet es überhaupt, mediensüchtig zu sein?
Bei der Beratung mit anschließender Therapie fand er Antworten. Seine Sucht ist eine Flucht vor sich selbst, die Vermeidung von Gefühlen. Schließlich nahm er ein Urlaubssemester und ging drei Monate in eine Rehaklinik. Dort traf er in Gruppengesprächen auch auf Menschen mit anderen Süchten: Glücksspiel, Cannabis, Alkohol, Pornografie.
„Es hat mir geholfen zu wissen, dass ich nicht alleine bin“, erzählt Andreas. Er begann sich selbst besser zu verstehen – mit Blick auf die Geschichten anderer Abhängiger.
Heute arbeitet Andreas mit einem Ampelsystem. Rot sind No-Gos wie Instagram, Youtube-Shorts oder Pornografie. Gelb sind Dinge, die gefährlich werden könnten, wenn es exzessiv wird. Beispielsweise Netflix oder Youtube. Grün ist Unproblematisches wie chatten mit Freunden, E-Mails oder Online-Banking.
Er hat gelernt, was ihm guttut und was ihm schadet. „Eine klare Beschränkung hat mir geholfen“, erzählt er. Dazu stellt er sich Fragen: Was will ich eigentlich? Was möchte ich mit meinem Konsum füttern? Ist das Video wirklich nötig?
Den Platz von ausgedehnten Medienzeiten nehmen nun andere Dinge ein. Yoga beispielsweise. Oder Kerzenziehen. Oder Lesen. Freunde treffen, sich sozial engagieren oder auch mal nichts tun. „Man muss eine Balance finden zwischen gesunder Aktivität, die mich aufbaut, und kreativem Schaffen“, sagt der Student.
Doch Medien sind weiterhin Teil seines Lebens. Dazu gehört ein Filmabend mit Freunden ebenso wie ein Yoga-Youtube-Tutorial. Achtsam sein, das ist ihm wichtig. Dennoch bleibt die Balance ein Kampf: „Oft genug bin ich immer noch unachtsam, schaue ein Youtube-Video und frage mich: War das jetzt wirklich nötig?“ Medien sind schließlich omnipräsent, ein Teil unseres Lebens. Andreas: „Will man in der heutigen Gesellschaft medienabstinent sein, dann musst du auf eine einsame Insel ziehen.“
Mediensucht
„Mediensucht ist eine anerkannte Verhaltenssucht“, informiert der Verein aktiv-gegen-mediensucht.de. Betroffene verlieren die Kontrolle über ihre digitale Mediennutzung – bei Computerspielen, sozialen Medien oder Online-Aktivitäten. Besonders gefährdet sind Jugendliche: 21,4 Prozent der 10- bis 17-Jährigen haben eine riskante Mediennutzung, zeigt eine Studie der Krankenversicherung DAK.
Die Zahl der Betroffenen steigt, berichtet Christina Mundle-Weiser, Leiterin der Suchtberatung Freiburg des AGJ Fachverbands. „Es kommen immer mehr junge Erwachsene zu uns, die vor allem in Studium oder Ausbildung aufgrund ihres hohen Medienkonsums an ihre Grenzen kommen“, berichtet Mundle-Weiser. „Sie merken, dass sie den Konsum nicht stoppen können.“ Meist habe das schon während der Schulzeit hohe Ausmaße gehabt, wurde aber noch nicht als so belastend erkannt.
Die Sucht kann dramatische Folgen haben: „Die häufigste ,drastische‘ Folge ist der Arbeitsplatzverlust“, berichtet Mundle-Weiser. Die Person schaffe es durch den Konsum nicht mehr, ihrer Arbeit nachzugehen, meist durch Schlafmangel. Auch Trennungen seien nicht selten.
Was hilft? „Gute kurzfristige Maßnahmen können das Sperren für Apps, eine Liste mit erlaubten und verbotenen Apps (Medienampel) und die Ablenkung durch Hobbys sein“, so Mundle-Weiser. Am Ende sei es aber immer wichtig, die persönlichen Gründe für die Medienproblematik anzusehen und zu lösen.
Anlaufstellen //
aktiv-gegen-mediensucht.de & agj-freiburg.de









