„Ein Befreiungsschlag“ – Flrrn macht Weirdo-Pop – vor allem für sich selbst Musik | 28.06.2026 | Till Neumann

Schluss mit „Sauhaufen“: Multitalent Flrrn setzt auf solo Schluss mit „Sauhaufen“: Multitalent Flrrn setzt auf solo

Viele Instrumente, nur ein Musiker. Der Freiburger Joël Beierer aka Flirrn (31) wandelt seit einem Jahr auf Solopfaden. Als Multiinstrumentalist macht er Musik mit deutschen Texten der etwas anderen Art. Vor allem eins macht ihn dabei happy.

„Kreischender Weirdo-Pop am Rande des Fühlbaren!“ Ein Klick auf das erste Release belegt das eindrucksvoll. „Du schielst mir zwischen meine meine blickedichte Jalousien, paar Perlen Schweiß an meiner Scheibe, nur du und ich und die Gardinen.“ Das singt er in „Nie wieder Textil“ mit effektbeladener Stimme auf einen minimalistischen Elektrobeat.

Musik, die überrascht, Kanten zeigt. Dazu ein Musiker, der aus der Reihe tanzt: Auf dem Cover liegt der Mann unbekleidet am Boden. Nur eine halbtransparente Decke bedeckt seinen Körper.

„Nie wieder Textil“ – ein Plädoyer für mehr Nacktsein? „Der Song ist eine Spielerei: Das Gefühl, wenn man einer Person nah sein will und sich dem Rausch der Erotik hingibt“, erzählt Flrrn. Veröffentlicht hat er das Debüt im August 2025. Nur wenige Wochen vorher ist sein Soloprojekt gestartet – nach beendeten Bandprojekten: „Immer wieder ist jemand ausgestiegen, das hat mich genervt“, erzählt er. Also stand fest: „Fuck it, ich mache jetzt solo.“ So muss er keine Kompromisse mehr eingehen, keinen „Sauhaufen zusammenhalten“. Das Schöne für ihn: Das bringe ihn auch dazu, mehr live zocken zu wollen, zu den Leuten zu gehen.

Ob er sich nicht einsam fühlt? Nein, heißt es für den Musiker. „Ich habe schon immer alleine komponiert.“ Dafür spiele er neue Songs nun Freund·innen vor und begreift das Publikum als seine Crew: „Ich spiel mit denen.“

Sein erstes Instrument war Gitarre. Dann lernte er Drums, Keys und Saxophon. Mit einer Loopmaschine bringt er alles live zusammen. Legt seine Stimme drüber – getunt mit Effekten. Live geht’s ekstatisch zu: Flrrn-Shows stehen für Energie und Ausdruck. Ein Grund, in eine Keytar zu investieren (Mix aus Gitarre und Keyboard): „Ich will mich immer bewegen, habe keinen Bock, hinter den Tasten zu verschwinden.“

Texte schreibt Joël Beierer seit er 12 Jahre alt ist. Für Flrrn kramte er das Best-of aus der Schatzkammer: „8 Songs in 1,5 Monaten aus 5 Jahren gereiften Texten“, schreibt er auf Insta. In „Alles für den Genuss“ geht es um Sucht und Abhängigkeit. In „Vergissmeinnicht“ um Trauer und Tod. Themen mit Tiefgang, die mehrfaches Hinhören fordern, um den Sinn zu ergreifen.

So geht es auch Flrrn selbst, wenn er schreibt: „Es fängt immer mit dem Text an.“ Manchmal verliebe er sich in eine Line, ohne genau zu wissen, worum es geht. Trotzdem macht er sich auf die Reise, arbeite weiter, ergründet den Kern seiner Poesie.

Der schönste Moment: „Jedes Mal, wenn ich einen Song geknackt habe.“ Wenn er selbst verstanden hat, um was es geht. „Wenn ich es geschafft habe, in diesem Wirrwarr meines Kopfs meinen Gefühlen irgendwie nahe gekommen zu sein.“ Wenn es ihm dann noch gelingt, dazu passende Musik zu komponieren, kann er sagen: „That’s magic.“

Mit seiner Musik möchte er Menschen berühren. Noch wichtiger ist er selbst: „Ich schreibe erst mal für mich.“ Lange Jahre habe er an seiner eigenen Kunst gezweifelt, mittlerweile hat er mehr Vertrauen. Seine Songs sieht er als Ort, um sich und anderen zu begegnen. „Im Winter hatte ich gar keine Energie dafür, ein Tiefpunkt. Das kann ganz schön abfucken.“ Läuft es andersrum, geht’s ihm gut: „Wenn ich geile Songs schreibe, bin ich happy.“

Hauptberuflich leitet er die Kompanie Hanschitz & Beierer, entwickelt interdisziplinäre Tanz- und Zirkusproduktionen. Musik ist dafür ein „geiles Hobby“. „Andere gehen abends ein Bierchen trinken, ich hock mich allein ins Zimmer und schreib“, sagt Beierer.

Bei Konzerten lässt er es brodeln. „Flrrn ist eine provozierende Bühnenfigur, die manchmal das Publikum auch ein bisschen beleidigt“, sagt er selbst. Sein Projekt ist ein „Befreiungsschlag“. Wenn das Menschen erreicht, ist er umso glücklicher.

Live in freiburg
Flrrn ist am 16. Juli im Actionprogramm des ZMF zu sehen.

Foto: © Leonie Hardt