Wenn die KI Songs schreibt – Freiburger experimentert mit umstrittener Software Suno Musik | 01.06.2026 | Till Neumann
Kreativ mit KI:
Stefan Merkl beim Probe-Producing für einen Freiburg-Song
Der Song „Papaoutai (Afro-Soul)“ eroberte im Frühjahr weltweit die Charts und ging viral. Doch das Afrobeat-Remake des Stromae-Hits ist ein KI-Track. Ist das die Zukunft? Jein, findet der Freiburger Musiker Stefan Merkl. Er experimentiert intensiv mit KI – und hat mit chilli-Redakteur Till einen Freiburg-Track produziert. Das Ergebnis ist erstaunlich – schon nach 15 Minuten.
„Wir brauchen nur WLAN.“ Das ist Stefan Merkls einzige Bedingung für ein Probe-KI-Producing. Der 58-Jährige braucht abgesehen davon nur sein Tablet. Unser Ziel heute: Wir produzieren einen Freiburg-
Track mithilfe von KI.
So will Merkl zeigen, was sie mittlerweile kann – und was nicht. Seit einem halben Jahr beschäftigt sich der Komponist, Pianist, Bigband-Leiter und Musiklehrer intensiv mit KI-Producing. „Ich will checken, was up to date ist“, erzählt Merkl. Auch für seinen Job als Musiklehrer in Villingen, wo er sein Wissen an Schüler·innen weitergibt.
Drei Wege geht Merkl: „Ich lasse Songs produzieren, ich lasse alte Songs von mir per KI pimpen oder ich schaue, wie KI sie verändern kann.“ Dafür arbeitet er mit der US-Software Suno. Das Programm ist in den Schlagzeilen, da es von der Musikverwertungsgesellschaft Gema verklagt wurde. Suno hatte seine Systeme mit echten Songs trainiert – ohne zu bezahlen. Die Gema konnte das beweisen, da sie per Suno mit wenigen Prompts nahezu eins zu eins Songs reproduzieren konnte wie „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer.
Gema verklagt Suno fürs Füttern ihrer Programme
Unser Ziel heute: Wir wollen eine Freiburg-Hymne produzieren lassen. Merkls erster Schritt: Er lässt ChatGPT den Text schreiben. Die Schlagworte soll ich liefern. „Wie wäre es mit Freiburg meine City und mit dem Fahrrad Richtung Sonne?“ „Cool“, sagt Merkl und tippt ins Feld: „Schreibe einen Raphit mit Assonanzen und Binnenreimen. Verwende ,Freiburg ist ne geile City, mit dem Fahrrad Richtung Sonne‘ als Hook. Be Creative.“
Sekunden später haben wir einen Vorschlag. Doch der ist zu eintönig. Wir bitten um mehr Abwechslung. Auch Vorschlag zwei überzeugt nicht. „Sonne“ auf „Wonne“ zu reimen in einem Raphit? Da geht mehr. Wir bitten, das Wort zu ersetzen. Dann passt es:
„Freiburg ist ne geile City, mit dem Fahrrad Richtung Sonne / Freiheit in den Venen, jeder Atemzug pure Freude / Leichter Wind im Rücken, wir entkommen jeder Schwere / Zwischen Licht und Leben merkst du, dass ich hierher gehöre“
Zwei Strophen gibt’s on top. Jetzt wollen wir Musik draus machen. Also loggt sich Merkl auf Suno ein. Dort kopiert er die Lyrics hin und tippt Prompts ins Feld: uplifting HipHop Sounds with positive Vibes, include Soul Horn Section and backing vocals, energy riddim drums, club ready, female rapper.
„Deutsch ginge auch, aber besser auf Englisch“, erklärt Merkl. Ob das Ergebnis gut wird, weiß er nicht. Man brauche Geduld. Doch das Wichtigste komme erst. Bei „more options“ stellen wir die Parameter „vocal gender“, „weirdness“, „style influence“ und „duration“ ein. Dann drückt Merkl auf „create“.

Ist ein Hit geworden: Der KI-Remix „Papaoutai Afro Soul“, das Original ist von Stromae.
Rund zwei Minuten später haben wir wie gewünscht zwei fertige Songs zur Auswahl: Stimme, Beat, moderner Clubsound und Freiburg-Vibe. Alles drin. Doch überzeugt ist Merkl noch nicht. „Da geht mehr.“ Er möchte eine männliche Stimme testen und ergänzt: „male sexy voice“, stellt die „weirdness“ von 0 auf 30 Prozent. Los geht’s.
Während Suno arbeitet, erzählt Merkl: „Die besten Ergebnisse habe ich, wenn ich eigene Ideen einbringe.“ Zum Beispiel Akkorde mit einem Piano, Drum Grooves oder eine Gesangsline. Sonst klinge es sehr von der Stange. „Es kann schon sein, dass ich 10-mal rumprobiere, bis es gut wird.”
Suno ist bereit. Wir hören den neuen Track an. „Ooooh, Baby, das ist eine 8 von 10“, jubelt Merkl. „Den würde ich nehmen.“ Ich bestätige: krasser Song. Heftige Stimme, heftiger Beat. Das klingt nach einem Banger, wie er 2026 klingen muss.
Kriegt da Merkl keine kalten Füße? „Mir macht das keine Angst“, sagt er. Doch klar sei auch: „KI-Musik muss reguliert werden.“ Dass die Gema rechtlich vorgehe, sei richtig. Genau wie das Verbot des Musikportals Bandcamp, dort KI-Songs hochzuladen.
Andere Streamingplattformen tun das nicht: Spotify bekommt Kritik, da es eigene große Playlists mit KI-Musik füttert und so Abgaben spart. Deezer meldet, dass mehr als ein Drittel der Uploads KI-Tracks sind. Allein 60.000 neue KI-Titel werden dort täglich hochgeladen.
„Im besten Fall ist meine Komposition intakt geblieben“
Dass Musiker mit KI Schotter machen, findet Merkl fragwürdig. „Die meisten Suno-Nutzer wollen damit Geld verdienen.“ Sie würden Streamingportale überschwemmen, es ginge um Quantität statt Qualität. Er sieht Suno für sich eher als Co-Songwriter und Experimentier-Labor. „Ed Sheeran hat 20 Leute, die für ihn Sachen schreiben, ich probiere dafür Sachen mit KI.“ Die Ergebnisse seien manchmal sehr cool, manchmal oh mein Gott.
Am besten gefällt ihm Suno, wenn es Ideen für seine bestehenden Songs generiert. Wie könnten Streicher dazu klingen? Wie könnte ich Percussion und Techno mixen? „Im besten Fall ist meine Komposition von vorne bis hinten intakt geblieben“, betont Merkl. Dann könne er sich inspirieren lassen von KI-Vorschlägen.
Eins ist für ihn sicher: „KI wird niemals Live-Musiker·innen ersetzen.“ Die Interaktion mit Menschen, ihre Energie, ihr Humor, ihr Schweiß, das schaffe keine Maschine. Doch die Entwicklung ist rasant – und Vorbehalte bleiben groß: Wenn er Freund·innen seine KI-gepimpten Songs schickt, kommt zurück: „Boah krass.“ Wenn er die KI-Hilfe transparent macht, heißt es auch mal: „Du Trickser.“
Eine Ipsos-Studie für Deezer zeigt: 97 Prozent der Musikhörenden können nicht unterscheiden, ob ein Song KI ist oder nicht. Deezer ist laut eigenen Angaben das einzige große Streamingportal, das KI-Songs kennzeichnet.
KI-Freiburg-Track hören:
bit.ly/KI-Track-chilli










